Fetten Jahre sind vorbei, Die

Deutschland / Österreich, 126min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Hans Weingartner
B:Hans Weingartner, Katharina Held
D:Daniel Brühl,
Stipe Erceg,
Julia Jentsch,
Burghart Klaußner
L:IMDb
„Es war nicht nur eine politische Bewegung, es sollte ja auch Spaß sein.”
Inhalt
Dass die Güter dieser Welt ungerecht verteilt sind, ist allen klar, wie das zu ändern ist, hingegen nicht so ganz. Die Freunde Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) haben ihren eigenen Weg gefunden: nachts brechen sie in Villen ein, nicht um zu klauen, sondern um das Mobiliar auf den Kopf zu stellen. Ihre hinterlassenen Botschaften lauten: „Die fetten Jahre sind vorbei" oder „Sie haben zu viel Geld" - unterzeichnet mit „Die Erziehungsberechtigten". Jule (Julia Jentsch), die eigentlich mit Peter liiert ist, und Jan verlieben sich ineinander. Im Überschwang der Gefühle steigen sie zu zweit in eine Villa ein und werden dabei vom Besitzer (Burghart Klaußner) überrascht. Dafür haben die selbsternannten Erziehungsberechtigten keinen Plan - und unversehens werden sie zu Entführern.
Kurzkommentar
Die Revolution und ihre verunsicherten Kinder. Mit „Die fetten Jahre sind vorbei“ gelingt Hans Weingartner ein perfekt abgestimmtes Generationenportrait, voller narrativem Witz, kluger Distanz und Nachdenklichkeit. Mit hervorragenden Darstellern ist das nicht moralisierende und wendungsreiche Drama über das Leben dreier Anarchos aus dem postmodernen Ideenhaushalt einer der besten Film des Jahres.
Kritik
Als beide gemeinsam vom Dach eines Hauses auf den ruhig dahin fließenden Verkehr des nächtlichen Berlins blicken, wirkt es, als seien Jan und Jule sehr weit von allem entfernt, als seien sie endgültig und machtlos Beobachter eines merkwürdigen Schauspiels geworden, das als so genannte Wirklichkeit schon lange jenseits ihrer Verfügung liegt. Dass es schwer falle überhaupt noch an etwas zu glauben, weil alles schon einmal da gewesen sei, sagt Jule. Ja, das Revoltieren sei schwerer geworden, kommentiert Jan; und dass all jene äußerlichen Symbole, mit denen vor nicht einmal einer Generation die Welt verändert werden wollte, im Andenkenladen enden würden. Die fetten Jahre sind also vorbei, der Kampf gegen das Establishment endet im Ausverkauf unweigerlich als bittere Komödie seiner selbst, als Fast-Food-Revolte von Modeanarchisten, die doch am liebsten selbst im Benz säßen. Die „Postmoderne“ bedient sich auf nur noch auf der Halde der großen Ideen, was aber bleibt, ist ungewisser denn je. Das halb entsagende, anatomische Nachdenken über den Status Quo nach der Jahrtausendwende hätte Regisseur Hans Weingartner moralinsauer, belastend schwermütig oder als respektlos-ironische Karikatur abarbeiten können.

Die Momentaufnahme des Verlorenseins auf dem Dach ist eine dieser Szenen, die vielleicht noch nicht die lang herbeigesehnten fetten Jahre des deutschen Kinos ausmachen, aber einen großartigen deutschen Film. Obwohl er mit Weingartner ja ein gutes Stück österreichisch ist. Weingartner gelingt das Kunststück, moralisierende Generationentragödie und schwerfälliges Drama zu umschiffen und einen viel klügeren Ton zu finden, der seine Helden nie der Lächerlichkeit preisgibt, der seine kritische Thematik des Verlorenseins am Ende des Kapitalismus und den Hilfeschrei der jüngeren Generation ernst nimmt, ohne auf klugen Humor zu verzichten. Man lacht leicht verbittert und befreiend mit seinen Helden, nicht über sie. Am Ende verlieren allein vielleicht die leichtgängigen „68er“, oder das, was man davon erinnert. Und es gewinnen jugendliche Anarchofantasien, wilde Träumereien, bevor alle Ideale und Prinzipien unvermeidbar auf dem bequemen Sofa schließlich einschlafen. So ist aus „Die fetten Jahre sind vorbei“ vor allem ein unterhaltsamer Film geworden, der sein Hintergrundstamtam, den ganzen Diskurs um Weltbilder und gerechteres Leben, als Ideologie nie in den Vordergrund rücken lässt.

