Lebenszeichen
(Proof of Life)

USA, 135min
R:Taylor Hackford
B:Tony Gilroy
D:Russell Crowe,
Meg Ryan,
David Morse,
Pamela Reed
L:IMDb
„Überstanden”
Inhalt
Wenn man die Dienste des Verhandlungsspezialisten Terry Thorne (Russell Crowe) in Anspruch nehmen muss, ist die Sache wirklich brenzlig. Er ist der beste seines Fachs und absolut krisenerfahren. Thorne wird nach Südamerika beordert, nachdem dort Peter Bowman (David Morse), ein gefragter Staudamm-Ingenieur, von Rebellen entführt wurde. Thorne soll ihn retten. Doch so einfach liegt der Fall nicht. Eine unerwartete Dimension bekommen die Geschehnisse zudem, als Thorne sich mehr und mehr zu Peters Gattin Alice (Meg Ryan) hingezogen fühlt. Nachdem sich herausstellt, dass das Opfer nicht versichert ist, versucht sie Thorne dennoch zum Weitermachen zu überreden.
Kurzkommentar
Zu routiniert und gelangweilt legt Taylor Hackford ein Entführungsdrama vor, das trotz Russell Crowe auf der ganzen Linie aktzentlos bleibt und mit einer überforderten Meg Ryan streckenweise nervt. Statt das zähe Geschehen auf Verhandlungspsychologie hin zu konzipieren, opfert der plumpe und überlange Streifen seine Ausgangsmöglichkeiten einem hilflos schießwütigen Finale.
Kritik
Im großen Film halten Geiselnahmen eher selten als Sujet her, weil die Gratwanderung zwischen psychologischer Spannung und kriegerischem Befreiungsradau meist eher zugunsten des Letzteren ausfällt. Das mag dann mehr Thema billiger und zweifelhafter Actionstreifen aus der Videothek sein. Wie es anders geht, bewies F. Gary Gray vor zwei Jahren mit seiner unterschätzten "Verhandlungssache", einem packenden und intelligenten Psychothriller, in dem sich Samuel L. Jackson und Kevin Spacey brilliante Verbalduelle lieferten. Es blieb nicht nur bei der großartigen Idee, einen Verhandlungsexperten der Polizei, der alle Tricks der psychologischen Kriegsführung beherrscht, selbst in die Rolle des Geiselnehmers zu setzen, vielmehr kostete "Verhandlungssache" die Konzentration auf das geistige Ringen und die Annäherung der Handelnden beispielhaft aus. Die Actionszenen wirkten hier nicht wie billige Ausflucht vor fehlender Bewegung.
Nun ist die Idee zu "Lebenszeichen" eine unverbrauchte und die Ausgangsvoraussetzung ebenso vielversprechend, weil durch Hinzunahme der Frau des Entführten, mit einem abgebrühten Verhandlungsexperten konfrontiert, der Film eine zusätzlich interessante Seite gewinnen könnte. Aber schon die Eingangsszene von "Lebenszeichen", in der mehr Kugeln als Worte gewechselt werden, versetzt der Hoffnung auf feinsinnige Spannung einen Dämpfer. Dabei hätte Russell Crowe, seit "Gladiator" der aufstrebende Star, mehr als genug darstellerisches Vermögen, den Film auf ein außergewöhnliches Level zu heben. Nicht so Meg Ryan, die sich heulend, perfekt gestyled und kettenrauchend alsbald als fehlbesetzt erweist.

Doch auch so sorgt Regisseur Taylor Hackford von Beginn an für gesättigte Langeweile und den Eindruck, dass es sich bei "Lebenszeichen" um allein einen der vielen, schnell heruntergespulten Routinestreifen handelt, die als Puffer für den drohenden Schauspielerstreik vorbereitet wurden. Seine Figuren, ein abgehalfteter Ingenieur und dessen haltlose Ehefrau, werden interesselos eingeworfen mit Dialogmomenten, die wirklich gräßlich unnötig sind. David Morse als ambitionierter Ingenieur kommt erst gar nicht zum Zuge, bleibt profillos und sichtlich unterfordert. Als er dann zum Entführungsopfer deklassiert wird, gibt der Film komplizierte Gründe für das Szenario nur vor, vermittelt aber bald ein reichlich flaches Bild der Zustände, in denen jeder Einheimische korrupt und irgendwie alles böse ist. Völlig unmotiviert wandelt sich Thorne, der Charakter Crowes, vom pragmatischen Verhandlungsgenie (das wir aber nie sehen) in den eines verliebten Helden, der den auszehrenden Nervenkrieg als Sozialakt bestreitet.

Doch wer kann dem Betteln einer Meg Ryan, selbst in ihrer aufgelösten Verzweifelung immer perfekt geschminkt, schon Widerstand leisten? Crowe nicht, auch im echen Leben nicht. Da ist es bezeichnend, dass der eigentliche Film anlässlich der Affäre der Hauptdarsteller bei seinem US-Start kaum eine Rolle spielte. Mit den Geiselnehmern wandert der Ingenieur tage und wochenlang durch die Pampa. Die Zeit verstreicht, die Spannung weicht. Statt dass Regisseur Hackford das Geschehen nach naheliegendem Muster eines Verhandlungsfilms strafft und auf das Wesentliche reduziert, versumpft die Handlung in Gejammere und sinnlosem Geschwafel, das nicht einmal für eine plausible Annäherung der Charaktere von Crowe und Ryan sorgt. Während Letztere mit zunehmend beschränkter Mimik nervt, tut der Rest des Films so, als ob sich die Psychologie der Verhandlung darauf beschränkt, stereotype Phrasen übers Funkgerät zu schicken. Und das geschieht zudem auch noch zu selten.

Worin das eigentliche Vermögen besteht, die Kunst, als Verhandlungsexperte den Geiselnehmer gefügig zu machen, unterschlägt "Lebenszeichen" unglaublicherweise fast ganz. Dementsprechend ähnlich ergeht es jeder gedanklichen wie sprachlichen Subtilität. So stellt das Finale den gesamten, mühevoll vor sich hinkriechenden Film bloß, wenn die Geisel nicht durch Verhandlung, sondern fatalerweise eben durch den großen Radau befreit wird, in der skrupellos alles über den Haufen geschossen wird. Nein, mag "Verhandlungssache" Lehrbuchcharakter dafür haben, wie man es richtig macht, so siedelt sich das öde "Lebenszeichen" am anderen Ende der Messlatte an. Als Thorne, der letztlich mit der Waffe und nicht mit dem Wort siegt, am Ende etwas geleert zurückbleibt und der Ingenieur ein "Überstanden" herauslässt, gilt Gleiches für den eingesäuselten Zuschauer.

Langweilige Mischung aus Action und einfältiger Verhandlungspyschologie


Flemming Schock