Da Vinci Code, The - Sakrileg
(Da Vinci Code, The)

USA, 152min
R:Ron Howard
B:Dan Brown, Akiva Goldsman
D:Tom Hanks,
Jean Reno,
Audrey Tautou,
Ian McKellen,
Alfred Molina
L:IMDb
„I have to get to a library!”
Inhalt
Mitten in der Nacht wird der renommierte Harvard-Symbologe Robert Langdon in den Pariser Louvre gerufen: Der Museumsdirektor wurde ermordet. Seine Leiche, die in einer Körperhaltung wie der des Vitruvischen Mannes von Leonardo da Vinci aufgefunden wird, ist der erste grausige Hinweis in einer mysteriösen Kette aus Codes und Symbolen. Unter Einsatz seines Lebens entschlüsselt Langdon mit Hilfe der Polizei-Kryptografin, Sophie Neveu, versteckte Botschaften in den Kunstwerken Leonardo da Vincis. Alle verweisen auf eine sagenumwobene Bruderschaft, deren Mitglieder seit 2000 Jahren ein machtvolles Geheimnis bewahren. Die atemlose Schnitzeljagd führt Langdon und Sophie von Paris über London bis nach Schottland; währenddessen versuchen sie verzweifelt, den Code zu knacken, um mit ihm ein Geheimnis zu enthüllen, das die Menschheit in ihren Grundfesten erschüttern wird.
Kurzkommentar
Man wäre schon arg erstaunt gewesen, wenn ein Blockbuster mit einem derartigen medialen Getöse wie es Buch und Film des „Da Vinci Code“ evoziert haben, den „Erwartungen“ (welche konnten das überhaupt sein?) letztlich gerecht geworden wäre. Mit Ron Howard als Regisseur, einer Besetzung, die größtenteils nach Marketingschemata zusammengesucht wurde, und einer Vorlage, deren Plattitüdenhaftigkeit wohl nur noch durch ihre Humorlosigkeit übertroffen wird, ist der „Da Vinci Code“ schlicht der mittelmäßige Film geworden, der er werden musste. Möge sich Hollywood finanziell daran laben, um endlich wieder an Mut zu gewinnen.
Kritik
Sich über den Erfolg einfacher Unterhaltungsromane wie den des „Da Vinci Code“ aufzuregen, ist ähnlich klischeehaft wie die Aufregung über die Aufregung: darüber, dass die mediale Berichterstattung so umfassend sei, darüber, dass man keinen Schritt mehr gehen könne, ohne auf ein Plakat zu stossen, darüber, dass allerlei Kunsthistoriker und Theologen den Wahrheitsgehalt des Buches permanent widerlegen oder zumindest haarklein einschränken müssen. Der Gipfel der Absurdität wäre in der Tat gewesen, dem Film den Hinweis voranzustellen, dass er – trotz gegenteilig-verschmitztem Hinweis des Buches – im Kern eben doch Fiktion sei und bitte nicht wörtlich zu nehmen. Das wäre dann so ein Satz auf einem Niveau mit Warnmeldungen für Kinder („Don’t try this at home!“), genau genommen also das offenherzige Geständnis Hollywoods, derzeit lediglich Unterhaltung für ein Publikum mit dem Reflektionspotenzial Minderjähriger zu produzieren.

