Vera Drake

Großbritannien, 124min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mike Leigh
B:Mike Leigh
D:Imelda Staunton,
Philip Davis,
Peter Wight,
Adrian Scarborough,
Heather Craney
L:IMDb
„Alles, was sie wollte, war helfen.”
Inhalt
London 1950. Vera Drake lebt mit ihrem Ehemann Stan und ihren erwachsenen Kindern Sid und Ethel in einer kleinen Wohnung. Sie haben nicht viel Geld, aber sie stehen sich nahe und sind eine glückliche Familie. Vera arbeitet als Putzfrau, Stan ist ein Mechaniker in der Autowerkstatt seines Bruders, Sid ist Schneider und Ethel steht am Fließband einer Fabrik, wo sie Glühbirnen testet. Vera kümmert sich zusätzlich um den kranken Nachbarn und die alte Mutter, und findet auch für ihre schüchterne Tochter einen Ehegatten. So verläuft das Leben einfach, aber harmonisch. Gelegentlich allerdings geht Vera noch einer Nebenbeschäftigung nach, die sie vor ihrer Familie geheim hält: Sie hilft jungen Frauen bei ungewollten Schwangerschaften. Unentgeltlich sorgt sie mit einem kleinen Eingriff dafür, dass die verzweifelten Frauen ihr Baby verlieren. Als jedoch eine solche Abtreibung misslingt und das betroffene Mädchen ins Krankenhaus muss, kommt Veras Tätigkeit ans Licht. Eine polizeiliche Untersuchung führt zu ihrer Festnahme, sie wird vor Gericht gestellt und ihre vertraute Welt bricht zusammen.
Kurzkommentar
Mike Leighs Sozialdrama um das heikle, schwer lösliche Thema des Schwangerschaftsabbruchs im Nachkriegsengland ist ein mitreißender Film. Als „Vera Drake“ erreicht Hauptdarstellerin Imelda Staunton eine oscarreife Leistung. Deren Größe liegt, wie im Rest der puristischen und gradlinigen Tragödie auch, in ihrer Unbedingtheit. Mike Leigh schafft intelligentes Mitleidskino ohne billige Effekte und pauschale Parteinahme.
Kritik
Der sezierende Blick in Tristesse und Zwangsoptimismus der englischen working class hat es ihm angetan. Hier variiert Mike Leigh seine Motive, leichter Stoff ist auch zwei Jahre nach dem in Cannes umjubelten „All or Nothing“ nicht zu erwarten. Triumphiert hat „Vera Drake“, das kleine Drama mit großer Wirkung, dann dennoch, in Venedig mit dem Goldenen Löwen und vielleicht auch bald bei den Oscars als bester fremdsprachiger Film. Aber wichtiger noch: Imelda Staunton geht in der Kategorie beste Hauptdarstellerin zwar als klare Außenseiterin ins Rennen, dürfte aber reelle Chancen haben. Verpassen sollte man Mike Leighs neues Werk über das wohl ewig brisante Thema der Abtreibung – hier ganz klar als soziale Notwendigkeit und nicht als ethischer Tabubruch verstanden – in keinem Fall.

Leigh gelingt nämlich ein großes Kunststück, gleichzeitig ein Drahtseilakt: „Vera Drake“ appelliert mit selten zu sehender Kraft an die ja angeblich größte menschliche Qualität, an das Mitleid, an das Mitgefühl des Zuschauers. Das erreicht Leigh mit bewegender Wucht, ohne aber – und das ist die subtile Leistung jenseits von Hollywoodscher Gefühlssoße – mit dem moralinsauren Vorschlaghammer in Richtung von Gesetz und gesellschaftlicher Ethik im England der 50er Jahre anzuschwenken. Theatralische Mittel und pathetische Klangteppiche fallen ebenso flach. Das Gegenteil ist der Fall. Mit dem bekannten Blick für mikroskopische Alltagsdetails schafft Leigh eine Tragödie ohne aufgeblasene Gesten, er beobachtet, er erzählt, aber er kommentiert nicht.

