Batman Begins

USA, 140min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Christopher Nolan
B:David S. Goyer, Bob Kane, Christopher Nolan
D:Christian Bale,
Liam Neeson,
Michael Caine,
Katie Holmes,
Cillian Murphy
L:IMDb
„A guy who dresses up like a bat clearly has issues”
Inhalt
Bruce Wayne (Christian Bale) wird vom Bild seiner Eltern verfolgt, die in den Straßen von Gotham vor seinen Augen niedergeschossen wurden – ein Erlebnis, das seinem Leben eine radikal neue Richtung gegeben hat. Schuldgefühle und ohnmächtige Wut quälen ihn, nähren seine Rachegefühle, aber auch den Wunsch, das gemeinnützige Engagement seiner Eltern fortzuführen. Bruce, Erbe eines großen Industriekonzerns, hat jede Illusion verloren. Er verschwindet aus Gotham und reist unerkannt durch die Welt, um herauszufinden, wie er Unrecht bekämpfen und jene, die von der Angst anderer leben, selbst das Fürchten lehren kann. Wie verbrecherische Hirne funktionieren, lernt Bruce von seinem Mentor, dem geheimnisvollen Ducard (Liam Neeson). Dieser bringt ihm bei, Körper und Geist zu beherrschen, um so seinen Schwur zu erfüllen und den Kampf gegen das Böse aufzunehmen. Bald darauf versucht die mächtige Schattenliga Bruce für sich zu gewinnen. Sie wird von dem undurchsichtigen Ra’s Al Ghul (Kem Watanabe) geführt und hat sich subversive Selbstjustiz auf die Fahnen geschrieben. Als Bruce nach Gotham zurückkehrt, leidet die Stadt unter hemmungsloser Korruption und unkontrollierbarer Kriminalität.
Kurzkommentar
Nicht immer vertragen sich der Regieidealismus’ Christopher Nolans mit den Schemata gängiger Comicverfilmungen in der neuesten Auflage der Batman-Serie, aber wie Nolan bodenständige Action, Charakterstudie und Comic-Eskapismus vereint hat Stil und eine wohltuende Reife. „Batman Begins“ ist vielleicht die ernsthafteste und dichteste Comic-Adaption seit Alex Proyas’ „The Crow“, vor allem, weil es Nolan gelingt, ein Dutzend Charaktere und allerlei bekannte Gesichter in den Dienst einer soliden Geschichte zu stellen.
Kritik
Zumindest für dieses Jahr wird es nun weitgehend eingestellt, das kunterbunte Treiben im amerikanischen Blockbuster-Kino: prägten in den letzten zwei bis drei Jahren rote Spider-Mans, grüne Hulks, Lichtschwerter in allen Farben des Regenbogens sowie eine ganze Palette X-Men das Bild der besonders erfolgreichen Filme an den amerikanischen Kinokassen (und genaugenommen waren ja auch die letzten beiden Teile des „Herrn der Ringe“ allzu bunt), so nahm die quietschfidele Kinderfreundlichkeit zuletzt spürbar ab: George Lucas lässt seinen Protagonisten in der dritten „Star Wars“-Episode ein paar der heranwachsenden Jedi-Kinder töten, Steven Spielberg wird den „Krieg der Welten“ bevorzugt apokalyptisch und mit biblischem Ernst angehen und der Brite Christopher Nolan interpretiert den einst mit purem Tim Burton-Humor ausgestatteten „Batman“ aufs Neue. Der war unter der Regie von Joel Schumacher noch 1997 im Kino zu sehen, da aber auf genau die Art und Weise, die einem momentan bis zum Erbrechen vorgesetzt wird: als mit dem Farbtopf übergossenes, konzeptloses Schablonenabenteuer, Beleg für den Ausverkauf jeglicher künstlerischer Inspiration.

