28 Tage
(28 Days)

USA, 106min
R:Betty Thomas
B:Susannah Grant
D:Sandra Bullock,
Viggo Mortensen,
Dominic West,
Elizabeth Perkins,
Steve Buscemi
L:IMDb
„Damit hast du dich mental aus dem Spiel gekickt”
Inhalt
Gwen Cummings (Sandra Bullock) ist Schriftstellerin, aber in erster Linie eines: betrunken. Als sie nicht nur die Hochzeit ihrer Schwester versaut, sondern auch noch mit einem Auto in einem Vorgarten landet, hat sie die Wahl, entweder ins Gefängnis zu gehen oder eine Entziehungskur zu machen. Sie entscheided sich für das Letztere, fühlt sich von der Institution zuerst angewiedert und von den Mitpatienten ausgestoßen. Doch bald entdeckt sie nach und nach, dass das Leben auch in alkoholfreien Zustand seinen Reiz hat.
Kurzkommentar
Regiereaktionärin Betty Thomas ("Doctor Dolittle") bringt ein drogen- wie völlig inspirationsfreies Moralkino der plumpesten Art. Der allein der Wiederherstellung Sandra Bullocks zum A-Riegenstar dienende Schablonenfilm ist weder witzig noch dramatisch bewegend, aber wegen einer ansehnlichen Leistung der beweihräucherten Zentralfigur gerade noch gerettet.
Kritik
Die Frage nach zukräftigem Starkino wird in Hollywood nach vorhersehbaren Schablonen beantwortet. Man nehme also eine Regisseurin, in diesem Fall Betty Thomas, bisher allenfalls durch den in den USA erfolgreichen "Doctor Dolittle" aufgefallen, eine abgeschmackte Geschichte von Verfall und Wiederauferstehung sowie eine junge Schauspielerin, die, obgleich jung, ihre erfolgreichste Zeit schon hinter sich zu haben scheint. Letzteres ist schade, denn Sandra Bullock hat tatsächlich nicht nur Charme, sondern auch, man traut es sich kaum zu sagen, Talent.
Da nun parabelartige Säufer- und Rehabilitationschroniken (vom drogenverseuchten Wrack zur geläuterten Seele) dem jeweiligen Darsteller ein breites Spektrum seiner Schauspielkunst abverlangen können, sind sie gefragt. Sie fordern aber auch zumindest den Mut zur Hässlichkeit, sich also in einem richtig verschlampten Zustand zu inszenieren. Die Bullock tut es, sieht dabei aber immer noch zu gut aus, um völlig glaubwürdig zu sein. Trotzdem sollte der Film seinem Zweck Genüge tragen, Sandra Bullock nämlich als gefragten Star der A-Riege wieder einzusetzen und für größere Projekte attraktiv zu machen. Nachdem sie in der Folge von "Speed" einen kometenhaften Aufstieg erlebte, wurde es durch halbherzige Produktionen bald wieder ruhig um sie. Im letzten Jahr fiel Bullock mit dem belanglosen "Auf die stürmische Art" kaum mehr auf und versank zusehends im Schatten der omnipräsenten Julia Roberts. Diese verkauft sich nicht nennenswert besser, hatte jedoch das Glück (oder den richtigen Riecher), in halbwegs espritvollen Filmen den Mittelpunkt auszumachen.

"28 Tage" ist unbedeutend, aber als das, was er ist und sein möchte, funktioniert er mittelprächtig bis gut: uninspiriertes, reines Starkino, in dem neben der beweihräucherten Hauptdarstellerin alles andere pappmascheeartig um das Zentrum gruppiert ist. Der Fehler ist also beim Drehbuch und dessen schockierend "neuer" Anti-Suchtmittel-Moral zu suchen, die dem ernüchterten Zuschauer selten plump und reaktionär an den Kopf geworfen wird. Vielleicht hätte Drehbuchautorin Susanna Grant lieber ein Paar Pillen einwerfen sollen, um, so die These Wolfgangs bezüglich "Being John Malkovichs", ein hermeneutikbefreites, aber phantastisch überbordendes Script hervorzubringen. Und das gerade, weil auch "28 Tage" das Klischee untermauert, Schriftsteller müssen erst das Stadium der Dichte erreichen, bevor Kreativität einsetzt. Da fährt man lieber konsequent die konträre Schiene ohne Eingebung und nüchtern entzieht man sich nicht nur der Drogen, sondern auch Dramatik und Komik.

Im Versuch, das ernste Thema leicht zu ironisieren scheitert man ebenso souverän, wie im dramatischen Zuschnitt. Jeder wesentliche Moment wirkt konstruiert und affektiert, die Dialoge sind zudem fürchterlich formelhaft. Zwar hätte die Suchtanstalt Anlass für Psychologisierung geboten, aber platt-vordergründig und stereotyp erscheinen nicht nur die Nebendarsteller (auch Steve Buscemi geht kläglich unter), sondern neben dem Plot auch der Charakter der versoffenen Literatin.

Aber wie angedeutet: Trotz des Drehbuchdeliriums schlägt sich die Bullock wacker, wird den Anforderungen der allein auf sie zugeschnittenden Aufführung gerecht und kann durch situativ angemessenes, manchmal sogar differenziertes Spiel den Streifen zwar nicht in den grünen Bereich retten, trägt ihn durch den Pluspunkt ihres Charmes aber gerade noch. Ein nachvollziebarer Selbstfindungsprozess ist nicht jedoch nicht auszumachen. Resümierend sollte dieser Moralkeulen-Film dem Erinnerungsloch nach einem Vollsuch anheim gegeben werden, für Sandra Bullock hingegen ist es wünschenswert, dass sie sich in Zukunft mit besseren Drehbüchern vertraut macht.


Plattes Gesinnungs- und Starvehikel für charmante Hauptdarstellerin


Flemming Schock