Unleashed - Entfesselt
(Unleashed)

USA, 102min
R:Louis Leterrier
B:Luc Besson, Robert Mark Kamen
D:Jet Li,
Morgan Freeman,
Bob Hoskins,
Kerry Condon,
Scott Adkins
L:IMDb
„Nehmen wir mal diese Melone hier. Was denkst du, was sie sagt?”
Inhalt
Danny (Jet Li) ist kein Mensch, jedenfalls wird er nicht wie einer behandelt. Von seinem „Besitzer" Bart (Bob Hoskins) wie ein Hund gehalten, hat sein Leben nur einen Sinn: zu kämpfen, um zu töten. Ohne jede Regung und mit minutiöser Präzision bekämpft er seine Gegner. Für Bart ist es ein lukratives Geschäft, für Danny ist es der einzig ihm bekannte Alltag. Zufällig lernt er den blinden Klavierstimmer Sam (Morgan Freeman) kennen und begegnet einer Welt, in der er Entscheidungen treffen kann, in der er seine Liebe zur Musik entdeckt, in der er erfährt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Endlich ist sie da, die Chance auf ein richtiges Leben. Doch so einfach lässt sich Bart seine Einnahmequelle nicht nehmen.
Kurzkommentar
„Entfesselt“ ist allenfalls bemerkenswert als Kommentar zum Standort der Beteiligten: Jet Li, diesmal verwahrlost-animalischer Kung-Fu-Kaspar-Hauser, wird einmal mehr zum Zugpferd eines peinlichen Prügelstreifens; Luc Besson schreibt weiterhin gnadenlose Drehbücher und unterbietet sich erneut. Und Louis Leterrier, der Regisseur, deutet an, was für Niveauabgründe sich im „Transporter 2“ auftun dürften. Und wie hat sich Morgan Freeman hierher verirrt?
Kritik
Angesichts von Titel und rudimentärem Plot hätte man noch auf Trash und unfreiwillig komische Unterhaltung hoffen können, denn es verhält sich ja so: Jeder neue Versuch, die Martial Arts-Ikone Jet Li doch endlich in Hollywood zu etablieren, endet in einem Debakel. Der Chinese, ähnlich wie der in den USA ungleich erfolgreichere Jackie Chan, ist mimisch zu kaum etwas im Stande, und deswegen werden, wenn er nicht mal wieder pseudoasiatischen Kampfsportblockbustern die Garnitur geben darf, die Rollenangebote in Hollywood wohl nicht gerade in Wellen kommen. Jet Li kann einem fast Leid tun, denn mit „Entfesselt“ ist eine neue Dimension des im aufwendigen Rahmen getarnten Stumpfsinns erreicht. Für die gesamte Darstellercrew sieht das recht peinlich aus; man mag sich fragen, was wohl Morgan Freeman geritten haben mag, als er hier seine Einwilligung gab. Von Bob Hoskins, der hier das Abziehbildchens eines sadistischen Schutzgelderpressers geben darf, mal ganz abgesehen. Und Massive Attack macht die Musik, aber die waren auch schon mal besser. Einzige Erklärung: Der Franzose Luc Besson, der seinerzeit mal einen „Profi“ drehte und sich auf nach Amerika machte.

Seit er 1999 mit „Johanna von Orleans“ seinen bisher letzten Film drehte, verlagert sich das ehemalige „Wunderkind“ zunehmend auf ein Wirken hinter den Kulissen, vor allem als Produzent, leider aber auch weiterhin als Drehbuchautor. So auch für „Entfesselt“, dessen Script Besson sich zusammengegoogelt haben muss. Oder ähnliches. Zur Vergegenwärtigung: Der Streifen sollte eigentlich „Danny the Dog“ betitelt werden, und es wäre weit pointierter gewesen. Am ehrlichsten ist „Entfesselt“ dann nur in seinen unnötig brutalen, schlampig geschnittenen Gewaltszenen, die Jet Li wohl in seinem Element zeigen sollen. Das, was diesen primitiven Selbstzweck als Plot umgibt, ist schon so dreist, dass man zwei Mal darüber nachdenken muss, um zu glauben, was hier als im Rahmen eines vorgeblichen Star-Kinos an den Mann gebracht wird: Ein Schutzgelderpresser züchtet sich eine Kampfkunstmaschine heran, einen menschlichen Hund, der, sobald ihm das Halsband (Achtung, Vorschlaghammersymbolik!) in der Gegenwart von Schuldnern abgenommen wird, mit tierischer Energie die Opfer plättet. Und die haben, das ist beispielhaft für die Logik dieses Murks, selbstredend alle keine Bleispritzen parat.

Doch natürlich muss das Halsband weg und die Menschwerdung her. Danny, der Hund, sein eigentlicher Instinkt ist eher das Denken und Fühlen, gar der musische Geist. Irgendwann zaubert der Autor Besson dann bei einer der hastig und bruchstückhaft seriellen Eintreibungsaktionen einen Raum voller Klaviere hervor, in dem aus dem Nichts Morgan Freeman als blinder Klavierstimmer hervorwabert und dem dressierten Killer das Mordinstrument, die Hand, zum Klavierspielen lockert und die Seele rührt. Eine neue Familie, der Anfang der eigenen Zivilisationsgeschichte ist gefunden, vom Meloneneinkauf bis zur probaten Löffelnutzung. Es ist klar, dass unsere unglaublich schlechte Kaspar-Hauser-Version, melancholisch und rührselig, sich auf platteste Weise und in Gesten die Fragen des Woher und Wohin als Sinnbild des Seins stellen darf. Hier changiert „Entfesselt“ furchtbar unausgegoren zwischen schwermütigem Soziodrama und Mainstream-Hau-Drauf-Action. Aber immerhin, wenn er nicht gerade mal austeilt (am Ende natürlich zur Verteidigung der Lieben), darf Jet Li den fast immer gleichen Gesichtsausdruck länger in die Kamera halten als in all seinen vorigen Hollywood-Versuchen.

Insgesamt gehen diese vielleicht guten Vorsätze in die Hose und erreichen das Gegenteil: Li bleibt als Danny nichts anderes, als hundsartig-treudoof die Sozialisationsmaßnahmen seiner Zieheltern mitzumachen. Eine Figur dieser Kategorie in der Filmographie aufweisen zu müssen dürfte es schwer machen, den Chinesen überhaupt noch einmal in einer Hauptrolle in den USA erfolgreich zu installieren. Reden muss er nur in Fragmenten, das fällt aber auch nicht weiter auf, weil die Dialoge, die sich Besson zusammengeschrieben hat, ohnehin desaströs sind. Gerade wegen seiner begrenzten mimischen Möglichkeiten hängt Jet Li zu sehr vom Vermögen der Produzenten und Regisseure ab. Und im Grunde war Louis Leterrier, der mit dem gewalttätigen „Transporter“ sein Debüt gab, ja eigentlich nicht die falsche Wahl. Im „Transporter“ durfte er es wenigstens krachen lassen. Action, sonst nichts. Aber „Entfesselt“, dessen Script ein einziges Kuddelmuddel wirklich mieser Versatzstücke ist, schlägt sich mit einem lächerlichen, bösen Onkel bis zum Showdown und endet in kitschiger Rührseligkeit. Eigentlich kann der nächste Jet Li, wenn es denn einen gibt, nur besser werden. Aber mit dieser Vermutung betrügt man sich wohl immer.

Brutaler Prügelstumpfsinn mit haarsträubendem Emanzipationsplot


Flemming Schock