Unter der Regie des Briten Christopher Nolan durfte man nun etwas mehr erwarten – oder auch befürchten, je nachdem wie man es nimmt: einerseits setzt Warner Bros. mit dem Engagement Nolans den erfreulichen Trend amerikanischer Studios fort, relativ individuellen Regisseuren einen üppig budgetierten Film anzuvertrauen, andererseits hat das bislang nicht jedem Film gut getan. Ang Lee etwa, der noch in „Der Eissturm“ oder auch seiner chinesischen „Vater“-Trilogie hinter die Fassade familiärer und gesellschaftlicher Vorhänge zu blicken suchte, hatte bei „Hulk“ doch sichtliche Probleme, seinen eher erdigen Stil mit der Ausdrucksweise eines gängigen CGI-Blockbusters zu vereinen. Und seitdem auch keinen Film mehr gemacht, aus welchem Grund, sei dahingestellt.

Aber auch sonst geht einem die Superheldenwelle mittlerweile ziemlich auf die Nerven, mögen viele Beiträge das oftmals erklärte Ziel, Actionunterhaltung „mit Seele“ liefern zu wollen, noch so gut erfüllen. „Spider-Man 2“ etwa funktioniert auf den ersten Blick wunderbar, nicht zuletzt, weil ihm Grundzüge der Figurenentwicklung und -dramaturgie mitnichten für die Katz’ sind. Und doch bleibt er nicht griffig genug, ist der Subtext zu zaghaft: Themen wie Pflicht und Verantwortung werden gestreift, aber nicht vertieft, ein Spannungsfeld wie Identität/Anonymität nur soweit ausgelotet wie es übliche Drehbuchschemata gerade so noch tolerieren. Sam Raimis Engagement, nicht nur eine filmische Achterbahnfahrt abliefern zu wollen und sich auch mit den unmittelbaren Fragen einer „Superkraft“ auseinanderzusetzen, ist ja durchaus spürbar, aber ist das bei einem Film dieser Art überhaupt erwünscht? Geht das nicht an 95% der weltweit über 100 Mio. Zuschauer eh vorbei? Findet der Großteil des erreichten Publikums diese „Charakterszenen“ nicht sowieso langweilig und sehnt sich nach der nächsten Keilerei?

Das Problem von „Spider-Man“, „Hulk“ und nun auch „Batman Begins“ ist also wohl nicht Inspirationslosigkeit, mangelndes Engagement oder künstlerische Beliebigkeit, aber doch vielleicht ihr Anspruch. Denn der ist kurioserweise zu hoch. Leicht sollen sie sein, die Filme, sie sind schließlich Actionunterhaltung. Abgründe sollen sie sichtbar machen, so ein Superheld zu sein ist schließlich auch eine Bürde. Und tragisch müssen sie sein, bitte schön tragisch, das sorgt für literarische Tiefe. Wenn diese Aufzählung jetzt furchtbar starr klingt, hat das seinen Grund: das Massenkino ist gar nicht mehr gewohnt, dass man auch mit Leichtigkeit von der Tragik erzählen kann, dass auch in der Süffisanz Abgründe sichtbar werden können und dass flotte Unterhaltung nicht im Widerspruch zu einer ausreichenden Tiefe stehen muss. Ernst Lubitsch, Billy Wilder und Alfred Hitchcock haben das ihrerzeit verstanden, Steven Spielberg, dem man ja sonst vieles vorwerfen mag, auch. Dessen letzter Film „Terminal“ mochte wie ein unbedeutender Zeitvertreib vor dem nächsten ernstzunehmenden Projekt gewirkt haben, in Wahrheit war es der Beweis, dass Spielberg die für einen vierten „Indiana Jones“ nötige Leichtigkeit noch nicht verlernt hat.

