Madagascar

USA, 86min
R:Eric Darnell, Tom McGrath
B:Mark Burton, Billy Frolick
L:IMDb
„Das sind unzivilisierte Aliens aus einer unzivilisierten Zukunft!”
Inhalt
Das ist die Geschichte von vier Bewohnern des New Yorker Zoos: Alex, dem Löwen, Marty, dem Zebra, Melman, der Giraffe, und Gloria, dem Nilpferd. Von einigen Pinguinen lassen sie sich zum Ausbruch in die große, weite Welt verführen. Das Ziel ihrer Reise: die Wildnis Madagascars. Als sie nach unzähligen Strapazen endlich dort ankommen, treffen sie auf die immer gut gelaunten Lemuren. Jetzt gibt es für alle kein Halten mehr, und das kann nur eines heißen: Party pur!
Kurzkommentar
Trotzdem „Madagascar“ der ewigen Cartoon-Dialektik Mensch/Tier ein paar interessante Facetten abgewinnt und visueller Stil und Animationsmaxime eine wohltuende Abkehr vom etablierten CGI-Look sind, kann er kaum überzeugen: der Geschichte geht allzu schnell die Puste aus, die Charaktere sind die üblichen Plappermäuler und die nervtötenden popkulturellen Anspielungen hat Dreamworks nach den „Shrek“-Teilen sowie „Große Haie, kleine Fische“ immer noch nicht abgestellt. Der ehemaligen Frische des computeranimierten Films fügt Dreamworks weiteren Schaden zu.
Kritik
Das Motiv des Posters des neuen Dreamworks-Animationsfilm „Madagascar“ scheint nicht zufällig eine ironische Hommage an die grimm’schen „Bremer Stadtmusikanten“ zu sein. Hier wie dort ging es um eine Gruppe vier befreundeter Tiere, die sich zusammenraufen müssen, um zu überleben und in beiden Geschichten spielen Akrobatik und Show eine große Rolle. Freilich fehlt dem modernen Abenteuer die Melancholie und der fatalistische Unterton des deutschen Märchens: während die Bremer Stadtmusikanten ausgediente Nutztiere am Ende ihres Lebens waren und gemeinsam ihrem Tod entgehen wollten, kämpfen Alex, Marty, Melman und Gloria keineswegs gegen die Menschheit, maximal gegen sich selbst.

Dennoch greifen „AntZ“-Regisseur Eric Darnell und Tom McGrath einen düsteren Aspekt des Verhältnisses Mensch/Tier auf, versehen mit einer gelungenen, satirischen Spitze: für die Tiere im New Yorker Zoo sind die Menschen ziemliche Freaks und ebenso eine Attraktion wie sie selbst für die zahlenden Zweibeiner. Den dominierenden Teil der ungleichen Beziehung übernehmen allerdings die Tiere, insbesondere Starlöwe Alex: er wird einerseits vergöttert wie ein Rock-Star, genießt andererseits den Status des furchteinflössenden Raubtiers: als er in der Central Station eingefangen werden soll, machen sich die Polizisten und Wärter gehörig in die Hosen. Das düstere und leicht subversive an den gezeigten Machtverhältnissen ist nun, dass die Menschen den Zoobewohnern zwar ein Leben in Luxus ermöglichen, ihnen aber dadurch ihre Natürlichkeit nehmen. So wird Alex’ Urinstinkt, die Jagd nach Fleisch, von den Menschen fortlaufend gestillt, ganz so als ob man einen Gefangenen mit Drogen unter Kontrolle hält. Und werden die Drogen dann für eine längere Zeit nicht mehr verabreicht, wird Alex buchstäblich zum Tier, findet also zu seinem Naturell zurück und wird damit zum ernsten Gefahr für seine „Freunde“.

Hätten Darnell und McGrath diesen Zwiespalt zum Sujet des Films gemacht, aus „Madagascar“ wäre vielleicht mehr geworden als konventionelle Unterhaltung. Richtig verpackt, kann so ein Thema auch im Kinderfilm-Genre funktionieren, das zeigte zuletzt Jacques-Rémy Girerds wunderbarer Animationsfilm „Das Geheimnis der Frösche“, in der auch kleinen Zuschauern die logische Konsequenz des Karnivoren-Daseins vor Augen geführt wurde. Auch Pixar hätte man eine pointierte und in ihrem Subtext intelligente Auseinandersetzung mit einer derartigen Thematik zugetraut, Dreamworks bleibt hingegen immer noch zu sehr einer popkulturellen Anbiederung verhaftet. Damit sind nicht nur etwaige, direkte Filmzitate („American Beauty“) gemeint, sondern auch krude Entgleisungen wie der Aufgriff des Reel 2 Real-Hits „I like to move it“. Spätestens hier offenbart sich, dass es „Madagascar“ nicht auf eine zeitlose Geschichte abgesehen hat, sondern gänzlich in der Gegenwart verankert bleibt. Aus diesem Grund wird er auch furchtbar schnell veraltet wirken.

Geschwätziges Animationsabenteuer mit progressiver Form und antiquiertem Inhalt


Thomas Schlömer