Kammerflimmern

Deutschland, 101min
R:Hendrik Hölzemann
B:Hendrik Hölzemann
D:Jessica Schwarz,
Matthias Schweighöfer,
Jan-Gregor Kremp,
Florian Lukas,
Bibiana Beglau
L:IMDb
„Kaffee? - Ja. Schwarz und süß, wie meine Seele.”
Inhalt
Crash (Matthias Schweighöfer) ist als Rettungsassistent täglich auf Kölns Straßen unterwegs. Er rettet Leben, leistet Hilfe und spendet Trost. Als Kind hat er beide Eltern bei einem Autounfall verloren und ist seitdem auf sich allein gestellt. Aus der harten Realität flüchtet er sich in Träume, in denen immer wieder das lächelnde Gesicht einer jungen Frau erscheint. Eines Nachts trifft Crash bei einem Einsatz auf November (Jessica Schwarz): Es ist die Frau aus seinen Träumen, und Crash fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Eine zarte Liebesbeziehung beginnt - zum ersten Mal ist er glücklich. Doch dann kommt der Tag, an dem sich das Schicksal zu wiederholen scheint.
Kurzkommentar
Hendrik Hölzemanns Regiedebüt setzt da an, wo sein Drehbuch zu Benjamin Quabecks gelungenem Erstling „Nichts bereuen” aufhörte: das soziale Elend des Zivil- wird durch das ungleich krassere des Sanitätsdiensts eingetauscht, die ironische Selbstinszenierung als Gekreuzigter der Liebe durch eine ganze Latte christlicher Symbolismen. Diese Überstrapazierung der Sinnbilder ist ungelenk und schnell peinlich, man kann aber nicht behaupten, dass sie der Leidenschaft der Figuren nicht gerecht würde.
Kritik
Crash und November heißen die Hauptfiguren in Hölzemanns Kinodebüt und (Drehbuch-) Abschlussarbeit der Filmakademie Ludwigsburg und man wäre schnell gewillt, dem Film bereits hier eine grenzenlose Selbstgefälligkeit vorzuwerfen. Zumal dann noch Figuren wie „Dr. Tod”, wenig subtile Charakterisierungen mittels Gesichtsnarben und Schwangerschaften und eine äußerst aufdringliche Verwendung christlicher Symbolik den Zuschauer penetrieren. Dass „Kammerflimmern” aber dann doch funktioniert, liegt an einem Faktor, der bereits „Nichts bereuen” zum Sieg geführt hat: die Hingabe des Films ist einfach bemerkenswert.

Und keine Leidenschaft ohne das Extrem: Crash muss in seinen jungen Jahren natürlich nicht nur seine freizügigen Eltern bei einem Autounfall verlieren, bei ihm wird auch wenig später ein bösartiger Tumor hinter der rechten Wange diagnostiziert. Die daraus resultierenden körperlichen wie seelischen Narben kennzeichnen ihn selbstverständlich nachhaltig und es verwundert kaum, dass die Liebe seines Lebens eine ebenso unkonventionelle Figur ist: während November mit ihrer Schwangerschaft zu kämpfen hat, spritzt sich ihr Freund eine Droge nach der anderen bis er schließlich vor ihren Augen an einer Überdosis krepiert. Schöne, heile Welt.

Die Qualität von „Kammerflimmern” liegt nun darin, dass Hölzemann diese Überdosis an Schicksalsschlägen und Dramatik in einem konsistenten Universum zu präsentieren versteht: Köln, die Stadt am Rhein, wirkte selten so dreckig wie hier und die Arbeit von Sanitätern selten so unheroisch. Auch das unbändige Verlangen der Protagonisten nach körperlicher Nähe wirkt glaubwürdig und seelisch motiviert: Hölzemann gelingt es ebenso sicher, Novembers Liebe zu Crash spürbar zu machen (trotzdem diese gerade den Vater ihres Kindes verloren hat) wie den bis zum Analsex gehenden Geschlechtsverkehr mit einer schwangeren Frau intensiv und doch unaufdringlich zu inszenieren. Was zum Großteil aber auch den charismatischen Darstellern Matthias Schweighöfer und Jessica Schwarz geschuldet ist, die nach ihren bemerkenswerten Fernseharbeiten mit Dominik Graf hier erneut ihr Potenzial unter Beweis stellen.

