Fandango

Deutschland 2000, 103min
R:Matthias Glasner
B:Jens Bielefeldt
D:Moritz Bleibtreu,
Corinna Harfouch,
Nicolette Krebitz,
Richy Müller
„Wir leben in einer digitalen Welt, alles ist Dualismus pur”
Inhalt
Welcome to Clubland, dem Zuhause der durchgeknallten Shirley Maus (Nicolette Krebitz), die von einer Karriere als Model träumt. Ihr Freund Lupo (Richy Müller) ist Chef des besten Clubs der Stadt. Er hat sein Leben und seine Umwelt im Griff. Nur Shirley kann ihn richtig aus der Fassung bringen. Sunny Sunshine (Moritz Bleibtreu), noch vor kurzem angesagtester DJ, hat sich aus diesem synthetischen Night-Club-Wahnsinn ausgeklinkt. Er hat eigentlich genug von all dem, als ihm die völlig aufgelöste Shirley in die Arme läuft. Er ahnt noch nichts vom Duke (Corinna Harfouch), bei dem Shirley und Lupo noch eine offene Rechnung zu begleichen haben, und er weiß vor allem noch nicht, wie nah er schon dran ist am
Kurzkommentar
Statt eines glaubwürdigen Zugangs zur Clublandschaft der Gegenwart liefert Matthias Glasner eine bizarre Stilvermengung von ästhetischer Form, aufgesetztem Existentialismus und abgenutzter Gangstergeschichte, durchsetzt von nervigen Dialogen. Wo allenfalls der unkonventionelle Stil für Momente Interesse erregt, ist "Fandango" noch oberflächlicher als die als sinnentleert vorgestellte "Fun"-Generation.
Kritik
Sobald im deutschen Film versucht wird, stilvoll unrealistische Bildentwürfe als "Eye-Candy" einzusetzen, scheint gesetzmäßig eine Sinnentleerung der Form beobachtbar. Bestes Beispiel dafür war im vergangenen Jahr Rainer Kaufmanns bedeutungsloser Noir-Krimi "Long Hello & Short Goodbye", der trotz berauschend stimmiger Momente nichts zu sagen hatte. Aber immerhin konnte das Gespür für die szenische Wirkung von Musik und kunstvolle Kameraarbeit über die inhaltlichen Defizite streckenweise hinwegtäuschen. "Fandango", laut dem Regisseur Matthias Glasner so gut wie alles oder nichts bezeichnend, realiter aber der Ausdruck eines brasilianischen Balztanzes, geht schon hinsichtlich der Form in Kaufmanns Richtung.

Wo "Long Hello" durch einen konsistent atmosphärischen Retrolook bestach, bleibt Glasner, will sein Drama - oder was immer es sein mag - doch Ausdruck des Techno-Zeitgeist sein, nur die überzeichnete Stilsynthese. Dabei hätte sein Film bei einem Zugang eben hinter die bloß wummernd schillernde Oberfläche durchaus nicht zur Leerformeln werden müssen. Als prägende Massenbewegung des letzten Jahrzehnts war ein Film über die Kultur elektronischer Musik sicher interessant, aber zum einen verfolgt "Fandango" nicht das Interesse, Faszination oder Abschreckung des Musikphänomens einzufangen, zum anderen ist der Plot um verkrachte Koks- und Freakexistenzen so beliebig wie nur möglich. Glasner konstruiert reine Bildstaffage, zugegebenermaßen geschmacklos reizvoll, weil leicht ins Surreale versetzt. Moritz Bleibtreu, im Grunde ein guter Darsteller, degradiert sich nach "Im Juli" in einer existenzverkrachten, stummen Vogelscheuchenrolle, die sich dem nicht vorhandenen Niveau des Gesamteindrucks kommentarlos fügt. Zudem darf Nicolette Krebitz die leidvolle Erfahrung von "Long Hello" erneut und damit von einer Rolle mit reiner Schmuckfunktion kosten.

Da Glasner recht unverhohlen eh nur Oberflächenspielerei betreibt und versäumt, reflektiert und nicht nur abgusshaft zu kommentieren, ist es ein Rätsel, wieso er der Musik keine gestaltende Bedeutung zubilligt. Statt Stimmungen durch aussagebefreite, aber wirkungsvolle Klänge zu erreichen, spiegelt die vernachlässigte, wirr eingeschachtelte Musik nur die fragmentartige Geschichte. Aus dem "Off" kommentieren die Rollen "aphoristisch" ihr Befinden, kommen dabei aber nicht über Gemeinplätze hinaus. Das einzig Interessante bleibt der ungefüllte Titel des Films, spekulieren die typisierten Figuren doch selbst auf Sinnigste, was "Fandango" denn überhaupt sei - Das Höchste und Tiefste eben. Ähnlich entschlusslos verläuft Glasners Film zwischen den Genres, planlos, ohne sich in seiner manchmal ästhetischen Verworrenheit auch nur ansatzweise zu rechtfertigen. Der sinnfällige Kommentar auf eine vorgeblich sinnbefreite Generation bleibt aus.

Verzichtbares Freakkabinett in stilisierter Umgebung


Flemming Schock