Charlie und die Schokoladenfabrik
(Charlie and the Chocolate Factory)

USA, 115min
R:Tim Burton
B:John August, Roald Dahl
D:Johnny Depp,
Freddie Highmore,
Helena Bonham Carter,
James Fox,
Christopher Lee
L:IMDb
„Candy doesn't have to have a point. That's what makes it candy.”
Inhalt
Erzählt wird vom exzentrischen Schokoladenfabrikanten Willy Wonka (Johnny Depp) und dem gutmütigen kleinen Charlie, der mit seiner verarmten Familie neben Wonkas wundersamer Fabrik wohnt. Wonka selbst stammt aus einer zerrütteten Familie und veranstaltet nun ein weltweites Gewinnspiel, um einen Erben für sein Schokoladenreich auszuwählen. Fünf glückliche Gewinner, darunter auch Charlie, finden "goldene Tickets" in ihren Wonka-Schokoladenriegeln und machen eine Führung durch die legendäre Schokoladenfabrik, die seit 15 Jahren kein Fremder betreten hat. Charlie ist von seinen erstaunlichen Erlebnissen dort völlig überwältigt - immer tiefer dringt er ein in Wonkas fantastische Welt.
Kurzkommentar
Bei der visuellen Umsetzung des Kinderbuchklassikers „Charlie und die Schokoladenfabrik“ mag US-Regisseur Tim Burton voll in seinem Element sein, erzählerisch ist er es nicht. Während die erste halbe Stunde auf schmerzhafte Weise spürbar macht, welch tolle Erzählung „Charlie und die Schokoladenfabrik“ hätte sein können, herrscht ab dem Auftritt Willy Wonkas narrativer Stillstand. Das mag weitestgehend der Vorlage geschuldet sein, aber Burton glättet auch viele subversive Elemente aus Dahls Vorlage. So steht der kunterbunten Oberfläche leider zu wenig Substanz gegenüber.
Kritik
Tim Burtons Filmographie umfasste gerade mal zwei Feature-Filme, da wurde ihm 1989 die Realverfilmung von „Batman“ anvertraut. Es folgte „Edward mit den Scherenhänden“ und schon galt er als kreatives Aushängeschild Hollywoods, gewissermaßen als Auteur unter Gleichgeschalteten. Mittlerweile hat er dort elf Filme gedreht und wirkt mehr denn je wie der einzige Gourmet unter zahlreichen Fast-Food Junkies. Was sagt das über Burton und was über Hollywood? Und was über deren größtenteils doch erfolgreiche Zusammenarbeit?

Im besten Fall wertet Burton das Bild Hollywoods auf, im schlechtesten Fall macht es Hollywood Burton unnötig schwer – die Streitereien über sein Remake von „Planet der Affen“ sitzen Burton noch immer in den Gliedern. Vielleicht war die Rückkehr zum unverschämt aber nicht verlogen Sentimentalen mit „Big Fish“ deshalb auch ein tiefes Durchatmen Burtons, ein In-sich-kehren, ein selbst initiierter Heilungsprozess für die geschundene Künstlerseele. Es tat Burton sichtlich gut, den Glauben an die Kraft der Phantasie zu reanimieren und hemmungslos zu feiern. Offenbar so gut, dass sein Durst danach erst einmal gestillt scheint und er mit „Charlie und die Schokoladenfabrik“ vor allem wieder eines zum obersten Prinzip erhebt: das Bizarre.

Aller poetischen Qualität seiner Filme zum trotz, waren Burtons Filme schon immer eine Gratwanderung zwischen dem Extrovertierten und dem Introvertierten, der opulenten Hülle und dem zarten Kern. Sei es nun der maskierte Superheld Batman, der geschundene Edward mit den Scherenhänden oder der unumstösslich optimistische, aber doch zerbrechliche Ed Wood, sie alle eint diese Zerrissenheit. Und sie überträgt sich unmittelbar auf die Gestaltung seiner Filme: in der Ausstattung wahnwitzig-opulent, im Herzen zierlich und fragil. Nicht selten geht die Balance einmal verloren, ob nun aufgrund eines fehlschlagenden Konzepts (wie im Falle von „Mars Attacks“) oder aufgrund produktionsbedingter Diskrepanzen (wie bei „Planet der Affen“).

