2046

China, 127min
R:Wong Kar-Wai
B:Wong Kar-Wai
D:Tony Leung Chiu Wai,
Li Gong,
Takuya Kimura,
Faye Wong,
Ziyi Zhang
L:IMDb
Inhalt
Hongkong 1966: Der Schriftsteller Chow schreibt in seinem Hotelzimmer an einem Science-Fiction-Roman. Je weiter er seine fiktive, in der Zukunft spielende Liebesgeschichte vorantreibt, desto tiefer taucht er auch in einen Strudel von Erinnerungen an eigene Liebesaffären ein. Vor seinem inneren Auge treten die drei Frauen noch einmal auf, die für ihn wichtig waren. Jede hat ihre unauslöschliche Spur in seiner Seele hinterlassen, doch vor allem die Gedanken an seine einzige wirkliche, unerfüllt gebliebene Liebe verfolgen ihn. In seinem Kopf entsteht ein geheimnisvoller, faszinierend schillernder Bilderreigen, ein Sog aus schönen und traurigen Gefühlen, geheimen Sehnsüchten und wilden Leidenschaften. Und bald wird klar, dass Phantasie und sehnsuchtsvolle Erinnerungen untrennbar miteinander verbunden sind.
Kurzkommentar
"2046" setzt dort an, wo "In the Mood for Love" aufgehört hat - leider. Als Fortsetzung nimmt er dem Vorgänger einiges von seinem Reiz und seiner Einmaligkeit. Schon eher überzeugt er als eigenständiger Film mit der gewohnten formalen Gekonntheit eines Wong Kar-Wais, obwohl das patchworkhafte unangenehm auffällt.
Kritik
Man denke sich folgende Entstehungsgeschichte: Ein Regisseur, der für emotional aufwändige Film steht und dabei einen ganz gewissen Stil pflegt, möchte etwas Neues probieren: Keine Liebesstory, sondern eine Gechichte über einen Auftragskiller. Statt dem üblichen 60er-Jahre-Setting soll der Film in der Zukunft spielen. Statt dem Stamm-Hauptdarsteller, der bereits in fünf Filmen zuvor die Hauptrolle hatte, soll der japanische Star Takuya Kimura diesmal übernehmen. Formal soll der Film durch reichlich CGI eine neue Seite bekommen.

Aus dem Auftragskiller wird ein Postbote. Aus dem Japaner wird Tony Leung, seines Zeichens nicht Japaner und eben jener besagte Stammmime. Als Titel war bereits 2046 gewählt, weil das erstens in der Zukunft liegt und zweitens das letzte Jahr ist, für das die Volksrepublik China gewährt hat, in Hongkong keine großen Veränderungen vorzunehmen. Der Titel bleibt, aber weil der Regisseur zu der Überzeugung kommt, noch keine Aussagen über den Status Hongkongs treffen zu wollen, fällt das Gesellschaftsthema unter den Tisch.

Aus dem Postboten wird ein Schriftsteller. Die Sache mit den CGI erweist sich auch als schwer zu realisieren, weil sie erstens dem spontanen Regiestil des Regisseurs nicht entgegenkommen und zweitens zuviel kosten. Entfallen also auch, größtenteils zumindest. Es war auch mal von Androiden die Rede, aber die wollen ebenfalls nicht mehr so recht passen, nachdem die Story in die gewohnten 60er Jahre zurückverlegt wurde.

Dafür würden sich ein paar Frauen nicht schlecht machen; also wird zum einen die Hauptfigur aus dem "Vorgänger" recycelt, zum anderen kommen ein paar neue hinzu. Der Synergieeffekte wegen handelte sich dabei natürlich ebenfalls um alte Bekannte aus früheren Filmen.

