Dark Water - Dunkle Wasser
(Dark Water)

USA, 105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Walter Salles
B:Hideo Nakata, Takashige Ichise, Rafael Yglesias
D:Jennifer Connelly,
Pete Postlethwaite,
John C. Reilly,
Tim Roth,
Dougray Scott
L:IMDb
„If you ever need me, I'll be right here.”
Inhalt
Für Dahlia Williams beginnt ein neues Leben: Gerade von ihrem Mann getrennt, hat sie einen neuen Job und eine neue Wohnung gefunden. Die gescheiterte Beziehung will sie endlich hinter sich lassen, um sich ganz ihrer Tochter Ceci zu widmen. Doch als die nervenzehrende Trennung zu einem erbitterten Kampf um das Sorgerecht gerät, wird ihr Leben zum Alptraum. Die neue Wohnung - ein schäbiges, heruntergekommenes, kleines Apartment - scheint ein Eigenleben zu entwickeln. Mysteriöse Geräusche, durchsickerndes dunkles Wasser und seltsame Vorkommnisse treiben Dahlia an den Rand des Wahnsinns. Wer steckt hinter diesen furchtbaren Gedanken-Spielen? Angetrieben von der Liebe zu ihrer Tochter, zählt für Dahlia jetzt nur noch eines: Nichts und niemand soll ihrem kleinen Mädchen weh tun.
Kurzkommentar
Walter Salles gelingt mit „Dark Water“ ein großer Wurf. Das stimmungsvoll fotografierte und liebevoll ausgestattete Remake des japanischen Originals von Hideo Nakata überzeugt durch eine hervorragend besetzte Darstellerriege und gewinnt seine enorme Kraft vor allem dadurch, dass es sich nicht zwischen Mystery Thriller oder Familiendrama entscheidet, sondern beide Komponenten gelungen zu vereinen weiß.
Kritik
Möchte man einen etwas hinkenden Vergleich bemühen, dann könnte man cum grano salis behaupten: Der japanische Autor Koji Suzuki und der Regisseur Hideo Nakata waren mit ihrer Arbeit „The Ring“ ähnlich erfrischend und stilbildend wie seiner Zeit der Drehbuchschreiber Kevin Williamson und Filmemacher Wes Craven, als beide mit „Scream“ das Genre des so genannten Neo-Slashers (mit-)begründeten. Beide „Teams“ fanden zahlreiche Nachahmer, die – wie so oft in der Filmgeschichte – nicht die Originalität und Qualität der Vorbilder erreichten.
Die Shortstory „Dark Water“ entstammt der Feder des Eingangs erwähnten Koji Suzukis und erneut erschuf Nakata die Filmumsetzung, welche seitens der Kritik wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Auch der amerikanische Filmproduzent Bill Mechanic war derart angetan von Nakatas Arbeit (in generale ist die Adaption des „J-Horror“ schwer in Hollywood-Mode) und sicherte sich postwendend die Rechte für „Dark Water“. Somit war der Weg für ein amerikanisches Remake geebnet.

Zunächst scheint kein Platz mehr für Utopien zu sein in der Welt von „Dark Water“: Fantastisch erdig-verlebt fotografiert Affonso Beato den riesenhaften, im Stile des Brutalismus gebauten Wohnblock, der alle Einwohner irgendwie zu verschlucken scheint. Der Film schöpft seine Kraft aus einer Urangst des Publikums. Die eigene Behausung wendet sich gegen sich den Besitzer, alle Rückzugs- und Fluchtpunkte lösen sich in Chaos und Nichts auf. Komödiantisch wurde dies in „House“ umgesetzt, ernsthafter in „Amityville Horror“ oder Kubricks „The Shining“. Haus und Mensch stehen dabei in einer besonders bedeutsamen Beziehung, beide spiegeln sich im Gegenpart wider und Aktionen lösen Reaktionen unmittelbar aus. Auch der Begriff der Familie ist in „Dark Water“ als ein solcher letzter Fluchtpunkt zu verstehen. Dahlia nimmt verzweifelt zur Kenntnis, dass die Leidensgeschichte, welche sie selbst als Kind aufgrund der unzurechnungsfähigen und hassenden Mutter erlitt, sich nun zu wiederholen droht. Es sind diese (selbst-)zweifelnden Momente, die dem Film Ausdruck und Kraft verleihen und ihn weit über die Thriller-Dutzendware hinausheben.

Georg Seeßlen beschreibt die Schauspielerin und Oscar-Gewinnerin Jennifer Connelly in ihrer Rolle als Dahlia als „das Gegenteil einer scream queen“ und hat damit völlig Recht. Connelly, welche in dem großartigen „Requiem for a dream“ begann, auf eine gewisse eigene Art und Weise Rollen zu spielen, hatte diese spätestens nach „House of Sand and Fog“ perfektioniert. Überhaupt überzeugt dieser Film durch die Besetzung. Tim Roth gibt großartig den vereinsamten Großstadt-Juristen, der so anders scheint oder anders wahrgenommen werden will als andere Anwälte. Der Bühnen-Shakespeare erfahrene Pete Postlethwaite als Benchmark des sozialen und wenn man will zivilisatorischen Abstiegs der US-amerikanischen Gesellschaft.

Geteilter Meinung kann über die Entscheidung sein, den Geist des Mädchens Natascha als reale Persönlichkeit, also vollkommen unspirituell zu zeigen. Salles verbeugt sich an dieser Stelle vor den Großen: „Don’t look now“ oder „The Shining“. Zu groß war andererseits wohl die Befürchtungen, das Publikum sehe in ihr nur ein Abziehbild des Mädchens Sadako aus der „Ring“- Reihe.

Auch die Filmmusik des Angelo Badalamenti ist großartig, es fällt dem geneigten Hörer sofort (positiv) auf, dass der Komponist schon an zahlreichen Projekten David Lynchs, u.a. „Lost Highway“ oder „Mullholland Drive“, mitgewirkt hat. Zum Ende hin gibt sich die erste, wenn man so will, Genrearbeit Salles, der als letzten Film den nicht unumstrittenen „Motorcyle Diaries“ abgedreht hatte, versöhnlicher als das Original. Es ist vielleicht gerade dieses – nennen wir es ruhig lauwarm-wässrige Ende -, das nicht so recht passen will und Erwartungen enttäuscht. Auch verfällt der Regisseur manchmal in die amerikanische Blockbuster-Unsitte, dem Zuseher durch Text den Film näher bringen und erklären zu wollen, statt die Bilder für sich sprechen zu lassen. Denn das kann dieser Film eindeutig.

Übersinnliche Wahrnehmungen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit verdichten sich zu einer äußerst sehenswerten Regiearbeit.


Rudolf Inderst