Chroniken von Narnia, Die: Der König von Narnia
(Chronicles of Narnia, The: The Lion, The Witch & The Wardrobe)

USA, 125min
R:Andrew Adamson
B:Andrew Adamson, C.S. Lewis, Christopher Markus
D:Georgie Henley,
William Moseley,
Skandar Keynes,
Anna Popplewell,
Tilda Swinton
L:IMDb
„Numbers do not win a battle”
Inhalt
England, während des Zweiten Weltkriegs: Zum Schutz vor Bombenangriffen werden die Geschwister Peter, Susan, Edmund und Lucy von London zum Landsitz eines alten Professors geschickt. Beim Versteckspiel entdeckt die Jüngste, Lucy, in einem leeren Zimmer einen seltsamen Schrank. Er ist das Tor zu einem magischen Land: Narnia! Von wundersamen Kreaturen, Zwergen und anderen fabelhaften Gestalten bewohnt, war Narnia einst ein friedliches Paradies. Doch die Weiße Hexe hat das Land mit einem Fluch belegt: Seither herrscht ewiger Winter. Die Älteren wollen Lucy anfangs nicht glauben, doch schließlich betreten alle vier Geschwister das geheimnisvolle Land und erleben fantastische Abenteuer bei ihrem Versuch, den Bann zu brechen und dem Löwen Aslan, dem rechtmäßigen Herrscher von Narnia, in einer gewaltigen Schlacht zu seinem Recht zu verhelfen.
Kurzkommentar
„Die Chroniken von Narnia – Der König von Narnia“ ist Kostüm- und Maskenkino im wahren Sinne des Wortes. Hinter dem Kinderbuch findet sich der Abgrund der religiösen Inbrunst. Teils schrecklich naiv und unreflektiert entfaltet der Regisseur Andrew Adamson seine kunterbunte CGI-Traumwelt voller Abenteuer.
Kritik
Man könnte es sich so einfach machen. Man könnte die Besprechung dieses Filmes beginnen mit: Welches Kind träumt nicht davon, durch einen alten Schrank in ein Land der Fantasie zu entfliehen? Wer von uns träumte als Junge oder Mädchen nicht davon, König oder Königin zu werden. Schließlich spielten wir diese Phantasie in unzähligen Faschingsfesten und sonstigen Nachmittagsstunden intensiv und voller Freude nach. Clive Staples Lewis, der Autor von den „Chroniken von Narnia“, auf denen die Verfilmung von Andrew Adamson fußt, erlebte die beiden Weltkriege als traumatisierende Erfahrung. Entsprechend verständlich fallen seine Fundamentaleinteilungen von Gut und Böse aus. Dazwischen gibt es keine Nischen, keine grauen Flächen. Der Zwang zur normativen Wertung ist derart aufdringlich, dass man sich bisweilen Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ in die Hände wünscht.

Eine Filmadaption zum heutigen Zeitpunkt, sprich etwa 50 Jahre später, muss allerdings zeithistorischen Entwicklungen Rechung tragen und – in meinen Augen – anderen Prämissen folgen. Das kann der kritische Zuseher erwarten, zumal man ja so oft unter die Nase gerieben bekommt, es handle sich nicht nur um einen Kinderfilm.

Seit Mitte der 1990er-Jahre ist der amerikanische Patriotismus aufgrund des Endes des Kalten Kriegs unaufhaltsam auf dem Vormarsch (nicht etwa als Siegesruf, sondern als Zeichen der Verunsicherung!); ebenso ist in den Vereinigten Staaten die religiöse Rechte endgültig in den Zentren der Macht angekommen: Missionarisch-eschatologische Untertöne der Evangelikalen begleiten die Politik des Weißen Hauses. Und nun erscheinen also die Chroniken von Narnia. Angeblich seien endlich die CGI-Effekte so weit. Wahrscheinlicher ist eher, dass nun das gesellschaftliche Rezeptionsverhalten stimmiger ist: Eine gewisse Vorstellung von Wertigkeit kann diesem Film zweifelsohne zum Erfolg verhelfen.

„What do they teach you at school today?“ fragt der alte Professor skeptisch, der die Kinder in seinem Landhaus aufnimmt. Der momentane Streit darum, was an amerikanischen Schulen gelehrt werden soll, nämlich die Debatte um Darwin und Intelligent Design bzw. Kreationismus ist hier deutlich heraus zu hören. Die Kinder, die von einem Weihnachtsmann mit Waffen (!) als Geschenk ausgerüstet werden, haben überhaupt kein Problem damit, sich loyal in den bewaffneten Kampf zu integrieren. Kindersoldaten gehorchen. Zu keinem Zeitpunkt hinterfragen sie die Absichten des Führers. Der Führer ist ein Löwe. Er ist die Heilsfigur. Er ist Jesus. Er opfert sich für seine Weggefährten – was aber der Zuseher nach dem höhnischen Post-Splatterstreifen „Passion of Christ“ weiß: Der christliche Märtyrer ist nicht klein zu kriegen – flugs erwacht der Führer zu neuem Leben und nimmt alttestamentarisch-gerecht Rache. Und wie auch Jesus Lazarus auferweckte, werden die Gefallenen des Schlachtfeldes durch einen Zaubertrank ins Leben zurückgeholt. Bibelkurs auf der Filmhomepage zum Herunterladen, Jagd auf die weiße Hirschkuh und eine mögliche Lesart um die Tochter der ersten Frau Adams Lilith als Hassfigur in Form von Tilda Swinton ergeben in der Summe einen gewaltigen ideologischen Ballast, den die Chroniken mit sich herumtragen müssen. Wenn nun noch Gestapo-Vergleiche bemüht werden, und der Jesus-Löwe wie ein KZ-Häftling zwangsrasiert wird, dann schwirrt selbst dem abgehärteten Fantasie-Liebhaber der Kopf. Da wirkt es fast schon zynisch, dass der junge Held Peter in der finalen Schlacht auf eben jene Taktik des Luftangriffs setzt, die ihn und seine Familie in Form von Nazi-Bomben in die Luftkeller trieben. Von den Deutschen lernen heißt eben doch, siegen lernen?

Reichlich seltsame Kombination: Walt Disney und seine säkularen Spitzen treffen C.S. Lewis und seine religiös-spirituelle Utopie und hinterlassen ein ungutes Gefühl


Rudolf Inderst