Leo und Claire

Deutschland, 103min
R:Joseph Vilsmaier
B:Stefan Cantz
D:Michael Degen,
Franziska Petri,
Suzanne Borsody,
Alexandra Maria Lara
L:IMDb
„Ich liebe dich, du Jude”
Inhalt
Der lebenslustige Leo Katzenberger (Michael Degen), seine Ehefrau Claire(Suzanne von Borsody), die attraktive junge Fotografin Irene (Franziska Petri) und die Bewohner eines Nürnberger Hinterhofs - das ist die Konstellation, in der durch Leidenschaft, Missgunst, Lebensfreude und Klatschsucht aus einer erotischen Begegnung eine tödliche Bedrohung wächst.
Kurzkommentar
Ohne jeden bindenden Handlungsstrang, ohne jedes Gespür für Dramaturgie und Bewusstsein einer Zeit zeigt "Leo und Claire" auf traurige Weise einmal mehr, dass Joseph Vilsmaier statt Dramen nur Substanzlosigkeit liefert. Das exemplarische Schicksal eines jüdischen Kaufmanns bleibt in der Darstellung blaß, erschreckend plakativ und z.T. dilettantisch inszeniert. Die unterforderte Creme deutscher Schauspielkunst ändert daran auch nichts mehr.
Kritik
Hinter den Kulissen, da, wo vielleicht einst ausreichend Budget für gute deutsche Filme zu finden war, ist nur noch er: Joseph Vilsmaier, Virtuose des Läppischen. Aber das Geld ist weg, vom ihm verbraten für "Marlene", seiner hybriden biographischen Peinlichkeit. Niemand wusste eine Antwort, wollte verantworlich sein. Und über den Film fiel schnell das Schweigen. Es ist die Geschichte von Vilsmaier, dem Kameramann, der auszog, um selbst alle Fäden zu ziehen und visionär Regie zu machen. Was mit "Herbstmilch" und "Comedian Harmonists" noch gelungen sein mag, ließ in "Stalingrad" und "Marlene" bloß einen klaffenden Graben zwischen Anspruch und künstlerischer Wirklichkeit. Vilsmaiers historischen Stoffe geben Auskunft, auch über einen tragischen filmographischen Absturz.
Würde der Regisseur nach der verschwenderischen Oberflächentat "Marlene" trotz allem, auch wenn seine Pappfilmchen niemand mehr sehen will, in stoizistischer Unbekümmertheit erneut einen biographischen Stoff verwursten? Er tut es, nur diesmal in der wohl notgedrungen billigeren Ausführung. Sonst bleibt alles beim Alten, es geht mal wieder zurück ins "Dritte Reich". Mit dilettierender Drehbuchverlegenheit und dem Blick fürs Unwesentliche scheiterte "Marlene" an einem historisch glaubwürdigen Blickwinkel und der Wiederbelebung zeitspezifischer Atmosphäre. Aber wenigstens um dieses ging es ja erst in zweiter Instanz, in "Leo und Claire" hingegen nicht.

Der aufsehenerregende Anklagefall des Leo Katzenberger, der tatsächlich 1943 in einem statuierten Exempel nationalsozialistischer Terrorjustiz wegen "Rassenschande" zum Tode verurteilt wurde, scheint als historisches Bewusstseins- und Gesellschaftsdrama publikumswirksam. Tatsächlich ist der Lehrgehalt über die verdrängte Vergangenheit eines der düstersten Kapitel deutscher Rechtsgeschichte (bzw. Rechtsperversion) hoch. Schon 1960 griff Hollywood natürlich noch aus Motiven des Revanchismus und der "Siegerjustiz" die Tragödie filmisch auf, und das gerade auch deswegen, weil sie sich in einer der Kernzellen des braunen Staates, in Hitlers Nürnberg der Parteitage zugetragen hatte.

Doch statt aus diesen Möglichkeiten ein Gepflecht aus akzentuiert geschilderter Biographie und subtiler Spannung zu weben, versagt "Leo und Claire" von Beginn auf der ganzen Linie. Ja, es wird Stimmung erzeugt, und zwar eine gerade noch sympathisch peinliche des Unglaubens darüber, wie Vilsmaier die gereizte Zeit nicht lebendig macht, sondern in nichtssagend elaborierter Hinterhof- und Studioatmosphäre erstickt. Das wäre ja dann geglückt, wenn dort ein kammerspielartiger Mikrokosmos Stimmungslagen und psychologischen Bewusstseinswandel der Gesellschaft, letztlich im bedrückenden Denunziantentum mündend, exemplarisch ausgelotet hätte. Aber nichts dergleichen, gefühllos pflanzt der Puppenspieler seine völlig biographie- und profillosen Figuren in berauschend billige Kulissenbauten.

Schon vom handwerklichen, vom Gesichtspunkt der Beleuchtung resultiert das in konsequent unglaubwürdiger Artifizialität. Fatalerweise ist hölzerne Umsetzung dann auch deckungsgleich mit den Möglichkeiten des Drehbuches. Auf der schablonenhaft aufgelegten Chronologie der Jahre gewinnt keiner der Charakter auch nur einen Ansatz von Tiefe, eher das peinliche Gegenteil: die immerhin titeltragende Claire vergeudet Suzanne von Borsodys Talent in einer statistengleichen Rolle. Emotionale Bindung ist hohle Geste, in dieser bleibt der gesamte Streifen auch stecken. Leben, Leiden, Lieben - hier reicht nichts über das Bild hinaus. Das ist besonders schmerzvoll und augenscheinlich, weil Vilsmaier paradoxerweise eine durchweg hochkarätige Darstellerriege zum Dreh gewann. Retten kann diese indes nichts mehr, auch wenn Michael Degen und Neuentdeckung Franziska Petri ("Vergiss Amerika") sicher in der plakativen Szenerie agieren.

Als Degen in der Rolle des Leo schließlich vors Sondergericht gezogen ist, haben sämtliche Oberflächenetappen den Zuschauer distanziert gelassen. Was schließend folgt, ist der Höhepunkt inszenatorischer Lächerlichkeit. Ohne Zweifel waren die Sondergerichte das Terrorinstrument der Justiz, auch wenn es Ausnahmen gab und jene Richter, die nicht ideologisch opportun waren, mildere Urteile fällten. Wie aber Jürgen Schornagel mit übel gekünstelter Bosheitsgrimasse geifernd den Rassenwahnvollstrecker im Talar gibt, resultiert in unfreiwillig komischer Karikatur. Aber Richter waren ja schon immer üble Zeitgenossen und jener, der Katzenberger in den Tod schickte, noch unbehelligt über Hitlers "tausendjähriges Reich" hinaus. Die skandalöse Kontinuität in der Justiz nach dem 2. Weltkrieg ins Bewusstsein zu rücken, ist hier der einzige Verdienst. Der Film hingegen kann getrost vergessen werden.

Kulissenhaft plakatives Melodram, völlig berührungslos inszeniert


Flemming Schock