Mathilde - Eine große Liebe
(Long dimanche de fiançailles, Un)

Frankreich / USA, 133min
R:Jean-Pierre Jeunet
B:Jean-Pierre Jeunet, Sébastien Japrisot, Guillaume Laurant
D:Audrey Tautou,
Gaspard Ulliel,
Dominique Pinon,
Clovis Cornillac,
Jérôme Kircher
L:IMDb
„Na, die Hoffnung.”
Inhalt
Der Erste Weltkrieg geht zu Ende, doch einer jungen Französin steht ihr größter Kampf noch bevor: Mathilde hat erfahren, dass ihr Verlobter Manech zu jenen fünf verwundeten Soldaten gehörte, die von einem Kriegsgericht verurteilt worden sind. Mathilde weigert sich jedoch zu akzeptieren, dass sie ihren geliebten Manech nie wiedersehen wird. So beginnt ihre außergewöhnliche Reise: Sie will herausfinden, was mit ihrem Verlobten geschehen ist. Ständig hört sie neue Varianten über Manechs letzte Tage und Minuten. Doch von keiner lässt sie sich entmutigen. Indem sie der Wahrheit über das Schicksal der fünf unglückseligen Soldaten und ihrer brutalen Bestrafung näher kommt, erlebt sie das Grauen des Krieges und die von ihm Betroffenen hautnah: Wer diese Erfahrung übersteht, wird als anderer Mensch aus ihr hervorgehen.
Kurzkommentar
Mit der Wiederbesetzung von Audrey Tautou will Regisseur Jean-Pierre Jeunet vom „Amélie“-Bonus profitieren. Tut er auch. Die Französin füllt mühelos die pastellartige Frankreichkulisse. Ohne diese kalkulierte Trumpfkarte wäre „Mathilde“ emotional recht blass geblieben. Erzählerisch fesselt die detektivische Romanze von der Kraft zweier Schicksale im großen Sterben nämlich nicht. Es gebricht ihr nicht nur am männlichen Hauptdarsteller.
Kritik
Die Massenabschlachtung von Millionen Soldaten in einem irrsinnigen Stellungskampf hat, heißt es, im Ersten Weltkrieg auch die zynischste Vokabel industrieller Kriegsführung geboren: „Menschenmaterial“. In jedem Fall heißt es immer wieder, dass in der Hölle schlammiger Schützengräben, gerade in Verdun, der letzte Glauben an so etwas wie die Menschlichkeit vernichtet wurde. Wer trotz allem glaubt, dass die Liebe selbst hier den Tod noch überwindet, darf sich natürlich in Hollywood wägen. Das gilt für Jean-Pierre Jeunets neuen Film nach einer leicht grotesken PR-und-Ehr-Schlacht konkret rechtlich: Ein Gericht entschied, dass sich „Mathilde – eine große Liebe“, der mit einem großen Batzen amerikanischen Geldes von Warner in Frankreich produziert wurde, schlichtweg nicht mehr einen französischen Film nennen darf. Aber auch jenseits dessen ist Jeunet, weiterhin einer der visuell kreativsten Filmemacher unserer Tage, in Hollywood angekommen.

Unfreiwillig deutlich macht das schon der verkitschende deutsche Titel, der den Kern der Sache dann doch deutlicher trifft als das wertfreiere „A Very Long Engagement“. „Mathilde – eine große Liebe“, das hört sich ein wenig an, als könne das in gedruckter Dünnheftform am Bahnhofskiosk stimmig in einer Reihe mit Arztromanen und anderen Groschenheftchen liegen. Das klingt nach hemmungsloser Rührung, nach mächtig moralischer Größe. Denkt man den Hintergrund hinzu, das große Sterben, wird klar, das hier Leid und Liebe in epochaler Ausdehnung gegeneinander anzutreten haben. Und wer siegt, ist, Hollywood eben, auch bereits abgezeichnet. Denn ohne groß spoilern zu wollen: Es ist klar, dass das ganze Tamtam um die Hoffnung hier am Ende auch nicht wirklich kompromittiert werden darf. Aber in den Schützengräben wiederholt sich das Märchen von „Amélie“, das ja letztlich den Film bei weitem überstieg, nicht. Es wird auch keinen Touristenboom in Verdun geben.

Zwar ist ein pastellfarbenartiges Frankreich hier der imaginäre Ort, doch in „Mathilde“ gibt es eben kein Montmartre. Nach dem Phänomen „Amélie“ hat sich Regisseur Jeunet mehr als drei Jahre Zeit gelassen, vielleicht auch deswegen, weil er um sein „Matrix“-Dilemma wusste: Wie einen nächsten Film drehen, wenn er an der Höhe der Messlatte gute Karten hat zu scheitern? Aber selbst wenn man „unvoreingenommen“ mit Spannung dem harrt, was sich an Phantasie auf der Leinwand ausbreiten könnte, man sieht ja doch nur „Amélie“. Sehr kalkuliert, aber irgendwo auch logisch hat Jeunet die Frau, deren Rehaugen 2001 – man meint – die ganze Welt verzaubert haben, erneut zum übermächtigen Mittelpunkt seines Filmes erklärt. Ein wenig beschreibt die Entscheidung für Audrey Tautou aber auch die Ratlosigkeit gegenüber dem Erwartungsdruck des Publikums, das, wenigstens ein Stück weit, auf das Jeunet-Tautou-Gespann, auf More-Of-The-Same gewartet hat.

