Leben und Lieben in L.A.
(Playing by Heart)

USA, 120min
R:Willard Carroll
B:Willard Carroll
D:Gillian Anderson,
Sean Connery,
Angelina Jolie,
Dennis Quaid
„Alles Reden über die Liebe ist wie Tanzen über Architektur”
Inhalt
In L.A. lernen wir das Schicksal von elf unterschiedlichen Charakteren kennen. Da ist z.B. die Theaterregisseurin Meredith (Gillian Anderson), die neurotisch jeden Annäherungsversuch von Trent (Jon Stewart) ausschlägt oder die junge Joan (Angelina Jolie), die trotz ihrer Bonmots den stillen Keenan (Ryan Philippe) nicht für sich gewinnen kann. Auch sind da Hannah (Gene Rowlands) und Paul (Sean Connery), seit 40 Jahren verheiratet, aber kurz vor dem Zerwürfnis stehend. Alle versuchen, das älteste, komplizierteste und doch lebenswichtigste Gefühl individuell zu ergründen: die Liebe.
Kurzkommentar
Willard Carroll schafft es dank auserlesener Darsteller und einer leichtgängigen Episodenstruktur "Leben und Lieben in L.A." zu einer nachdenklichen, aber nicht schwerfälligen Verhandlung über die Natur der Liebe zu machen. Allein das arg konstruierte Ende schwächt den Eindruck dieses optimistisch-märchenhaften "Magnolias".
Kritik
Die Blütezeit der "Magnolia" ist kaum vorüber, da startet ein weiterer Episodenfilm fast vergleichbarer Strickart. Die Ähnlichkeiten zu Paul T. Andersons ästhetisierendem Seelendrama, das auf der diesjährigen Berlinale als Sieger hervorging, drängen einen direkten Vergleich geradezu auf. Dieser würde "Leben und Lieben in L.A.", im Original "Playing by Heart", als optimistischere, aber vordergründige Kopie abtun, doch lief Willard Carrolls episodische Abhandlung über Liebe, Leid und Tod auch auf der Berlinale, aber eben bereits im letzten Jahr.
Es scheint demnach, als ob "Leben und Lieben in L.A." ursprünglich gar nicht für einen größeren Kinostart gedacht war und man sich erst nach dem Erfolg von "Magnolia" umentschied - unverständlich, konnte der eher unbekannte Regisseur Carroll doch erstklassige Darsteller um sich versammeln und eine, sagen wir, lächelnde, verkürzte Magnolie mit weniger "Tiefenstruktur" inszenieren. "Leben und Lieben in L.A." fängt - der nicht ungeschickt gewählte deutsche Titel deutet es an - mit dem Mysterium Liebe das zentrale Moment des Lebens in verschiedenen Schicksalen ein. Und ergänzend muss es dann konsequenterweise auch um den Tod gehen, damit es wie in der großen Literatur ist, die sich zwischen Pfeilern der menschlichen Leidenschaft, menschlicher Unvollkommenheit und dem erzählten Tod hin und her bewegt.

Gerade in "Magnolia" wurde deutlich, dass neben dem Buch nun auch der Film nicht unbedingt Welterklärungsmodelle, aber doch wenigstens einen tiefsinnig analytischen Ansatz zum Seelenverständnis zu bieten bereit ist. Das kann dann schnell, wenn es so "realistisch" wie möglich und bloß nicht illusorisch wirken will, deprimierend schwermütig und schwerfällig enden. Ist damit im Kino nun alles ausgeträumt, marternd authentisch und eben nicht mehr, so wie man es doch eigentlich ersehnt, zu schön, um wahr zu sein? Mitnichten, denn ungeachtet allen Liebesleids geht "Leben und Lieben in L.A." bestimmt nicht in Weltschmerzmelancholie unter. Willard Carrolls Film wahrt vielmehr unterhaltsame, romantische und sogar komische Züge. Natürlich, schon die Episodenform bedingt simplifizierende und oberflächliche Fixierung der einzelnen Protagonisten, diese ist jedoch gekonnt und aufs Wesentliche reduziert. Anders als P.T. Anderson in "Magnolia" geht Carroll erst gar nicht das Risiko ein, in die Tiefe und auf den Grund der Sehnsüchte der Handelnden abzutauchen, sondern genügt sich mit oberflächlicher Betrachtung.

Dass sich das nicht unbedingt ins Nachteilige auswirken muss, demonstriert die angenehm kurze Laufzeit im Vergleich zu "Magnolia", der sich wie so viele andere Filme dem Irrglauben anschloss, dass Länge Qualität bedingt. Der Vorteil von Carrolls wortgewandtem Fresko liegt also in seiner noch bemerkenswerten Leichtfüßigkeit, die den Optimismus und den Glauben an mythisierte Liebe letztlich zum Sieg führt. Was P.T. Anderson mit "Magnolia" jedoch voraus hat, liegt in der Form. Viel perfekter als bei Carroll harmonisiert bei Anderson die Ton- mit der Bildgestaltung und fügt sich zu einer brillianten Gesamtfassung, die dem ungeordneten menschlichen Leid eine wohlgeformte Theatralikhülle verpasst. Zwar arbeitet Carroll auch versiert und intenstiv mit Farben und vor allem Dunkelheit, erreicht aber trotz der bruchlos ineinandergefügten Erzählfragmente nicht die Montageleistung von "Magnolia". Die Profile mit ihren Hoffnungen, Neurosen und unausgesprochenen Ängsten der Einzelnen sind auch hier durchaus unterschiedlich genug und unterhalten gleichgewichtet.

Und auch wenn keine psychoanalytische Erleuchtung oder sonstwas Neues gewonnen wird, trägt sich "Leben und Lieben in L.A." mühelos durch seine erlesene Darstellerriege, die natürlich das ganze Altersspektrum mit zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten ringen lässt. Die wieder exaltiert plappernde, aber wunderbare Angelina Jolie und Ryan Philippe symbolisieren die Chance für die junge Liebe, Madelaine Stowe, Dennis Quaid, Gillian Anderson und Ron Stewart die desillusionierte Midlife-Crisis, derweil Sean Connery und Gena Rowlands im problematischen Herbst der Liebe stehen. Wenn auch aufgrund des Drehbuchs Abstriche in der Charakterplastizität aller Rollen gemacht werden müssen, so füllt doch jeder seinen Part mit Bravour und sichtlichem Genuss am Spiel. Allein das zwanghafte Zusammenführen aller Schicksalsfäden Ende, in dem jeder sein ersehntes Refugium findet, wirkt äußerst unglaubwürdig aufgesetzt und Happy-End konform, aber, um zurückzugreifen: Carroll möchte den Traum von der perfekten Liebe nicht zerredet, sondern eben träumerisch gewahrt wissen. Zu schön, um wahr zu sein. En Gros ist damit festzuhalten, dass "Leben und Lieben in L.A." als glaubwürdig beobachtendes Seelenkino ebensogut funktioniert wie als eloquentes Märchen. Nur Läuterung sollte man keine erwarten.

Zuversichtliches Liebesleiden mit hochkarätigem Ensemble


Flemming Schock