New World, The

USA, 135min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Terrence Malick
B:Terrence Malick
D:Colin Farrell,
Christian Bale,
Christopher Plummer,
Q'Orianka Kilcher
L:IMDb
„Denkt daran, wie wir dieses Land vorfanden.”
Inhalt
Im frühen 17. Jahrhundert machen sich britische Entdecker auf die Reise nach Nordamerika. In der Kolonie Virginia kommt es zum ersten Zusammentreffen der europäischen und amerikanisch-indianischen Kultur. Captain John Smith und Pocahontas, eine Prinzessin der Powhatan-Indianer, verlieben sich ineinander. Doch der anfänglichen Harmonie stehen die gegensätzlichen Traditionen beider Kulturen gegenüber - unaufhaltsame Kräfte auf beiden Seiten sorgen dafür, dass nicht nur die Liebe der beiden zum Scheitern verurteilt ist.
Kurzkommentar
Regisseur Terence Malick liefert mit seiner Interpretation des Pocahontas-Mythos eine bildgewaltig-ästhetische Erzählung um die Ergründung von Zwischenmenschlichkeit und egozentrischer Wurzelsuche ab. Praktisch nebenbei erteilt der Exzentriker subjektive Geschichtsstunden in Sachen amerikanische Kolonialgeschichte.
Kritik
Erinnert man sich an den letzten Versuch, den Pocahontas-Mythos auf die Leinwände zu bringen, möchte man schamvoll schweigen – Disneys Überkitsch hält vielem nicht Stand, am wenigsten freilich historischen Fakten. Ohne einen Historizismus des 19. Jahrhunderts um die Frage „Wie ist es eigentlich wirklich gewesen?“ bemühen zu wollen, soll an dieser Stelle dennoch – schließlich lag Terence Malick sehr viel an historischer Detailfreudigkeit – kurz auf die Umstände dieser ersten Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents eingegangen werden.

Im Mai 1607 landeten 104 männliche Siedler – unter ihnen Captain John Smith – in einer Region, welche von den Ureinwohnern Tsenacomoco genannt wurde. Jamestown, die erste Siedlung, war das Werk von Kaufleuten und adligen Investoren, welche sich in der Londoner Virgina Company zusammen gefunden hatten. Ausschlaggebend für die Planung und Durchführung waren Hoffnungen, welche sich auf Goldfunde, aber auch auf Errichtung einer idealen Feudalgesellschaft richteten. Letzten Endes sollte eine profitable, auf den Export von Tabak spezialisierte Plantagenwirtschaft entstehen. 1608 stand jedoch die Expedition unter einem schlechten Stern: Hungersnöte führten zu einem erbärmlichen Dasein der Siedler und sogar Fälle von Kannibalismus finden sich überliefert. Hinzu kam das stets schwierige Verhältnis zwischen Ureinwohners und Siedlern – und in diesem Spannungsverhältnis siedelt Terence Malick die 30 Millionen teuere, Oskar nominierte Version seiner „Neuen Welt“ an.

Bei aller Historität des Stoffes, scheint „The New World“ seltsam zeitlos – alles ist im Fluss. Mensch und Natur bilden eine ungewöhnliche Organität in diesem Film, der mit großen Namen und großen Spiel aufwarten kann. Ein unsicherer, unruhiger Colin Farrell, Schauspiel-Legende Christopher Plummer als calvinistischer Captain Newport, die junge, sanft und zerbrechlich wirkende Neuentdeckung Hollywoods Q’orianka Kilcher und schließlich ein überragender Christian Bale als Tabakfarmer John Rolfe. Über allem aber steht der Schnitt. Er ist überragend – er entdeckt die Möglichkeit eines Widerspruchs: die zeitliche Parallelität von eigentlich chronologischen Ereignissen. Schon der Beginn des 135 Minuten Werks – von Richard Wagner "Rheingold" klanglich untermalt – ist surreal unmittelbar: Zuseher und Siedler stehen am Anfang ihrer Unternehmung, Land wird genommen, Konflikte entstehen – Malick, der pro Jahrzehnt (Ausnahme: die 1970er) einen Film abliefert (oder besser: „erschafft“), lässt eine Art von tragischer Leichtigkeit entstehen. Religiöse Überzeugung, ein agrarfokussiertes Leben, klare politische und soziale Hierarchien und eindeutige Geschlechterrollen zeichneten beide Kulturen aus – und doch sah man eher die Unterschiede, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Vorstellungen von Besitz und Entscheidungsfindung, als die Gemeinsamkeiten.

Die Darstellung von Natur des großteils auf 65mm-Material geschossenen „The New World“ ist fantastisch, was unter anderem auch daran liegt, dass Malick oftmals auf künstliche Ausleuchtung der Szenerie verzichtete, wie er es auch schon bei „The Thin Red Line“ praktiziert hatte. Die Bilder Virginias sind so beängstigend schön, dass sie problemlos in den Suizidkammern von „Soylent Green“ laufen könnten. Es ist durch diesen Film wieder einmal sehr verständlich geworden, warum die erste Schauspielriege Hollywoods ohne zu zögern zustimmt, wenn es darum geht, in einem Terence Malick-Film mitzuwirken. „The New World“, von manchen Kritiken vorschnell-überheblich als sexistischer Ethno-Kitsch gebrandmarkt, ist eine langsame Zuschauer-Übung, die sich absolut lohnt.

Wunderschön photographiertes und geschnittenes Naturerlebnis im Rahmen eines harmonischen Erzählflusses


Rudolf Inderst