2001 - Odyssee im Weltraum
(2001: A Space Odyssey)

UK / USA (1968), 139min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Stanley Kubrick
B:Arthur C. Clarke,Stanley Kubrick, Arthur C. Clarke
D:Keir Dullea,
Gary Lockwood,
William Sylvester,
Daniel Richter
L:IMDb
„Ich arbeite gern mit Menschen zusammen”
Inhalt
Ein mysteriöser, schwarzer Monolith vermutlich außerirdischer Abstammung beeinflusst in der Urzeit die Evolution und Entstehung der Menschheit. Millionen Jahre später wird der Monolith von Wissenschaftlern auf dem Mond entdeckt. Er lockt ein Raumschiff Richtung Jupiter. Doch die Mission endet nach dem Zusammenbruch des autarken Bordcomputers HAL in einer Katastrophe. Der einzige Überlebende muss sich dem Monolithen stellen.
Kurzkommentar
So sehr "2001" inszenatorisch seinerzeit die Gemüter gespalten hat, so erstaunlich ist aus heutiger Sicht die Treffsicherheit, mit der Stanley Kubrick und Science-Fiction Autor Arthur C. Clarke die Richtung, die die Technologieentwicklung eingeschlagen hat, vorausgeahnt haben. Die saubere Ausarbeitung der Weltraumszenen und die Akribie, mit der Kubrick seine interpretationsschwangere Vision aufgebaut hat, beeindrucken in diesem Jahr jedenfalls genauso wie damals.
Kritik
Über kaum einen anderen Film ist wohl soviel gesagt, geschrieben, diskutiert, spekuliert und debattiert worden wie über Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum". Wie sehr der Film -auch über 32 Jahre nach seiner Entstehung- noch die Filmfans beschäftigt ist schon erstaunlich. Allein die "External Reviews"-Liste der IMDb bietet massig Links zu diversen Fanseiten und alle versuchen sich am gleichen Unterfangen: den Film in seinen Details zu erklären, Zusammenhänge zu deuten und die Aussage herauszustellen. Verschafft man sich einen groben Überblick über die Interpretationsversuche dieser Kubrick-Anhänger, so sind Parallelen, ja beinahe Einstimmigkeiten unübersehbar. Man möchte fast sagen, alles scheint sonnenklar. Interessierten sei an dieser Stelle besonders Ralf Ramges "Retro Park" empfohlen, der den Film sachlich und objektiv auseinandernimmt.

Fakt ist jedoch, daß Kubrick nie Stellung zu diversen Deutungsversuchen bezogen hat: "Ich habe versucht ein visuelles Erlebnis zu schaffen, das verbales Schubladendenken vermeidet und emotional und philosophisch direkt auf das Unterbewusstsein zielt" sowie "Falls '2001' überhaupt funktioniert, dann meiner Meinung nach in dem Sinne, daß er eine Menge Menschen erreicht, die sich wohl nur selten mit der Zukunft der Menschheit, mit ihrem Platz im Kosmos und ihrem Verhältnis zu höher entwickelten Lebensformen auseinandersetzt."

Und da nun schon so viele Worte über den Sinn oder auch Unsinn des Films verloren wurden, erscheint es mir sinnvoller, hier einmal nicht direkt auf das Gesehene einzugehen, sondern die Wiederaufführung zum Anlass zu nehmen und Kubricks sowie Arthur C. Clarkes Vision von unserer aktuellen Zeit zu durchleuchten. Dabei interessiert mich vor allem der technische Aspekt: Bordcomputer HAL als menschliche Maschine, als autarkes System und als mechanisches Bewußtsein, das sich geistig nicht von einem Menschen unterscheidet. Alles Humbug oder tatsächlich in näherer Zukunft realisierbar?

