Reise des jungen Che, Die - The Motorcycle Diaries
(Motorcycle Diaries, The)

Argentinien, 128min
R:Walter Salles
B:Ché Guevara, Alberto Granado, Jose Rivera
D:Gael García Bernal,
Rodrigo De la Serna,
Mía Maestro,
Mercedes Morán,
Jorge Chiarella
L:IMDb
„What do we leave behind when we cross a frontier?”
Inhalt
Im Jahr 1952, noch als Studenten, unternehmen Che Guevara (Gael Garcia Bernal) und Alberto Granado (Rodrigo De La Serna) eine neunmonatige Reise durch halb Lateinamerika: Zuerst auf einem alten Norton-500 Motorrad, dann, als dieses seinen Geist aufgibt, zu Fuß, per Amazonas-Dampfer und auf den Ladeflächen unzähliger klappriger Lastwagen. Aus den unbesorgten Jünglingen, die sorglos in den Tag hineinleben und mit fantasievollen Abenteuergeschichten die lokalen Dorfschönheiten bezirzen, werden im Laufe der Reise nachdenkliche Männer, die am eigenen Leib die wahren Tragödien Lateinamerikas erfahren. Eine endlose Geschichte von Armut und Reichtum, Stolz und Tradition, Temperament und Lebensfreude, Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Kurzkommentar
Auch beim Berlinale-Gewinner Walter Salles (“Central Station”) schreibt das wirkliche Leben angeblich die besten Geschichten. Das Problem: Erinnerungen sind immer perspektivisch und Politik nicht abwesend, nur, weil nicht über sie gesprochen wird. Salles’ “Motorcycle Diaries” bietet trotz erklärter Distanz eine naïve und romantisierende Verklärung der reifenden Revolutionsikone Che Guevara. Das ist verführerisch wie schade, denn als feinfühliges Roadmovie samt poetischer Qualitäten gehört “The Motorcycle Diaries” zu den besseren Filmen des Jahres.
Kritik
Eigentlich schien alles sicher. Im Mai galt der Brasilianer Walter Salles mit seinem Roadmovie “The Motorcycle Diaries” als klarer Favorit für die Goldene Palme in Cannes, als Publikumsliebling zumal, auch deswegen, weil ihm ein perfekt sentimentaler PR-Coup gelang: Salles flog den über achtzigjährigen Argentinier Alberto Granado ein, der einst in den 1950ern mit der zukünftigen Revoluzzerikone Che Guevara in Buenos Aires auf ein altersschwaches Motorrad stieg und seine Eindrücke des abenteuerlichen Trips quer durch Südamerika im Tagebuch festhielt – und Salles Film das Gerüst bot. Che Guevara ist trotz hartnäckiger Popikonizität und Millionen stilisierter T-Shirt-Konferfeis ziemlich tot, Granado bescherte dem Festival aber einen dieser bewegenden Auftritte, reichten sich doch fiktionale Nacherzählung, Film und “Echtheit” der schriftlichen Erinnerungen von Granado und Che Guevara (aus dessen Buch “Reisenotizen”) fasslich die Hand.

Aber Erinnerungen können wie begründe Hoffnungen trügen – also vergab die Jury in Cannes unter dem Vorsitz von Quentin Tarantino in politisch opportuner Manier die Palme doch lieber an Michael Moores “Fahrenheit 9/11”. Politik dominiert die Kunst. Das ist bei “Motorcycle Diaries” in zumindest selbsterklärter Weise nicht so, im Gegenteil: Er habe die nicht-fiktionalen Helden seines Streifens nicht verurteilen, ja vielmehr mit Unschuld betrachten wollen, so Salles in einem Interview. Aber jede Erzählung deutet. Und Che Guevara nicht pc oder irgendwie uncool zu finden, wäre schon angesichts des studentischen Zielpublikums schlicht wirtschaftlich ungeschickt. So oder so, ein politischer Kommentar in einem Film über “Che” – oder die Legende – ist unumgänglich. “Die Reise des jungen Che”, der deutsche Titel, streicht unfreiwillig das Dilemma von Walter Salles Film heraus: Es geht um den Prolog zum “reifen” Che, um den werdenden Revoluzzer. So geht es gar nicht anders, als genetisch zu filmen – es ist eben nicht irgendein Dreiundzwanzigjähriger, der auf der Straße und sonstwo auf den Trichter kommt, die Welt sei ungerecht.

