Legende von Bagger Vance, Die
(Legend of Bagger Vance, The)

USA, 123min
R:Robert Redford
B:Steven Pressfield
D:Matt Damon,
Will Smith,
Charlize Theron,
Bruce McGill
„Es gibt nur Sie, das Feld, die Fahne und das, was Sie sind”
Inhalt
Einst war Rannulph Junuh (Matt Damon) der Goldjunge der Gesellschaft von Savannah, Georgia. Mit seinen außerordentlichen Golfkünsten begeisterte er die Menschen, mit seiner bildschönen Verlobten Adele Invergordon (Charlize Theron) war er der Mittelpunkt jeder Party. Doch die Schatten des Ersten Weltkriegs fangen auch Junuh ein. Aus der Bahn geworfen, beginnt er zu trinken und zu spielen. Er zieht sich völlig in sich zurück. Zwölf Jahre später steht Adele wieder vor seiner Tür: Um den Golfplatz ihres verstorbenen Vaters vor den Kredithaien der Stadt zu retten. Dafür will sie ein Golfturnier veranstalten, in dem Junuh gegen die zwei besten Golfspieler ihrer Zeit antreten soll.
Kurzkommentar
Einmal mehr beschwört Robert Redford das Goldene der verlorenen Vergangenheit und entwirft ein von typisierenden Romantikmotiven durchtränktes Golfermärchen, das den Aristokratensport in ungeahnter Beweihräucherung zur Existenzmetapher erhebt. Unter der Überlast des ansehnlich fotografierten Pathos quält sich ein völlig nichtiger Plot samt weggetretener Darsteller über sentimentale achtzehn Löcher.
Kritik
Als Legende liebt er Legenden. Robert Redford ist nicht nur Symbol für große, verzerrt erinnerte Hollywoodzeiten, sondern mit dreiundsechzig immer noch Sexsymbol, das sich scheinbar selbst nicht überleben kann. Aber damit hat er sich arrangiert, und auch mit dem Leben. Angesichts der sinnlos technisierten Gegenwart tut sich bei dem Gesättigten, wie kürzlich in einem Interview eingestanden, sowas wie Kulturpessismus mit nostalgischer Wehmut auf. Nicht mehr die Gegenwart ist Maß aller Dinge, sondern die erträumte, idealisierte Vergangenheit, mithin also der für die Romantik des 19. Jahrhunderts charakteristische Wunsch, das Leben zu romantisieren, ihm ein Geheimnis, etwas von dem zurückzugeben, was ihm Aufklärungsrationalismus und naturwissenschaftliche Fortschrittstyrannei für lange Zeit nahm. Selbstgenügsam blickt Redford zurück, und dadurch, dass er in dick auftragender Sehnsucht geschichtliche Wurzeln sucht, ist er der idealtypische Romantiker.
Da ist es kein Wunder, dass er auch noch Golf spielt, wie viele andere Stars also dem exklusiven Zeitvertreib der Upperclass frönt. Das oft überhöhte Spiel, fragwürdigerweise als "Sport" firmierend, mag neben dem grünen Spielfeld auch ein breites semantisches Feld haben, vor allem aber ist und bleibt es sinnbildlichster Ausdruck des Zeitvertreibs als Klassenprivileg, was schon die abgegrenzte, zurechtgestutzte Natur nahelegt. In Standesdünkel schottet man sich ab, ist unter seinesgleichen und sucht im Dialog mit Ball, Grün und sich selbst die perfekt künstliche Harmonie zu erspielen. Aber so ist es ja gar nicht, vielmehr bietet Golf für Redford und Co. eine wunderbar zutreffende Metapher für das Leben: Der Spieler wird zum Heilssuchenden, indem er regelrecht selbstversunken während der achtzehn Löcher alle Gefühlswelten durchlebt und erst dann, wenn er in innerer Ruhe den authentischen Schlag und die Gewissheit des authentischen Selbst herbeimeditiert, kann er geläutert ins Spiel des Lebens entlassen werden.

Die Botschaft der sechsten Redford-Regiearbeit tischt Romantik als mystisierende Lebensillustration derart überprall auf, dass ihr Pathos nur den kitschigen Teil jener ästhetisch umfassenden Bewegung übrig lässt. Ein anderer Zugang scheint aus heutiger Rezeptionsperspektive vielleicht auch nicht möglich. Der Gedanke, ein High-Society-Vergnügen in einer Verklärungshymne zur spirituellen Ganzheitserfahrung auszustilisieren, mag schon bizarr genug sein, die Krone der Belanglosigkeit ist aber zweifellos ein Film über achtzehn Loch auf englischem Rasen, der hier von der ästhetischen gleich in die metaphysische Ebene überschrieben wird. Seine Bedeutung als Grund des Lebens entziffern kann allein der gute, mysteriöse Geist Will Smith, der dem verlorenen Ritter Matt Damon als selbstgenügsamer Rasenphilosoph und Golfprophet den rechten Sinn weist. Wieder wird Stilelementen der Romantik gehuldigt, ein pittoreskes Märchen tut sich auf. Als enigmatischer Rasenmissionar kommt Smith aus dem Nichts und geht ins Nichts, aber das Beschauliche eben ist doch, dass der Golfplatz zauberhaft aufgeladen und als eine Bühne zurückbleibt, die die Grenzen von Sentimentalität unverhohlen altmodisch sprengt.

Nun kann eine gesunde Portion Kitsch immer erbaulich wirken, wenn sie denn treffend aufbereitet ist. Wie aber nicht anders zu erwarten, verkümmert die Golfmesse zur stimmungshaft fotografierten Postkartenidylle, in der Redford das Publikum nur selten an die tranceartigen Selbstvergessenheit der herausgeputzten Heiligen binden kann. An Matt Damons wirklichem Talent kann man Zweifel anmelden, in seiner Rolle verkauft er sich im Rahmen der wohlgepflegten Langeweile ebenso tadellos wie der nicht umsonst schläfrig schlurfende Smith und Charlize Theron, hier nicht mehr als eine weitere illustrative Beigabe. Weil Redford ahnte, dass die Obsession um das Einlochen nicht jeden ansteckt, wird noch hilflos die gebeutelte Romanze eingeschaltet, die diesem Überfluss, so angenehm oberflächlich wie ein englischer Landschaftsgarten, jedoch auch keine Spannung abringt.

Solange man aber ohne Grundlagendramaturgie leben kann, hat die "Legende von Bagger Vance" mit seinem genüsslich vor sich hineierndem, fast lithurgischen Rhythmus doch noch einen registrierten Restreiz. Zum einen ruht die Kamera des ausgezeichneten Michael Ballhaus malerisch auf der personalen und landschaftlichen Staffage, und zum anderen animiert das stimmungsvolle Märchen- und Traumarrangement zum lächelnd beduselten Zurücksinken im Kinosessel. Die Erkenntnis: Redford sollte hinfort nur noch golfend philosophieren und der Rest der Menschheit bedankt sicht.

Stilvoll antiquiertes Nostalgiegeschnarche über den heiligsten Zeitvertreib


Flemming Schock