Auch „Batman Begins“ hat nun an dieser Ambivalenz zu knabbern, denn Nolans Ernsthaftigkeit, mit der er die Leiden des jungen Bruce Wayne seziert, verträgt sich nicht so recht mit dem nach wie vor vorhandenen Camp-Faktor. Dabei gibt sich Nolan alle Mühe, diesen zu verdecken, vor allem sein Realismusanspruch nimmt dabei irritierende Züge an: ob Ausbildung, technische Gimmicks oder das potente Batmobil, alles soll über technische Nachvollziehbarkeit die Glaubwürdigkeit der Welt transportieren. Dieser Ansatz funktioniert phasenweise großartig, weil der Film dadurch eine Erdung erhält, die ihn robust und kernig wirken lässt (Verfolgungsjagd mit dem Batmobil), andererseits sollte sich gerade Nolan, der mit „Following“ und „Memento“ zwei komplexe Studien zur Konstruktion filmischer Raumwelten inszenierte, darüber bewusst sein, dass filmische Glaubwürdigkeit nicht ausschließlich über einen hohen (technischen) Realismus zu erreichen ist. Warum also erklären, aus welchem Material der Brustpanzer ist oder auf welchen physikalisch-chemischen Gesetzen das Aufspannen des schwarzen Capes zum Fledermaus-Fallschirm basiert? Soll man tatsächlich denken „Stimmt, könnte so funktionieren“, zumal die Gesetze der Statik dann wieder doch nicht so ernst genommen werden?

Natürlich sucht Nolan in Wahrheit über diesen Umweg Zugang zur Verankerung seiner Geschichte in einer Realität, die unserer eben nicht so fern zu sein soll wie noch der Gothic-Surrealismus von Tim Burton oder der Plastikkulissencharme von Joel Schumacher. Vom Zeitpunkt an als das Logo des Films nur schemenhaft vor einem düsteren Sonnenuntergang zu erkennen ist und der Film uns unmittelbar in ein asiatisches Gefangenlager wirft, indem sich Bruce Wayne um sein Essen prügeln muss, wird klar, dass hier nicht die übliche Comic-Übersteigerung auf uns wartet, sondern eine Charakterstudie, die Erleben, Verarbeiten und Beherrschen der eigenen Furcht zu seinem Hauptsujet erklärt und den Protagonisten auf eine Reise schickt: sich selbst zu erkennen und seine Vergangenheit aufzuarbeiten.

In den ersten Szenen ist Nolan dann auch ganz in seinem Element, gräbt noch einmal die Eislandschaften aus „Insomnia“ aus und projiziert die Verlorenheit und Unbedingtheit, die bislang alle seine Protagonisten ausgezeichnet hat, auch auf Christian Bales Gesicht. In den wenigen Anfangsminuten atmet „Batman Begins“ auch dank der bläserlastigen und angenehm themenlosen Musik von Hans Zimmer und James Newton-Howard einen Hauch des Epischen, der ihm leider allzu schnell wieder verloren geht. Denn irgendwo ist „Batman Begins“ ja immer noch eine Comic-Umsetzung und die wollen den Helden möglichst schnell die Welt vom Abschaum befreien lassen, zudem scheren sie sich traditionell wenig um Realismus und ein gewisses Maß an Bescheidenheit. So funktioniert „Batman Begins“ in genau jenen Momenten am wenigsten, wenn Nolans Auteuranspruch und Bob Kanes Comicwelt aufeinander prallen und sich nicht so recht vertragen wollen: einerseits inszeniert Nolan seinen Film als ernstzunehmende Studie der Angst, andererseits brechen Binsenweisheiten durch wie sie vor allem gerne in Comicverfilmungen fallen: „Why do we fall? To pick ourselves up again.“, „It’s not what’s in you that matters. It’s what you do that defines you.“ Und gerade dadurch, dass Nolan mit Akribie versucht, Waynes’ Welt realistisch wirken zu lassen, muten manche Elemente befremdlich an: Ra’s Al Ghuls klischiertes Aussehen, Scarecrowes Kartoffelsack, „Weltzerstörungswaffen“ wie der Mikrowellenemitter. Zudem fragt man sich, was das ganze Gerede um einen bodenständigen, realistischen Superhelden, der aufgrund der Tatsache, dass seine Kraft nicht der Übernatürlichkeit entspringt, „Vorbild für uns alle“ sein kann, eigentlich soll. Es wird doch mehr als deutlich, dass niemand durch schiere Willenskraft zu einem ähnlichen Kämpfer gegen das Verbrechen werden kann ohne die zentrale Superkraft Bruce Waynes: das Geld, das ihm die Anschaffung des ganzen Hightech-Spielzeugs erlaubt. Aber das nur am Rande.