Und genau deswegen lässt einen der Streifen jenseits seiner cineastischen Qualität nach einiger Zeit doch ziemlich schlucken: Laut “Motorcycle Diaries” liegt der spätere Revolutionsführer in der logischen Konsequenz der Jugend. Natürlich. Bei Salles bedeutet das aber allein die Schilderung einer humanitär-sentimentalen Selbstentdeckung, die Konstruktion einer empfindsamen Figur, die in Busch und Einöde mit krasser sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert wird und die bittergerechte Revolution melancholisch vordenkt. Nur zu ahnen ist dieses Weltverbesserungspathos nicht. Es ist überdeutlich, trotzdem oder gerade weil – wie subtil - in “Motorcycle Diaries” fast gar kein politischer Satz fällt und überhaupt wenig gesprochen wird. Der junge “Che” Salles ist in sich gekehrt, ein wenig zerbrechlich, schwermütig scharf beobachtend, voller Güte, fast messianisch. “Motorcycle Diaries” entwickelt sich zur großen Ahnung kommunistischer Romantik. Sie liegt in jedem der teils atemberaubenden Bilder, in jeder erhabenen Landschaft, jeder weiten Stimmung. Da hilft es wenig, wenn Salles’ Film nur Erinnerungen einfangen statt politische Thesen herausposaunen will.

Bliebe diese Legendenschönfärbung ohne Fußnote stehen, ging es noch. Spätestens die Endcredits lassen jedoch keinen Zweifel an Salles’ Standort im politischen Deutungsspektrum: Von ziemlich weit Links gesehen vermittelt “Motorcycle Diaries” die sentimentalisierende Vorgeschichte eines angeblich humanen Helden, gestorben allein für die gerechte Sache – und durch die Mithilfe der CIA. Kein Wort über repressive Elemente in Che Guevaras politischem Denken, nicht die Andeutung einer einzigen Schattenseite. Unschuldig nähert sich Salles seinem “Che” also sicher nicht, sehr selektiv vielmehr. Und das Gefährlich-Manipulative: er tut es verführerisch, weil “Motorcycle Diaries” als Film an sich wunderschön geworden, formal wie über weite Strecken auch inhaltlich. Walter Salles spielt seine bekannten Qualitäten aus und entwirft ruhiges, schwermütiges Arthouse-Kino, das sich Zeit nimmt. “The Motorcycle Diaries” lädt den Zuschauer in alter Roadmovie-Manier vor allem zu Bildern und Eindrücken, Gefühlen und vermeintlichen Erinnerungen ein. Menschen, Raum und Klima Südamerikas werden spürbar, wenn auch ziemlich stilisiert, nicht unwesentlich unterstützt von Gustavo Santaolallas exzellent meditativem Score.

Das regt zum Nachdenken an, über das Elend, den Menschen und sowas wie Revolution an sich, andererseits aber zum Träumen, weil es leicht ist, sich in der Elegie von Salles’ Bildern zu verlieren. Wie das Wahrgenommene zu Gedanken wird, ist unklar. Auch könnte man diese Stimmungslandschaften mit unbedingtem Drang zur “spirituellen Weite” auch als aufgesetzt bezeichnen, weil Salles über den ganzen Reisebildern und der allzu plausiblen Ziellosigkeit der verfilmten Tagebücher jedoch eines ziemlich vernachlässigt: die Chemie von Ernesto und Alberto. Die Figuren und gerade “Che” nicht bis ins Letzte aufzuschlüsseln, um dadurch ein striktes Figurenverständnis zu verhindern, mag ja hoch anzurechnen sein. Dass damit aber der Verzicht einer Figurenentwicklung, überdeutlich vor allem im Mangel an jedem weitergehenden (politischen) Dialog, einhergeht, sorgt für Abstriche und auch einige Langatmigkeit. Das Gespür für die Hauptfiguren hätte bessern sein können. Doch dann gelingt Salles ohne störenden Bruch etwas Erstaunliches: Von der Rastlosigkeit der Straßenetappen, dem Ergaunern von Nahrung und weiteren Genreklischees kommt sein Roadmovie in der gradlinigen Konstruktion des angehenden Revolutionärs im besten Sinne von der Straße ab.

Am Amazonas wird eine Leprastation wider Erwarten längere Station, in der erneut jede Menge Philantropie Raum findet. Hier berührt und macht zugleich skeptisch, wie Salles die Selbstbewusstwerdung nicht nur seines “Che” in erneut sehr ruhiger Weise als bewundernswertes Humanitätsdrama ausmalt. Ist man nicht bereit, bis zum Letzten der penetrant servierten Verklärungsmasche aufzusitzen, hinterlässt “Motorcycle Diaries” ein zwiespältiges Bild. Im Umgang mit seinen politischen Gegenstand ist der Streifen selbst als Kunstprodukt ziemlich verantwortungslos. Er ist hemmungslos eindimensional, weil er die verzerrte Ikone Che Guevara noch ein Stück höher hängt, dabei aber vorgibt, sich jedem Urteil zu enthalten. Andererseits ist Walter Salles ein sanfter, energiereicher und lyrischer Film geglückt, eine nostalgische und große Liebeserklärung an Südamerika.

Politisch sentimental-verfängliches, sonst großartiges Roadmovie


Flemming Schock