So kommt es bei der Besetzung zur Neuauflage. Bei Jeunet betrifft das bekanntermaßen gleich fast das gesamte Ensemble, das die üblichen Verdächtigen zeigt. Ansonsten sieht man von dem, um das es laut deutschem Titel eigentlich gegen soll, verdächtig wenig. Die Liebe. Was Jeunet aus der Buchvorlage von Sébastien Japrisot gemacht hat, kann, selbst wenn man den erzählerischen, szenischen Reichtum von „Amélie“ zu vergessen sucht, dramaturgisch nicht überzeugen, das Drehbuch zeigt im Mittelteile eklatante Längen. Die Grundidee einer Verlobten, die weit über Kriegsende hinaus manisch an dem Glauben festhält, ihr Verlobter werde dem Schlachten schon entronnen sein, mag ja soweit hoffnungslos romantisch sein, das ist es dann aber auch. Zu absolut baut Jeunet um diese an die Rührseligkeit des Publikums mit allem Nachdruck appellierende Idee das dünne Gerüst seiner Geschichte auf. Bald ist sie eher eine ästhetisierte Detektivgeschichte als Romanze.

Die Eröffnung mit deutlichen Bildern im Schützengraben ist verstörend, ist Hollywood, ist in Erinnerung an „Amélie“ bemerkenswert anstregend. Aus dem Off wird unvermittelt, fast hastig der Stand der Dinge referiert, während sich Jeunet in den für ihn typischen schnellen, biographische Segmente vorstellenden Schnitten ergeht; von der Liebe zwischen Mathilde und Manech wird geredet, das emotionale Band zwischen den Beiden sieht man jedoch nicht, es entwickelt sich, wenn überhaupt, durch spätere Rückblenden, magere Szenen, nur zögerlich. Dann ist der Krieg, der Vorspann, auch schon vorbei und die Hoffnung für die sich Verlorenen soll Kraft geben, während sie Mathilde gleichzeitig aufzuzehren droht. Alsbald wirft sich dann auch die Frage auf, wieso es eigentlich nur an Mathilde ist, nach Spuren im Schlamm zu fahnden. Wieso meldet sich, sollte er tatsächlich überlebt haben, Manech nicht einfach selbst?

Angesichts der mythischen Größe, zu der die beschworene Liebe hier anschwillt, wären selbst Erklärungen des drohenden militärischen Skandals oder gar des Kriegsgerichts für irgendwen, unbefriedigend. Es existieren doch, so ist es im Film, für die Liebe keine Schranken. Das Ende im Garten gibt dann nachträglich sehr einleuchtende, aber auch achselzuckende Erklärung für Manechs Stille. Der Mittelteil des Dramas ist zum Teil anstrengend wie die Kriegsbilder, das aber aus dem Grund, weil man doch sehr bedauert, dass Jeunet, wo „Amélie“ noch vor Phantasie und Witz in jeder Szene nur so über ging, jetzt streckenweise gar einfallslos daherkommt. „Mathilde“ ist trotz allem noch immer ein guter Film, weil Jeunet wie kaum ein anderer die Kraft des Bildes richtig einzusetzen weiß, um den Zuschauer emotional zu erreichen. Aber die verzweigte detektivische Kleinstarbeit, die Mathilde mal einen Schritt vor bringt und dann wieder zurück wirft, ist schon ein wenig trübe und konfus.

Hätte Jeunet nicht seine atemberaubende Tautou, das totale Gravitationszentrum, „Mathilde“ hätte so nicht gedreht werden können. Die 26-Jährige füllt selbst noch mit erzwungener Behinderung die Leinwand mit einer Ausstrahlung, die nach Hollywood führen muss. So ist es dann auch, Tautou wird demnächst an der Seite von Tom Hanks zu sehen sein, adieu Frankreich. Ob ein anderer Regisseur Tautou so wie Jeunet ins Bild zu setzen vermag, darf jedoch bezweifelt werden. In „Mathilde“ ist sie mit fast eingefrorenem Trübsalgesicht das Objekt der Zuschauerrührung. Die Rechnung geht natürlich auf, am Ende entlädt sich mit schöner Kraft alles Mitgefühl. Man darf weinen. Möglich, dass „Mathilde“ den Zuschauer nicht direkt wieder loslassen wird, aber die Liebe ist hier, anders als in „Amélie“ kein ansteckendes Spiel, sondern ein Kampf. Jeunet schafft ästhetisches Seufz-Kino, hinter dessen Bildern sich leider nur bedingt jener Einfallsreichtum versteckt, auf den man doch hoffte.

Perfekt gemaltes Rührkino mit erzählerischen Schwächen


Flemming Schock