Weingartners „Tragikomödie“ beobachtet den Generationenkonflikt unaufgeregt und doch dank pointierter Dialoge sezierend genau. Jenseits von Moralisierung und Sentimentalisierung überblendet sein Film auf intelligenteste Weise zwei Motive: Das einer großen Freundschaft, die der Hoffnungslosigkeit einer Recyclinggegenwart zu widerstehen vermag. Durch den Einfall, die drei Hobbyanarchisten in der ungewollten Entführung ausgerechnet an einen als „bürgerlichen Bonzen“ getarnten Alt-68er geraten zu lassen, der noch mit Rudi Dutschke kiffte, gibt der etwas anderen Kidnapping-Geschichte ihren absurden und originellen Reiz. Debatten über die nächste Weltrevolution finden vor dem Setting einer surrealen Alpenszenerie statt und alsbald hat es etwas vom Abenteuerurlaub mit Vater, für den die Gefangenschaft ein Stück weit zum therapierenden Ausbruch aus den Zwängen der Gesellschaft wird. Über Joint und Wein ist man sich wenigstens im Hedonismus nahe, der dann, so wird es in der Liebe deutlich, bei den drei selbst erklärten Bürgerschrecken weit spießiger ist als beim verhassten Benz-Fahrer.

Es ist wunderbar, wie Weingartners Film seine Wendepunkte in Szene setzt und bis zum Schluss kluge Überraschungen bereithält. Von einer die bürgerliche Ordnung symbolisch auf den Kopf stellenden Robin-Hood-Groteske entwickelt sich „Die Fetten Jahre sind vorbei“ sogar nicht ohne Spannung in das bisher sicher ungewöhnlichste Berg- und Entführungsdrama. Auch die naturalistische, mittlerweile nicht mehr nur aus Kostengründen gängige Formsprache trägt dazu bei, die Gemütslagen der glänzend besetzten Hauptfiguren unmittelbar und intensiv zu machen, ohne dass die Kamera ihre Beobachtungsposition verlassen und selbst erzählen würde. Natürlich könnte man den „fetten Jahren“ und seinen Figuren arge Stereotypenbildung dadurch vorwerfen, dass es auf der einen Seite nur die naiven Jungträumer gibt, die sich an dem auf der anderen Seite sitzenden, milde lächelnden, durch sein Alter übervorteilten Pragmatiker abarbeiten. Und tatsächlich wirkt gerade Jan mit plakativ-hitzkäpfigen Antikapitalismusphrasen zuweilen überspitzt – aber nie lächerlich.

So verhandelt Weingartner die Sache mit den Weltanschauungen, die sich zur Ideologie verhärten und schließlich nur noch selbst im Weg stehen, auf genau der richtigen Ebene. Denn sobald der Film Gefahr liefe, sich in verbissenen Werte- und Gesinnungsdebatten zu verlieren, lockert sich der Ton durch klugen, distanzierten Humor wieder auf, bleibt dabei von konservenartigen Schulweisheiten und Lösungsmodellen weit entfernt. Die „fetten Jahre“ scheint seinen Helden ins Innerste zu schauen, ohne ihnen aber einen Weg vorzugeben. Dem entspricht dann auch das metaphorische Endbild nach einer einfallsreichen Wendung. Schließlich zählt: Abgefuckt sind alle mal ein bisschen, Hauptsache, es hat Spaß gemacht. „Die fetten Jahre sind vorbei“ atmet ziemlich viel „Zeitgeist“ in genau der richtigen Menge, vom Titel bis zu den Endcredits ist Weingartner und seinem Team zu diesem Film zu gratulieren. In Cannes hat man den Streifen dann auch groß bejubelt. Womöglich wäre es durch geringere Plakativität in einigen Punkten noch besser gegangen, aber hier beweist das deutsche Kino schon ziemlich viel.

Kraftvoller, „fetter“ Triumph des deutschen Kinos


Flemming Schock