Hautnah
(Closer)

USA, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mike Nichols
B:Patrick Marber
D:Julia Roberts,
Natalie Portman,
Jude Law,
Clive Owen,
Steve Benham
L:IMDb
„Zu lügen ist das spaßigste, was eine Frau machen kann, ohne sich auszuziehen”
Inhalt
Der attraktive aber erfolglose Schriftsteller Dan, der sich als Verfasser von Nachrufen über Wasser hält. Die junge New Yorker Stripperin Alice, die in London ein neues Leben beginnen will. Die geschiedene Fotografin Anna, die kurz vor ihrem Karrieredurchbruch steht. Der ehrgeizige Arzt Larry, der ganz genau weiß, was er will. Zwei Männer, zwei Frauen, zwei Paare, deren Beziehungen durch zufällige Begegnungen vollkommen durcheinander geraten. Als sich Dan auf den ersten Blick in Alice verliebt und sie ihn zu einem Roman inspiriert, er kurz darauf eine Affäre mit Anna anfängt, die wiederum den selbstbewussten Larry heiratet, beginnt zwischen Dan und Larry ein verzweifelter Kampf um beide Frauen. Doch dabei geht es weniger darum, die große Liebe zu gewinnen, als um den Triumph des einen über den anderen - ohne Kompromisse und ohne Rücksicht auf verletzte Gefühle und gebrochene Herzen.
Kurzkommentar
Der mittlerweile 74-jährige Theater- und Filmregisseur Mike Nichols muss Hollywood noch einmal zeigen wie’s geht und präsentiert mit „Hautnah“ ein größtenteils intelligentes Kammerspiel um Stereotype, Oberflächlichkeiten und gnadenlosen Egoismus. Die unerbittliche Suche nach dem persönlichen Glück ist dabei wenig filmisch und im Kern vielleicht banal, dank treffender Besetzung aber doch sehenswert.
Kritik
Hollywood hat ein Problem: man nimmt es nicht mehr ernst. Schon seit dem Ende der New Hollywood-Ära, welche spätestens mit der Veröffentlichung von „Der Exorzist“, „Der weiße Hai“ und „Krieg der Sterne“ eingeläutet wurde und der Etablierung des Terminus „Blockbuster“ gilt Hollywood vor allem als Marketing-Maschinerie und Kommerzfabrik. Ironischerweise schaufelten sich George Lucas und Kollegen ihr eigenes, künstlerisches Grab. Vorbei war es mit Geschichten, die dicht am Leben sind, mit Regisseuren, die ihr Drehbuch selbst schrieben, mit filmischen Mitteln, die direkt der Nouvelle Vague entstammten. Das Geld übernahm die Kontrolle und hält sie eigentlich bis heute: die zahlreichen großspurigen Comic-Verfilmungen der jüngsten Zeit bestätigen das, so gelungen sie teilweise auch sein mögen. Und soll ein Film dann doch etwas Anspruch bieten, holt man sich Regisseure vom Theater: Sam Mendes („American Beauty“), Rob Marshall („Chicago“), Stephen Daldry („The Hours“). Der zentrale Konflikt ist nun, dass Darsteller, die im stereotypischen Hollywoodkino groß geworden sind, im Autorenfilm selten überzeugend wirken. Zu glatt ist häufig ihr Charisma, zu groß der Ballast ihrer Filmographie, zu mager auch bisweilen ihr darstellerisches Talent. Wie also soll nun der Film zu einem bekannten Theaterstück überzeugen, wenn man beim Anblick von Julia Roberts doch immer nur die lächelnden Prinzessinnen von „Pretty Woman“ bis „Mona Lisa“ vor Augen hat? Zumal Roberts nun wirklich nicht die Darstellerin mit den größten chamäleonesken Fähigkeiten ist.

Aber Regisseur Mike Nichols hätte keine Filme wie „Die Reifeprüfung“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Die Kunst zu lieben“ drehen können, wenn er nicht auch ein alter Hase vom Broadway wäre, jenem Theatermekka, an dem er auch schon die Vorlage zu „Hautnah“ inszenierte. Dort spielte schon Clive Owen in Patrick Marbers Schauspiel mit – in der Rolle des Dan, die in der Filmversion der Brite Jude Law übernimmt. Auch Owen kann trotz seiner denkwürdigen Rolle in „Der Croupier“ nicht gerade als Mimiktalent gelten: in den BMW-Filmen, in „Gosford Park“, in „Die Bourne Identität“ und zuletzt in „King Arthur“ blieb er reichlich ausdruckslos und blass. Nichols aber ist ein exzellenter Schauspiel-Regisseur und seine größte Leistung in „Hautnah“ ist wohl das harmonische Zusammenfügen von Darstellern mit so unterschiedlichem Charisma wie das von Roberts, Owen, Law und der ewig juvenilen Natalie Portman.

Nichols beweist dabei erneut sein Faible fürs Zänkische und Brodelnde: im Dialoggewitter von Patrick Marber herrscht Rücksichtslosigkeit und gnadenlose Explizität, kulminierend in einem Wortgefecht zwischen Anna und Larry, in dem letztlich auch der Geschmack von Dans Sperma zur Sprache kommt. Bis zum Sadismus reicht die Palette an Hintertriebenheit und Lüge, die hier am laufenden Band aufgetischt wird, niemand scheint ungeschoren davon zu kommen. Auch das vermeintliche Happy-End für Anna und Larry ist nur ein scheinbares wie die letzte Einstellung im Schlafzimmer nahelegt: Anna dreht sich mit dem Rücken zu Larry als sie sich zur Ruhe legt.