Wie man liest, haben Dan Brown und Drehbuchautor Akiva Goldsman die „kritischen“ Ansätze der Vorlage gar noch entschärft – symptomatisch für eine Produktion, die in nichts ehrlicher ist, als in ihrem Anspruch, richtig viel Pinkepinke einzutreiben. Wie einst Warner Bros. den sicheren Erfolg „Harry Potter“ beim treuen Gefolgsmann Chris Columbus in Auftrag gab, so setzt Sony Pictures auf Profilnullnummer Ron Howard – der hat bisher noch jeden Stoff glatt gebügelt und fachgerecht abgeliefert. Einzig die Besetzung Langdons mit Tom Hanks überrascht, ist Hanks zwar eine ebenso treue Seele wie Howard, aber ja keineswegs der neue Indiana Jones. Es spricht für Hanks, dass er in nahezu jeder Rolle glaubwürdig wirkt und auch das latent-ungepflegte Akademikertum Langdons treffend verkörpert, insgesamt ist seine Rolle aber äußerst blass, beinahe überflüssig: als Actionheld taugt Langdon nicht, vom Gegenteil – ein Stubenhocker, der über sich hinauswächst – erzählt sein Charakter aber auch nicht. Die Rätsel hätte auch Sophie als Kryptologin lösen können – mit Codes sollte sie ja vertraut sein. Für Langdon/Hanks bleibt im Grunde gar nichts, noch nicht einmal die dankbare Rolle des Skeptikers, der den Teil des Publikums hätte repräsentieren können, der Dan Browns zum teil ja durchaus gewitzte Hirngespinste allzu ernst genommen hätte.

Das zentrale Problem des Films ist aber ein anderes, nämlich das aller jüngsten US-Großproduktionen: sie sind mutlos und kompromissbereit bis zur Zehenspitze. Statt Browns Vorlage sinnvoll zu kürzen und die entstehende Konzentration zu nutzen, die fantastische Atmosphäre der Verschwörung zu kanalisieren, drücken Howard und Goldsman alles in den Film, was nur irgendwer vermissen könnte: jede Miniwendung, jede Handlungskleinigkeit, jede Rückblende. Zudem wird alles bebildert, nicht das Geringste bleibt der Fantasie – und spielt so ein Stoff nicht genau mit dieser mehr als mit allem anderen? – überlassen. „The Da Vinci Code“ ist eine auf 150min ausgedehnte Verfolgungsjagd, völlig ignorierend, dass eine Verfolgungsjagd nur spannend sein kann, wenn man die Protagonisten ausreichend kennt. Mit denen beschäftigt sich der Film – wie Browns Vorlage – aber leider nur am Rande: man gewinnt keinen Eindruck vom Alltag Langdons und Neveus, erfährt nichts von der Gravität, die so ein Ereignis – „das die Grundfeste der Menschheit erschüttern wird“ – auf sie ausüben mag. Denkt man an die zugegebenermaßen nur beschränkt vergleichbaren Indiana Jones-Teile zurück, so fällt auf, dass in ihnen ja nicht nur der Reiz des Abenteuers und Humors so attraktiv war, sondern vor allem die Faszination für das Mythologische, für das Undenkbare. Und Dr. Jones wurde auch kurz in seinem Alltag als Professor vorgestellt, denn ohne das Gewöhnliche ist das Ungewöhnliche nicht zu denken.

„The Da Vinci Code“ aber hakt nur die Kapitel des Buches ab, gewinnt kein eigenes Profil, geschweige denn Rhythmus. Er ist der Prototyp des seelenlosen Hollywood-Blockbusters: überladen, ungeduldig, gierig, einfallslos. Nur an einer Stelle findet er den Ansatz eines visuellen Äquivalents für den Atem der Geschichte und der Zeit, der so eine Story ja vor allem großartig macht und den Brown so vortrefflich zu bedienen versteht: Langdon und Neveu suchen die Westminster Abbey auf und auf dem Weg zum Eingang überlagern sich Vergangenheit und Gegenwart, Mittelalter und 21. Jahrhundert, Geister und Lebende. Kurz, nur ganz kurz, ist dem Zuschauer hier erlaubt zu spüren, dass dieser Ort ein Knotenpunkt der Zeiten sein könnte; ein Moment, in dem sich entscheidet, ob die Menschheitsgeschichte einfach nur eine Umrundung in ihrer historisch-theologischen Entwicklung abgeschlossen hat und den Zyklus abermals wiederholt oder ob hier eine Zäsur stattfindet und der Mensch den Mut aufbringt, sich zu redefinieren. Für den „Da Vinci Code“ wäre dies Gelegenheit gewesen, Film zu werden.

Braver Hollywoodthriller, inhaltlich keusch, handwerklich zahm


Thomas Schlömer