Verschwörung im Berlin-Express
(Skenbart)

Schweden, 100min
R:Peter Dalle
B:Peter Dalle
D:Gustav Hammarsten,
Magnus Roosmann,
Anna Björk,
Robert Gustafsson
L:IMDb
Inhalt
Gunnar, Lektor und Wittgenstein-Verehrer, kündigt 1945 seinen Job und bricht per Zug nach Berlin auf, um den Menschen Gutes zu tun und beim Wiederaufbau zu helfen. Auf seiner Reise trifft er zahlreiche kuriose Gestalten: Einen mörderischen Arzt, ein schwules Pärchen, Kriegsflüchtlinge, einen verstümmelten Soldaten. Und gänzlich unerwartet findet sich Gunnar in einer tödlichen Verschwörung wieder.
Kurzkommentar
Mit wunderbar falschem Nostalgie-Charme und reichlich verqueren Einfällen überzeugt "Verschwörung im Berlin-Express" als kurzweilige schwarze Komödie mit zusätzlichem, augenzwinkernden Hommage-Bonus an die berühmten Vorbilder.
Kritik
Auf den nordischen Filmtagen erhielt Regisseur Peter Dalle für sein Werk zwei Preise, darunter den Publikumspreis - und das durchaus zurecht: Die bunte (oder besser: schwarz-weisse) Mischung aus Thriller und Komödie, Hommage und Satire, moderner CGI und altmodischer Tricktechnik, bitterem Hintergrund und flapsiger Story ergibt eine leichte, wohlbekömmliche Mischung, wenn auch kein Meisterwerk.

Der Zug als Ort des Geschehens erweist sich als Klassiker, und ohne Scham bedient sich Dalle seiner filmischen Vorbilder, nimmt sie humor- und liebevoll aufs Korn. Die Story bewegt sich ebenfalls in bekannten, fast schon zwangsläufig vorgegebenen Bahnen: Ein Mord soll stattfinden, und der Zuschauer kann nur tatenlos zusehen. Die Frage ist allerdings weniger, wer der Mörder sein wird, sondern vielmehr, welche Kollateralschäden diese Verschwörung noch so mit sich bringt. Das makabre Arsenal reicht von Giftspritzen über Orangen bis hin zu Sprengstoff, und kaum einer der mitreisenden bleibt verschont.

Wohltuend hebt sich "Verschwörung im Berlin-Express" dennoch von der Konkurrenz dadurch ab, dass all die tödlichen Mißgeschicke, die schwarzen Elemente, nicht gezwungen plakativ und drastisch, also vorhersehbar und blutig, ausfallen, sondern im Rahmen der Möglichkeiten eher unerwartet und mit hinterhältigem Understatement herausgespielt werden. Keine Metzger, keine Kreissägen, keine Blutfontänen, sondern eher kleine, bedauernswerte Versehen...wenn auch mit durchlagender Wirkung.

Ebenfalls wirkungsvoll: die gelungene, dezente Vermischung von Tricktechnik, die auch auf längst überholte Verfahren zurückgreift, um nicht nur die Stimmung der 40er Jahre zu erzeugen, sondern auch den Film entsprechend altertümlich wirken zu lassen. Dieser formale Trick verstärkt die Wirkung insofern, als Filme damals nicht nach diesem Schema funktionierten - es geschehen als fortwährend Dinge, die man, ein bisschen historisches Filmgefühl voraussgesetzt, nie und nimmer erwarten würde, zumindest, bis man den Film durchschaut hat.

Ab diesem Moment ergibt sich leider das Problem zahlreicher Genrevertreter: Die Handlung beginnt sich zu wiederholen, die Neuerung besteht nur noch in einer Steigerung. Dass Dalle hier das Rad neu erfinden würde, war aber auch nicht zu erwarten. Abgesehen von dem pfiffigen Anstaz und einigen neuen Ideen verläuft der Film etwa ab der Hälfte in den gewohnten Bahnen - indes nicht weniger lustig.

Freunde der gepflegten, schwarzen Komödie, Fans des "Mord im Orient-Express", und Hitchcock-Liebhaber dürften jedenfalls ihren Spass haben; für wen "schwarze Komödie" humoristisch verharmloste Gewalt bedeutet, der wird die "Verschwörung" wohl zu lasch finden.

Herrlich schwarze Hommage an große Filmklassiker


Wolfgang Huang