Summa summarum bleiben ein Schriftsteller im Hongkong der späten 1960er, ehemalige und neue Frauen, ein bisschen Zukunft, ein bisschen CGI, und sogar die Androiden tauchen auf. Weil das alles irgendwie recht schlecht in einen Film passt, wird die Zukunft kurzerhand in ein Buch innerhalb des Filmes verlagert, denn die schriftstellerische Kunst rechtfertigt jede noch so abstruse Idee.
Klingt verworren, unwahrscheinlich, unglaubwürdig, ist aber so in etwa die Geschichte von "2046", dem aktuellen Film von Wong Kar-wai. Wer seine Filme kennt, würde allerdings auch nicht unbedingt erwarten, eine einfache, offensichtliche, durchschaubare Handlung präsentiert zu bekommen, obwohl die meisten Filme geradezu monothematisch sind. Auch dieses Mal beherrschen Frauen den Film, und zwar leider in der Mehrzahl. Aufgrund der überdeutlichen Bezüge muss "2046" als direkte Fortsetzung von "In the Mood for Love" verstanden werden, und leider überkommt den Zuschauer nicht selten dass Gefühl, der Regisseur habe den Vorgänger "toppen" wollen. Das gibt insofern wenig Sinn, als die Filme nicht streng nacheinander entstanden sind, sondern teilweise parallel, aber trotzdem gibt es mehr Frauen, viel Sex, mehr erfolglose Beziehungen. Gerade das Zurückhaltende, Zarte, das eher weniger zuließ, machte den Reiz von "In the Mood for Love" aus. "2046" wirkt dagegen stellenweise grell, überdreht, zu laut.
Vielleicht tut man dem Film mit einem ewigen Vergleich aber auch unrecht, zumal Wong in einen Interview "In the Mood for Love" als Episode innerhalb "2046" bezeichnete (was recht schade wäre).

Doch auch bei der Betrachtung als eigenständiges Werk fällt auf, dass hier so manches zusammenkommt, was nicht recht zusammengehört - etwa der Titel, der kurzerhand zu einer Hotelzimmernummer herabbanalisiert wird. Und auch wenn die kleine Entstehungsgeschichte vielleicht überspitzt sein mag, so scheint der Film letztlich doch ein wenig unausgegoren, worauf auch das Bekenntnis Wongs hinweisen mag, ursprünglich habe der Film zur Hälfte in der Zukunft spielen sollen, was jedoch nicht finanzierbar gewesen sei.

Die zahlreichen Frauenfiguren sind zwar recht trefflich charakterisiert, aber dennoch in ihrer Überzahl verwirrend; ungeschulten westlichen Augen mag es gar schwer fallen, vier Frauen in mindestens drei Zeitzonen überhaupt auseinanderzuhalten. Entsprechend mäßig überzeugend gestaltet sich auch die Rahmenhandlung.

Seine gewohnte Stärke, den markanten Formalismus, der sich in einer ausgefeilten Bildsprache, minutiösier Inszenierung, präziser Stimmungsdarstellung und beeindruckender Akustik manifestiert, spielt Wong dagegen gekonnt aus. Die einzelnen Aufnahmen sind einmal mehr wie Gemälde komponiert, von eindringlicher Musik hinterlegt. Die Schauspieler üben trotz ihrer Zurückhaltung eine starke Präsenz aus.

Interessant ist auch die Weiterführung des Thema der unerfüllten Liebe. Fast schon im idealtypischen Sinne gesellen sich zum Typus "Beide wollen, können aber nicht" die übrigen Varianten "Sie will, aber er nicht", sowie "Er will, aber Sie nicht". Diese kleine Formenlehre ist, trotz aller Wirrungen, präzise herausgearbeitet, und lässt uns mit der Erkenntnis zurück, dass wir von der idealen Liebe, so wir sie einmal genossen habe, nicht mehr abkommen, so sehr wir es auch versuchen - jeder Versuch bleibt erfolglos, die Erinnerung bleibt dominant.

Das Motiv der Erinnerung beherrscht als Ergebnis der Vergangenheit gewordenen Subjektivität den Film. Sofern dies für Chow, den Schriftsteller, zutrifft, und auch für Chow, die Hauptfigur aus "In the Mood for Love", so stellt "2046" eine Art Entzauberung der idealen Liebe dar, denn die Erinnerungen sind wenig schmeichelhaft. Andererseits ist ein weiteres Motiv stets präsent: Die Bewegung, die meist zur Flucht wird. An einen anderen Ort, in eine andere Zeit, in eine andere Erinnerung, in eine andere Subjektivität - vielleicht rührt daher die Vielgestalt des Charakters von Chow, und vielleicht ist es die Flucht vor der Unerreichbarkeit des Ideals.

Dennoch: "Konzentration auf das Wesentliche" hätte Wongs Parole sein sollen. Zuoft wirken die verschiedenen Szenen unharmonisch, ein Zustand, dem man bei Wong sonst nie begegnet. So lässt der Film sowohl Kenner als auch Nichtkenner anderer Filme des Regisseurs unbefriedigt zurück.

Halbfuturistische Fortsetzung in Bruchstücken


Wolfgang Huang