Marber und Nichols aber wollen mehr zeigen als die „typischen“ Irrungen und Wirrungen des Liebeslebens: die Photographin, der Arzt, die Stripperin, der gescheiterte Schriftsteller, „Hautnah“ erzählt von Stereotypen, die vollkommen außerhalb gängiger Alltagsrealität zu existieren scheinen und Projektionsfläche sind für die Oberflächlichkeit und den zerstörerischen Egoismus der Welt. Die elliptische Erzählweise (die konsequent den jeweils harmonischen Zeitraum der Beziehungen ausblendet) legt dabei nahe, dass Glück und bitterer Schmerz nahe beieinander liegen, in Wahrheit verurteilen Marber und Nichols aber jede der möglichen Beziehungskonstellationen von vornherein: Dialoge und Mimik der Darsteller lassen jeweils erahnen, dass das neu gewonnene Glück nicht von Dauer sein kann, da es nur auf sexuellem Verlangen und „emotionalem Egoismus“ aufbaut. Keiner der Charaktere scheint zu irgendeinem Zeitpunkt bereit, Kompromisse einzugehen, einmal selbstlos zu sein, der Erotik einer anderen Person einmal nicht nachzugeben. Jeder der vier betreibt fortlaufend persönliche „Glückmaximierung“: heute möchte ich gerne mit dem zusammen sein, morgen fühle ich mich bei dem wohler, je nach aktuellem Verlangen.

Diese Egozentrik, die der Film fortlaufend kritisiert, findet ihre Entsprechung in der unablässigen Theoretisierung des Drehbuchs: die Figuren, vor allem die engelgleiche und kindlich-unschuldige Stripperin, könnten allesamt einschlägigen Lifestyle-Magazinen entstammen, iPods tragen und in der Cosmopolitan über ihre Beziehungsprobleme heulen, niemand würde sich wundern. Passend dazu wird im Film viel über Sex gesprochen, aber nie praktiziert, ja noch nicht mal nackte Haut gezeigt – ein Umstand, den man leicht als amerikanische Doppelmoral deuten könnte, der aber nur ein weiteres Indiz für die schillernden Oberflächen der Charaktere ist und ebenso wunderbar zur scheinbar banalen Charakterisierung der Figuren passt: Anna und ihr Fotoapparat, der Doktor und sein Kittel, die Stripperin und ihre wechselnden Perücken, der Schriftsteller und seine zerbrechliche Brille. Nichols wählt auch hier etablierte Schemata, um die Unsicherheit und Fadenscheinigkeit der Figuren zu kommunizieren.

Vor diesem Hintergrund löst sich dann auch die eingangs angesprochene Problematik um Stereotypie und filmographischen Ballast, gerade was Julia Roberts betrifft. Ihre Figur ist mit Abstand die zielloseste und leichtfertigste, wirkt immer so, als wisse sie nicht, wie ihr geschieht. Ursprünglich sollte sie von der fraglos begabteren Cate Blanchett übernommen werden, aber wem nimmt man das unselbstständige Prinzesschen besser ab als Julia Roberts? Auch die Rolle des Larry ist bei Clive Owen vermutlich am besten aufgehoben, mit solchem Genuss mimt er den „beschissenen Höhlenmenschen“, der immer direkt und gerne mal vulgär ist. In seiner Figur zeigt sich nicht zuletzt auch der Humor, den Marber bei aller Ernsthaftigkeit mit den Problemen der Figuren assoziiert.

Und doch hätte „Hautnah“ intelligenter ausfallen können, vermittelt er im Kern doch letzten Endes nur die alte Mär vom fatalen Egoismus. Spannend hätte er da werden können, wo er die beinahe krankhafte Sucht der Protagonisten um ihr persönliches Glück auf ihre Unausweichlichkeit hätte untersuchen können: inwiefern ist die Egozentrik der Figuren selbstverschuldet oder gesellschaftlich provoziert? Inwieweit ist Kompromissbereitschaft überhaupt möglich, wenn man „glücklich“ sein möchte? Ist nicht letzten Endes die Grenze zwischen Selbstlosigkeit und Egoismus so fein, dass das eine ohne das andere kaum zu haben ist? Nichols und Marber belassen es hier nur bei einem effektiven und durchaus fesselnden Kammerspiel.

Eine Komponente des Films gibt es aber dann doch, die über rein-professionelle Unterhaltung hinausgeht: das Spiel um die Identität Alices spielt auf der Metaebene intelligent mit der Rezeption des Zuschauers, der sich am Ende wie Dan nicht mehr so sicher sein kann, ob diese tatsächlich existiert hat oder nur Ausgeburt männlicher Fantasie ist: eine mädchenhafte, aber doch herzensgute und moralisch reine Stripperin, ist das nicht reichlich konstruiert? Und kommentiert nicht Damien Rices Song am Ende wie einst Simon & Garfunkel in Nichols „Die Reifeprüfung“?
I can't take my mind off you, I can't take my mind..., My mind...my mind..., 'Til I find somebody new

Effektive, vielleicht arg theoretisierte Theaterumsetzung mit guten Darstellern


Thomas Schlömer