Die Intensität der Figuren und Emotionen erkauft sich Hölzemann hingegen mit einem äußerst penetranten und kaum subtilen Hang zur Symbolik. Schon der Titel meint es zu gut: er kann nicht nur medizinisch und emotional, sondern gleich noch cinephil gedeutet werden: das Kino, in dem die (meine) Vorstellung stattfand, hieß dann auch gleich noch „Kammer”. Auch sonst sind die Symbole gerne mal plump: warum gerade eine Lemming-Dokumentation im Fernsehen laufen muss, als Richie seinen Freund besucht, kann man ironisch deuten, muss man aber nicht.

Richtig los legt Hölzemann aber vor allem mit seinen biblischen Vergleichen: die Nähe zur Auferstehungsthematik wird bereits am Anfang des Films evoziert als Crash nicht nur den Unfall, sondern auch die äußerst brutale Tumoroperation überlebt und fortan von sich behauptet, ihm könne „nichts mehr passieren”. „Wunder” vollbringt er dann jeden Tag im Einsatz, lässt den Wagen anhalten, auch wenn es sich am Straßenrad nur um den letzten Penner handelt, und ist ein Musterbeispiel an Einsatzbereitschaft, Sensibilität und moralischer Standfestigkeit: Drogen wie seine Kollegen lässt er ebenso wenig mitgehen wie er sich von „Dr. Tod” einen blasen lässt. Auch der „Versuchung” einer Krankenschwester widersteht er täglich: er liebt schließlich die Frau aus seinen Träumen. Der Höhepunkt dieser Metathematik folgt schließlich am Ende, als er sein Leben an ein Neugeborenes weiterzugeben scheint und der Film eine visuelle Verbindung zwischen ihm und seinem „Sohn” zieht: die fortlaufende Traumvision um November, die ihn im satten Grün zu umarmen scheint, wird als Blick des Neugeborenen entlarvt. Und wers dann noch nicht verstanden hat bekommt das Motiv der Blackmail-CD „friend or foe”, die - hier schließt sich der Kreis - auch gleich noch zum Soundtrack des Films beigetragen hat, als blutiges Schlussbild serviert.

Angesichts dieser Penetranz könnte man „Kammerflimmern” wie gesagt richtig böse sein, aber man toleriert es irgendwie doch - sei es nun aus Gutgläubigkeit oder aufgrund der Tatsache, dass Hölzemann der Christus-Bezug manchmal selbst überzogen vorzukommen scheint. Etwa dann, wenn Florian Lukas Witze über Jesus macht und meint, der habe ja immer nur die Backe für die anderen hingehalten und man sehe ja, was daraus geworden sei. Hinzukommt, dass Hölzemann mit der Rolle der Oma ganz schwer die Theodizeefrage berührt („Gott ist ein sadistisches Schwein”) und den Kampf ums tägliche Wunder als hart und häufig aussichtslos interpretiert: den Selbstmord des jungen Mädchens auf dem Hochhausdach konnte Crash jedenfalls nicht verhindern.

Wie schon diverse autobiographische Bezüge „Nichts bereuen” zu einer Hingabe und Unmittelbarkeit verhalfen, die Seltenheitswert im (deutschen) Kino besitzt, so profitiert auch „Kammerflimmern” von der Erfahrung seines Autors: auch Hölzemann hatte als Kind einen Tumor im Gesicht, auch bei ihm kundet eine Narbe von dieser Zeit, auch er hat lange gebraucht, um „diesen Unfall mit Sinn zu füllen“. Der Intensität seines Kinofilms hat das geholfen, auch wenn man dem merkwürdig zweckoptimistischen Gedanken des Regisseurs nicht zwingend folgen möchte: „Der Kernpunkt ist, dass alles irgendwann Sinn macht. Du kannst dir zwar nicht aussuchen, was dir passiert – aber du kannst dir aussuchen, wie du darauf reagierst. Das ist ein wahnsinnig tröstlicher Gedanke, finde ich.“

Symbolüberfrachtete Selbstfindungsgeschichte mit inhaltlichen Mängeln, aber von großer Hingabe


Thomas Schlömer