Oldboy

Südkorea, 120min
R:Park Chan-Wook
B:Jo-yun Hwang, Chun-hyeong Lim, Park Chan-Wook
D:Min-sik Choi,
Ji-tae Yu,
Hye-jeong Kang
L:IMDb
„Laugh and the world laughs with you. Weep and you weep alone.”
Inhalt
15 Jahre - so lange wird Oh Dae-Su, ein ganz durchschnittlicher Geschäftsmann und Familienmensch, in einem Ein-Zimmer Appartement ohne Fenster eingesperrt, nachdem er von unbekannten Gangstern überwältigt und entführt wurde. 15 Jahre ohne jeden menschlichen Kontakt und in völliger Unklarheit darüber, warum und wie lange er festgehalten wird. Aus den Fernsehnachrichten erfährt er vom Mord an seiner Ehefrau, den die Täter ihm in die Schuhe schieben. Als er ebenso unvermittelt, wie er seiner Freiheit beraubt wurde, wieder in diese entlassen wird, stellt im sein Entführer die Aufgabe, den Grund für die unaussprechliche Tortur herauszufinden. Doch er kennt nur ein Ziel: Er will Rache üben.
Kurzkommentar
Park Chan-wook ist ein kompetenter Filmemacher, das hat er bereits 2000 mit seinem Kinodebüt „Joint Security Area“ bewiesen. Über sein neuestes Rachedrama „Oldboy“ schweigt man sich hingegen besser aus. Fixiert auf schöne Bilder und viel „Style“ versäumt er es zunehmend, seinen Figuren etwas mehr Substanz abzugewinnen als bloße Rachegedanken, Bedürfnis nach Sex und ein sehr asiatisch wirkendes Verlangen nach Unterwürfigkeit und Ehrerhaltung. Dabei war die Ausgangslage gar nicht mal schlecht.
Kritik
Es verwundert doch stark, dass „Oldboy“ in nahezu allen bislang veröffentlichten (Internet-)Kritiken gelobt wird, noch dazu in überschwänglichem Maße: Filmstarts vergibt 10 von 10 Punkten, Filmbrain hält allein das Schlussbild für eines der unvergesslichsten der Filmgeschichte und Asia-Film Fanseiten überschlagen sich gleich ganz, nennen den Film den „besten des Jahres“, nicht nur im kontinentalen Vergleich. Hinzu kommt, dass „Oldboy“ den „Großen Preis der Jury“ beim diesjährigen Filmfestival in Cannes abgesahnt hat, quasi die zweithöchste Auszeichnung, die an der Croisette vergeben wird. Die französische Presse war indes gar nicht begeistert und auch auf das überkritische Slant Magazine ist mal wieder Verlass: „Oldboy“ sei ein „spektakulär sinnloser Film“, dazu ein „Paradebeispiel von Stil und Plot über Substanz“. Genau so ist es aber auch.

Das vermeintliche Hauptproblem des Films umreisst sich dabei folgendermaßen: über knapp 100 Minuten weiß man als Zuschauer nicht, warum Oh Dae-Su jemals eingesperrt war, was er wohl verbrochen haben mag, dass ihn sein Peiniger fünfzehn Jahre lang mit Isolationshaft quälte, dann plötzlich frei ließ, nur um weitere, sadistische Spielchen mit ihm zu treiben. Man weiß es nicht und das wird gerade als großer Reiz des Films propagiert, wird sogar zur plotimmanenten Frage: Oh Dae-Su bekommt fünf Tage, um das alles entscheidende Rätsel zu lösen, den alles erklärenden und hoffentlich Knoten lösenden Grund herauszufinden für fünfzehn Jahre größtmögliche psychische Folter. Natürlich kommt Oh Dae-Su, und damit der Zuschauer, der Lösung im Laufe des Films immer näher, lüftet laufend weitere Details, die ein wenig Licht ins Dunkel der Dramaturgielogik bringen. Gleichzeitig erhöht sich der Druck, der sich auf der Plotauflösung zwangsläufig bildet, und zwar solange bis man der Meinung ist: jetzt muss Park Chan-Wook schon eine verdammt clevere Lösung parat haben, um den ganzen psychischen Terror, die Hammer-Brutalitäten, die unfreiwilligen Zahnoperationen und den inzestuösen Sex zu rechtfertigen. Dann aber kommt sie endlich, die große Wende, und entpuppt sich als die befürchtet schwachbrüstige Mischung aus Rache, Verrat und, besonders enttäuschend, Esoterik.

