Harry Potter und der Feuerkelch
(Harry Potter and the Goblet of Fire)

USA / Großbritannien, 157min
R:Mike Newell
B:Steven Kloves, J. K. Rowling
D:Daniel Radcliffe,
Rupert Grint,
Emma Watson,
Ralph Fiennes,
Brendan Gleeson
L:IMDb
„Dark and difficult times lie ahead, Harry. Soon we must all face the choice between what is right … and what is easy”
Inhalt
Harry wird auf geheimnisvolle Weise als Kandidat für das renommierte Trimagische Turnier ausgewählt, obwohl er das Mindestalter noch gar nicht erreicht hat. In diesem spannenden internationalen Wettbewerb muss er gegen ältere und erfahrenere Schüler von Hogwarts und von zwei konkurrierenden europäischen Zaubererschulen antreten. Unterdessen versetzen die Helfershelfer von Lord Voldemort die Zauberergemeinde in Angst und Schrecken: Während der Quidditch-Weltmeisterschaft erscheint am Himmel das Dunkle Mal - ein deutliches Zeichen, dass Voldemort nach der Macht greift. Doch auch ein weiterer erschütternder Umstand macht Harry äußerst nervös - er hat noch immer keine Tanzpartnerin für den Weihnachtsball in Hogwarts.
Kurzkommentar
Der zutiefst britische Regisseur Mike Newell inszeniert den vierten Harry Potter Teil als überaus rasant-charmantes Magiespektakel, welches seine Protagonisten von digitaler zu digitaler Aufgabe hetzt und diesen kaum Zeit lässt, inne zu halten, um über all die liebevollen Details und skurrilen Einfällen zu schmunzeln. Der vorweihnachtliche Film wird sein Stammpublikum nicht enttäuschen.
Kritik
157 Minuten werden auch diesmal nicht genug sein. 636 Seiten (der englischsprachigen Hardcover-Ausgabe) können – so ist es bereits in diversen Fanforen zu lesen – niemals zur vollen Zufriedenheit der fiebernden Leserschaft in einen einzigen Film gepackt werden. Nicht verwunderlich ist es daher, dass das Studio kurzzeitig geplant hatte, den vierten Harry Potter-Teil zu teilen und zwei Produktionen anzusetzen. Der Regisseur Mike Newell sprach sich jedoch dagegen aus, und somit hat es der Zuseher mit einem fertigen, vollwertigen Teil der Saga um den Zauberlehrling und dessen Abenteuer zu tun.

Newell, der erste britische Filmemacher der Serie, begreift „Harry Potter und der Feuerkelch“ in erster Linie als Thriller, was hervorragend in das PR-Konzept von Warner Brothers passt: möchte man dort doch besonders auf die düstere Grundatmosphäre hingewiesen wissen.

Die dunkle Seite der 140 Millionen Potter-Welt zeigt sich in erster Linie an dem fast schon ans Manisch grenzende Verwendung eine omnipräsenten Blaustichs. Wirklich verstörende Bilder sind nach wie vor rar gesät, dennoch ist die kontrovers diskutierte Altersfreigabe (FSK 12) gerechtfertigt: Der junge Zauberer muss erneut einige Schicksalsschläge verkraften, die diesmal auch grafisch expliziter dargestellt werden.

Doch davon später mehr. Abgesehen von all der Tristesse ist ein zweites Grundthema auffindbar: das Erwachsenwerden – die (angeblich) von Eltern gefürchtete Pubertät. Nicht nur entdecken Hermine (gespielt von Emma Watson) und Ron (gespielt von Rupert Grin) Anflüge von Gefühlen füreinander, auch Harry wendet sich – jetzt mit verwegenen längeren Haaren und deutlich definiertem Oberkörper – einem weiblichen Wesen zu. Über männliche, ihre Sexualität entdeckende Jungindividuen, die in der Badewanne von aufdringlich-anzüglichen Badenixen phantasieren und dabei nervös an sich herumspielen, lasse ich mich an dieser Stelle übrigens nicht weiter aus – das würde zweifellos den analytischen Rahmen sprengen.

Diese ruhigen Momente des Films sind zugegebenermaßen rar. Zumeist dominiert das Motiv der „Nummernrevue“. Die Protagonisten müssen sich von Beginn an immer neuen, immer noch schrecklicheren Gefahren stellen und sich ihrer (digital von Unreinheiten befreiten) Haut erwehren. Daher kann mitunter der Eindruck entstehen, die Serie tritt auf der Stelle. Denn der zentrale Punkt der Narration, die Rückkehr des dunklen Lord Voldemort, steht naturgemäß am Schluss des Films. Und bis zu diesem imposant-verhüllten Auftritt (der an das filmische Schicksal von Edward Norton in „Troja“ erinnert), wird Action non-stop geboten. Das ist für zweieinhalb Stunden eindeutig zu wenig. Es obsiegt hier Form über Funktion; die digitale Bilderwut, exzellent vorbereitet seitens des Kameramanns Roger Pratt (u.a. verantwortlich für „Mary Shelley’s Frankenstein“) und liebevoll in Sachen visuelle Effekte gesamtarrangiert von Jimmy Mitchell (Arbeiten für „Terminator 2“), prasselt so sehr auf den Zuseher ein, dass sich eine gewisse Beliebigkeit und ein Gefühl der Austauschbarkeit einstellt. Das ist sehr schade, denn die unzähligen liebevollen Details, die der vierte Harry Potter-Film bietet, können so keine nachhaltige Wirkung erzielen.

„Harry Potter und der Feuerkelch“ wird – davon ist auszugehen – seine zuseheremotionalen sowie die studiofinanziellen Erwartungen und Hoffnungen nicht enttäuschen. Der zwischen Halloween und Weihnachten gelegte Film schürt geschickt Erwartungen auf die Verfilmung des nächsten Teils. Nicht nur J.K. Rowling wird das sicherlich freuen.

Überbordendes und lautes Fantasiekonstrukt, welches sich seinen liebenswerten Kern in Form von bekannten Figuren und enormen Einfallsreichtum erhält, jedoch bisweilen auf der Stelle tritt.


Rudolf Inderst