Waking Life

USA, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Richard Linklater
B:Richard Linklater
D:Wiley Wiggins,
Ethan Hawke,
Julie Delpy,
Richard Linklater
L:IMDb
„Your life is yours to create”
Inhalt
Ein junger Mann (Wiley Wiggins) kommt zurück in seine Heimatstadt. Er unterhält sich mit den verschiedensten Leuten, die ihn an ihren Ideen über das Leben und den Tod teilhaben lassen. Er ist sich jedoch nicht sicher was davon geträumt und was real ist.
Kurzkommentar
Selten ist ein Film reiches Futter für Sinne und Seele zugleich, "Waking Life" befriedigt beide in verschwenderischem Maße. Ein durch und durch erwachsener Zeichentrickfilm, fast ohne Gewalt, der faszinierende philosophische Dialoge mit einer bunten Traumwelt verbindet, die wohl kaum hätte schöner ausfallen können.
Kritik
Richard Linklater hat es geschafft, Träume wahr werden zu lassen. Mit "Waking Life" hat er ein wagemutiges Experiment vollführt, das auf der ganzen Linie trifft, inhaltlich und künstlerisch. Die überirdische Schönheit des Films wird ergänzt von inspirierenden, lebhaften Mono- und Dialogen. Die Vorlagen der Schauspieler wurden auf eine Art verarbeitet wie man sie noch nicht gesehen hat, ein farbenfrohes Spektakel mit tiefgreifenden philosophischen Ideen.

Schon der Entstehungsprozess macht diesen Film quasi einzigartig. Es begann alles mit Dreharbeiten in und um Houston, Texas. Linklater filmte mit einer digitalen Kamera zahlreiche Schauspieler und Laien, schnitt das Material zurecht und übergab es an seinen Art Director Bob Sabiston. Er und ein Team von Zeichnern bearbeiteten den fertigen Film mit Wacom Bildtabletts. Alle Details der Aufnahmen wurden teils möglichst getreu teils surreal interpretiert nachgezeichnet. Diese Zeichentrick Abfolgen bilden den Film, sprich das komplette Bildmaterial stammt von den Zeichnern. Und was für Bildmaterial das ist! Eine derartig faszinierende Bilderwelt habe ich noch nicht gesehen. Durch das nachzeichnen der Vorlagen entsteht eine Dynamik wie man sie in keinem Disney Zeichentrick oder Anime zu finden vermag. Man kommt sich vor wie in einem Trip, wenn vor den eigenen Augen die Köpfe der Figuren hin und her wabern, der Protagonist über die Dächer seiner Nachbarschaft fliegt oder sich zwei Gesprächspartner in riesige Wolkengebilde verwandeln. Während des Films wechseln zusätzlich noch beständig die Zeichenstile, die einen immer wieder überraschen.

"Waking Life" ist ein Fest für das Auge, der in die Handlung eingewobene Soundtrack verwöhnt gleichermaßen die Ohren, doch all die Sinnesfreuden verblassen angesichts der philosophischen Gespräche. In der ersten Stunde des Films, trifft der unbenannte Hauptcharakter auf diverse Menschen, die ihm philosophische Ideen erläutern. Jedes der angeschnittenen Themen würde problemlos eine mehrstündige Diskussion ermöglichen, und doch wurde alles in unter 5 Minuten Häppchen komprimiert, mit unglaublich scharfen Worten. Es geht um Evolution, Reinkarnation, um Träume und noch viele andere Themen. So schnell wie die Figuren vorbeihuschen kann man gar nicht alles geistig erfassen, was sie an einen herantragen, wodurch sich die erste Hälfte beim erstmaligen Schauen etwas zieht. Dieser Teil des Films gewinnt sehr, wenn man ihn ein zweites Mal sieht.

Nach etwa einer Stunde entwickelt sich ein roter Faden aus den Gesprächen, hinführend zu einer Homage an eine wundervolle Komödie aus den 90ern. Am Ende philosophiert Linklater selbst an einem Flipper stehend über das Leben. Die Arbeit von Bob Sabiston und einigen "Linklater Regulars" (u.a. spielen Ethan Hawke und Julie Delpy zwei kleine Rollen) ermöglichte es, dieses von Linklater seit langem erträumte Projekt zu verwirklichen. Schön, dass man auch noch neue Sachen zu sehen bekommt von Leuten, die sich künstlerisch etwas trauen. Linklaters anderes Filmprojekt aus 2001 ("Tape") hört sich auch sehr vielversprechend an, und führt den experimentellen Faden in seiner Filmographie weiter.

Faszinierende Mischung aus Eye-candy und Tiefgang


David Hiltscher