Nun, bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“ gingen Burton die Pferde doch deutlich durch. Der Film ist ein derartiger Bonbon-Cocktail, ein so hemmungsloses Schwelgen im Produktionsdesign, dass die Charaktere doch erheblich auf der Strecke bleiben. Dabei ist die erste halbe Stunde absolut wunderbar: mit wenigen Handgriffen führt Burton die Familie der Buckets ein und man schließt sie sogleich ins Herz. Die Mutter, die immerzu Kohl kocht, der Vater, dessen Arbeit darin besteht, Zahnpastatuben zu verschließen, der Sohn, der selbst noch aus fehlerhaften Tubenverschlüssen etwas Phantasievolles zu machen versteht. Dazu die vier Großeltern, die sich gemeinsam ein Bett teilen und damit eine liebevolle Hommage an Carl Spitzwegs „Der arme Poet“ darstellen. Burtons Talent, pointiert und präzise innere Befindlichkeit über originelles Design zu transportieren, kommt hier voll zur Geltung, zumal der Blick fürs Detail außerordentlich ist: während der deutsche Augustus im Vordergrund einen Schokoladenriegel nach dem anderen vertilgt, knetet sein Vater, ein Metzger, im Hintergrund die Würste. Im Prinzip greift Burton damit das vorweg, was er in diesem Film zu sagen hat: das Erinnern der Eltern an ihre pädagogische Pflicht.

Enttäuschenderweise stellt sich der Beginn des Films als ein einziger Köder heraus und das Versprechen einer atmosphärischen, dichten Erzählung als ein leeres. Sobald die fünf Naseweise mit ihren nicht weniger absonderlichen Begleitern auf Willy Wonka treffen und die Fabrik betreten, der Haupterzählstrang also gewissermaßen zu beginnen verspricht, tritt die Geschichte, aber auch die Fantasie Burtons völlig auf der Stelle. Von hier an gerät der Film in eine vierfache Schleife, die ungefähr so funktioniert: eines der unartigen Quälgeister wird mit seinem Laster konfrontiert, es kann nicht widerstehen und erhält die Strafe dafür. Es treten die Oompa Loompas auf, besingen und betanzen den erfolgten Sündenfall und während man zur nächsten Attraktion weiterzieht, darf Charlie Willy Wonka eine ausgefuchste Frage stellen, die diesem seine eigene Kindheit ins Gedächtnis ruft. Pädagogisch wirkt das in etwa so wie Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“-Geschichten, was kein Kritikpunkt ist, aber Burtons Anspruch klar macht: „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ist deutlich stärker als seine anderen Filme als Kinderfilm konzipiert.

Schade daran ist, dass Burton – im Gegensatz zu seinen sonstigen Abenteuern – zu stark die Verwandtschaft des Sonderbaren mit dem Unheimlichen untergräbt. Willy Wonka wirkt zu sehr wie ein komischer Kauz und zu wenig wie ein vielleicht unschuldiger, aber doch leicht psychopathischer Industrieller. Zwar wird deutlich, dass er seine Hauptkunden, die Kinder, größtenteils nicht ausstehen kann, seine latenten Rachegelüste werden jedoch zu zaghaft thematisiert. Ist es wirklich Improvisation, dank der die Oompa Loompas das Ausscheiden eines der Kinder unmittelbar besingen können? Wieso ist der Kontrast zwischen den vier ungezogenen Knirpsen und Charlie so groß? Ist es Zufall, dass Wonka für jedes der vier Laster eine eigene Vorrichtung bzw. einen eigenen Raum hat? Sonderliche Mühe, die Bälger vor ihrem Schicksal zu bewahren, gibt er sich jedenfalls nicht. Und nachdem der kleine Mike im TV-Raum zurechtgestutzt wurde, legen die Oompa Loompas doch auffallend deutlich ihre Arbeit nieder.

Man könnte einwenden, dass das der Subtext für das ältere Publikum ist, während sich die Kleinen an der einfachen Botschaft orientieren können, aber Burton verschiebt den Haupttenor der Geschichte allzu signifikant. Die Verfilmung von 1971 ließ noch im Unklaren, ob die Kinder in den Tiefen der Fabrik auf ewig verschollen bleiben, bei Burton kommen sie am Ende wieder hervor. Im Gegensatz zur Vorlage Roald Dahls wird Wonka auch mit einer Hintergrundgeschichte ausgestattet, die ihn erklärbar macht und leider viel von seiner mysteriösen, beunruhigenden Aura nimmt. Burton verschiebt den Fokus somit von der Unverantwortlichkeit und Brutalität der Eltern auf konformistische Themen wie Familie und Zusammenhalt. Man möchte fast glauben, dass ihm das von den Geldgebern ein klein wenig nahegelegt wurde.

Allzu bunte, geglättete Adaption eines Kinderbuchklassikers ohne narrativen Biss


Thomas Schlömer