Aber das ist nur der Anfang der dramaturgischen Probleme des Streifens, der sich insgesamt viel zu sehr um seinen komplexen Plot kümmert und viel zu wenig um seine Figuren. Dass sich die Auflösung letzten Endes als überaus trivial entpuppt (eine Parallele zum ohnehin großen Vorbild „The Game“) wäre „Oldboy“ problemlos zu verzeihen, wenn er nur eines von zwei Merkmalen hätte: entweder seine Story schlussendlich als großen, sadistischen Spaß zu verkaufen (wie es eben David Fincher vormachte, der damit eingestand, dass sein Thriller ein überaus artifizielles Konstrukt war) oder die kontextualisierende Ebene vollkommen auszublenden und dem Film etwas Abstraktes/Unwirkliches zu verleihen. Park Chan-Wook hingegen möchte die konstruierte Ausgangslage als real verkaufen und einen epischen Thriller erzählen – inkl. allem, was das oftmals pathetische, asiatische Kino aufzubieten hat: explizite Gewalt (Zähne mit dem Hammer ziehen), freizügiger Sex (blanke Hingabe in schmuddeligen Hotelzimmern), große Gesten der Reue (Zunge abschneiden), tiefe Melancholie (Rückblenden und anschließende Selbstmorde).

Sicher ist Chan-Wook dabei um wesentlich mehr Substanz bemüht als, sagen wir, ein vergleichbarer 08/15-Actionfilm aus den USA, das allein zeigt schon so manch philosophisch anmutender Dialog („Even though I'm no more than a monster - don't I, too, have the right to live?“), aber in (kinematographisch durchaus brillanten) Einstellungen wie dem im Profil eingefangenen, realistisch-brutalen Kampf im Korridor des Gefängnisses zeigt sich doch immer wieder: Chan-Wook ist vor allem auf fesche Bilder aus, weniger auf ein schnittiges Charakterdrama. Irritierend und der Ernsthaftigkeit des Sujet keineswegs zuträglich ist außerdem das leicht comicartige Overacting und der gewöhnungsbedürftige Humor, etwa wenn Oh Dae-Sus Amoklauf mit dem Hammer kurzzeitig eingefroren wird und eine Grafik das Anpeilen seines Gegners visualisiert. Oder wenn er in einer Szene urplötzlich aus seiner Lethargie erwacht und wie von der Tarantel gestochen auf Mi-do zuhechtet, um sie mal richtig ranzunehmen. Aber das ist eigentlich auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: die ohnehin unglaubwürdige Love-Story wird durch die große Schlusswende noch zunehmend banalisiert.

Wie wenig Chan-Wook das Potenzial seiner Figuren nutzt zeigt außerdem der eigentlich viel interessantere Charakter des „Bösewichts“: wie Oh Dae-Su projiziert Lee Woo-jin den entscheidenden Fehler, den er in seinem Leben gemacht hat und dessen Auswirkungen ihn bis heute verfolgen, auf seinen Gegenspieler, gesteht sich seine eigenen Fehler nicht ein. Wie hier eigene Defizite und deren mangelnde, selbstreflektive Kompensation als Ursache für die Entstehung von Gewalt herangeführt werden, wäre mehr als eine filmische Auseinandersetzung wert gewesen. Chan-wook ist aber zu sehr dem Genrekino verpflichtet und untergräbt damit beides: den stylischen Thriller und das gehaltvolle Drama. Dabei hatte er mit seinem Regiedebüt „Joint Security Area“ noch bewiesen, dass er beides unter einen Hut bringen kann.

Bemühtes Genrekino, leider zu selbstverliebt und konstruiert


Thomas Schlömer