Natürlich, auch „Vera Drake“ muss am Ende Position beziehen. Wenn er es für die Heldin seiner Tragödie tut, dann weniger für die individuelle oder gar stilisierte Person. Denn wie an Vera erwartungsgemäß durch eine Justiz, für die Mitleid als mildernder Umstand nicht zählt, ein Exempel statuiert wird, so lehnt sich ihre Figur mit exemplarischer Humanität und Selbstlosigkeit gegen die unmenschlichen Züge der Gesellschaft, das aber ohne Kampf, denn dass sie Unrechtes, aber nichts Falsches getan hat, räumt die ständig weiter in sich Zusammensackende ein. Und gerade das, die abrupte Wandlung in der Figurenentwicklung, bedingt durch das erwartete Auffliegen von Veras illegal-selbstlosem Bemühen, ist der große Wurf von Mike Leighs neuem Film. Wohl kann man der Eröffnung und damit gleich auch der ganzen ersten Hälfte von „Vera Drake“ ankreiden, dass die Skizzierung der Familie Drake arg an bemühte Zwangsidylle erinnert.

So gibt Imelda Staunton zuerst den übereifrigen, ständig vor sich hinsummenden Optimismus einer Frau und Familienmutter, die sich in schon fast in aggressiver Genügsamkeit mit der Mangelrealität der unmittelbaren Nachkriegszeit arrangiert hat. Hier ist alles derart auf das beneidenswert bescheidene Glück einer gesunden Arbeiterfamilie getrimmt, dass das hereinbrechende Unglück eh nur eine Frage von Filmminuten scheint. Was aber als ein typisches Leigh-Element erneut beeindruckt, ist der wirklichkeitsnahe Blick in die Lebensverhältnisse, ins Milieu. Jedes Wohnungs- und Bewegungsdetail wirkt minutiös und überzeugend. Leigh nimmt sich hier für ritualisiert wiederholten Szenen viel Zeit, die Vera als um alles und jeden besorgte Philanthropin installieren. Bitterkeit und Elend der sie umgebenden Verhältnisse ringt sie allerorts mit einem warmherzig-bündigen „Oh, Dear“ nieder.

Hier mag man sich noch über die Distanz wundern, die Leigh zu seinen Figuren und seiner Heldin hält. Als Alltags- und Sozialstudie wirkt das Geschehen fast beiläufig; Vera erledigt ihre zahllos geübten Handgriffe zur Vornahme einer Abtreibung nicht anders als den Umgang mit dem Putzlappen. Mit den Gemütsverfassungen ihrer „Kundinnen“ - im Spektrum zwischen Traumata und gelangweilter Routine ist alles vertreten – bildet Leigh den Tabubruch der Abtreibung in einer zutiefst konservativen Gesellschaft mit dem exakt richtigen Ton ab. Durch eine Episode der Upper-Class gewinnt Veras Handeln wenn nicht an moralischer Richtigkeit so doch an Legitimität: Wo in der High-Society durch einen Psychiaterbesuch eine Abtreibung halblegal durchgeführt werden kann, bleibt den schlechter Gestellten nur Vera.

Sobald die „Kriminalität“ der guten Seele dann durch eine Komplikation auffliegt, eignet sich „Vera Drake“ eine im Kino nur selten zu sehende Intensität an. Selbst den Vera befragenden Polizeibeamten ist die Dilemmasituation bewusst, dass Vera juristisch, aber kaum moralisch schuldig ist. Aufgeregt militante Töne fallen unter den Tisch, als „Mörderin“ wird sie nirgends beschimpft. Die emotionale Tiefe dieses zweiten Filmabschnittes kommt nach der Eröffnung trotz der erwarteten Gradlinigkeit fast überwältigend daher. Minutenlang lässt Leigh in Großaufnahme die Kamera auf den Zügen seiner unseligen Heldin ruhen, in Stauntons Gesicht verschließen sich die Paradoxien von Schuldbewusstsein und erfahrenem Unrecht an der eigenen Person, der verkörperten Uneigennützigkeit.

Wie Leigh trotz des hervorgerufenen Mitleids ein nüchterner Blick in die gesellschaftliche Wirklichkeit des Englands der 50er Jahre gelingt, dass er also auf eine dramaturgische Ausschlachtung des Szenarios in Form eines rasend lauten Plädoyers für die Humanität, für den Vorrang des geborenen gegenüber dem ungeborenen Leben verzichtet, macht aus „Vera Drake“ einen großartigen Film. Es ist kein Drama mit schlichter und plakativer Parteinahme für oder gegen die Abtreibung, sondern das traurige Kapitel eines herzensguten Menschen, der so handelte, wie er handeln musste. Und ebenso das Gesetz.

Reifes Tränenkino mit großartiger Hauptdarstellerin


Flemming Schock