Nach dieser essenziellen Kritik an „Batman Begins“ und den jüngeren Comicverfilmungen im Allgemeinen, nun etwas Relativismus: „Batman Begins“ ist vielleicht der bislang beste Film, der aus einem Comic heraus entstanden ist. Auch wenn der Realismusanspruch wie gesagt etwas krude Züge annehmen kann, so sorgt Nolan mit seiner Vorgehensweise doch dankenswerterweise für eine wohltuende Entschlackung des Genres: Actionszenen mutieren nicht ins Absurde, die Unverletzbarkeit des Helden wird wieder in Frage gestellt, seine Fähigkeiten sind wieder bewundernswert, weil sie auf Einfallsreichtum und Durchhaltevermögen basieren. Zudem trotzt Nolans Film weitgehend der in letzter Zeit Überhand nehmenden Selbstironie größerer Comicproduktionen und präsentiert einen nicht ganz fehlerfreien Helden: Wayne ist ein von der eigenen Furcht Getriebener, jemand, dessen Leistung darin besteht, seine Angst zu bündeln und sie in eine Kraft umzumünzen, indem er sie sich eigen macht. Selten waren Mensch und Superheld eine Einheit wie in „Batman Begins“: Wayne fürchtet die Fledermäuse, Batman nutzt sie. Im Laufe des Films glaubt man tatsächlich, dass dieses Symbol der Verbrecherwelt einen Schauer über den Rücken jagt.

Geschickt auch, wie Nolan seine Hauptfigur greifbar macht, indem er eine Verklärung des Superheldenstatus umgeht. Der öffentliche Ruhm Batmans wird nahezu gänzlich ausgespart, gezeigt werden immer nur die Auswirkungen seines Handelns auf die Unterwelt, nicht auf die Normalbevölkerung. Stattdessen kontrastiert Nolan das Bild gängiger Ikonen, indem er Bruce Wayne ein hässliches Bild in der Öffentlichkeit spielen lässt: das des Dandys und verzogenen Millardärssohn, von Christian Bale genüsslich in der Tradition seiner Rolle aus „American Psycho“ gespielt, als er sich mit zwei „Europäerinnen“ in einem feinen Restaurant vergnügt. Glaubwürdig wird dadurch auch die melancholische Wende, die seine Beziehung zu Rachel am Ende erfahren wird: Bruce Wayne ist der Mann mit zwei Masken, der der Fledermaus und der des Playboys. Sein wahres Ich musste bislang immer zurückstehen und deshalb ist auch Christian Bale eine gute Wahl bei der Besetzung gewesen: seine eiserne Mimik zeugt unmittelbar von der Abschottung und Distanz seines Charakters.

Auch die restliche Besetzung ist präzise und nicht ohne Hintersinn, insbesondere Liam Neeson und Gary Oldman können überraschen. Erstaunlich bleibt, wie homogen sich der Cast in die Geschichte einfügt, protzt er doch geradezu mit bekannten Gesichtern. Die sympathischste Rolle hat wohl Michael Caine ergattert, der dem Butler Alfred die nötige Wärme und Glaubwürdigkeit verleiht, die sogleich die Güte und Tragik der ganzen Wayne-Familie spürbar macht. Allein diese Subebene ist Beweis für Nolans Talent als Regisseur. „Batman Begins“ vereint so Familiendrama und Actionabenteuer, Intimität und Eskapismus. Wenige Comicverfilmungen wirken trotz großer Actionszenen im Kern so bescheiden, wenigen gelingt der Spagat zwischen Bodenständigkeit und Larger-than-life so überzeugend. „Batman Begins“ ist Independent- und großspuriges Hollywood-Kino in einem und auch wenn die Vereinigung nicht immer funktioniert, so sollte man sie doch schätzen.

Souverän inszenierte, kernige Comic-Adaption mit präziser Besetzung.


Thomas Schlömer