Konrad Zuse, der 1937 seine Z1 fertigstellte, und dem man nachsagt, er habe die erste programmgesteuerte Rechenmaschine erfunden, hätte sich wohl auch nicht ausmalen können, daß der britische Mathematiker Alan Turing bereits 1950 unter vorgehaltener Hand murmelte, "in 50 Jahren wird der Computer mit dem Menschen intellektuell konkurrieren". Die nach ihm benannte Turing-Maschine (die ein rein gedankliches Konstrukt ist) funktionierte dabei folgendermaßen: man nehme ein unendlich langes Band, das eine Kette von unendlich vielen Felder darstellt und dessen Felder man nur mit 0 und 1 beschriften bzw. sie markieren oder auch nicht markieren kann. Mathematische Algorithmen erlauben nun, jedes noch so komplizierte Problem auf diesem Band zu modellieren - alles reduziert auf die einfache Folge von beliebig vielen Nullen und Einsen. Die Folgen dieser Modellierung hätten fatal sein können, denn Turing bewies, daß sich jedes logische Problem mit diesem Gedankenmodell erfassen läßt. Blieb die Frage nach dem menschlichen Bewußtsein. Nicht wenige Philosophen behaupteten, Denken reduziere sich allein auf logische Operationen und in Kombination mit Turings Modell hieße das natürlich, daß Maschinen "denken können".

Was jetzt vielleicht albern klingt, war wissenschaftlich nicht zu unterschätzen und es stellte sich selbstverständlich heraus, daß Denken weit mehr ist als eine bloße Ansammlung von Kausalbeziehungen: Kreativität, Entscheidungsfindung, situative Wahrnehmung scheinen mathematisch nicht zu erfassen und somit ist ein eigenständiges Bewußtsein -zumindest auf binärem Wege- nicht realisierbar. Trotzdem natürlich ein faszinierender und gleichzeitig furchteinflössender Gedanke, denn die Gefahr, das Werk könne sich gegen seinen Schöpfer wenden, gehört beinahe zu den Urängsten der zivilisierten Menschheit. Frankensteins Monster war so ziemlich die erste "maschinelle" Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer wandte. Was folgte waren eben HAL aus "2001", die Replikanten aus "Blade Runner" oder auch diverse Androiden aus "Star Trek" bzw. "Star Wars".

Aber trotz der scheinbar unüberwindbaren intellektuellen Diskrepanzen versuchen sich eine Menge Experten auf der ganzen Welt daran, möglichst vielseite und "intelligente" Roboter zu entwickeln. Angefangen beim Maus-Roboter, der sich nach einmaligem Lauf durch ein Labyrinth beim zweiten Mal selbstständig zurechtfindet, bis zu heutigen RoboCup-Turnieren, in denen ganze Roboter-Teams stellvertretend für die algorithmische Finesse des Schöpfers gegeneinander antreten. Das alles ist im Vergleich zu den rechnerisch gigantischen Fähigkeiten von HAL natürlich mehr als peinlich, aber die Frage ist nicht primär, wann wir theoretisch soviel Rechenleistung aufbringen könnten, sondern ob. Denn folgt die Entwicklung der Miniaturisierung und Komplexität dem allseits bekannten Mooreschen Gesetz ("die Leistungsfähigkeit von Prozessoren verdoppelt sich ungefähr alle 18 Monate"), so liesse sich die Entwicklung von sogenannten Nanobots, die als Mini-Robotor Entdeckungsreisen durchs menschliche Gehirn antreten können, ziemlich genau auf das Jahre 2029 datieren, verkündete der KI-Visionär Ray Kurzweil auf einer Konferenz an der Elite-Uni Stanford im Silicon Valley. Sinn des Ganzen? Die Nanobots sollen massig Informationen über "Schaltvorgänge" im menschlichen Gehirn sammeln, von denen sich Kurzweil sicher ist, sie algorithmisch emulieren zu können.

Nun, ohne mich detailliert mit dem medizinischen Hintergrund beschäftigt zu haben, halte ich Kurzweils Äußerung doch für reichlich abwegig, da er das "alte" Problem verkennt: daß sich geistiges Gut vielleicht nicht auf Materie reduzieren läßt. Nicht umsonst erscheinen uns aus dem Grund Science-Fiction Selbstverständlichkeiten wie das Beamen nicht realisierbar und monströse Rechenleistung macht noch lange kein Bewußtsein - geschweige den Gefühlszustände oder Unverzichtbarkeiten wie Ethik und Moral.

Insofern muß man Kubricks Computervision von unserer heutigen Zeit weitgehend unter Science-Fiction einordnen, wenngleich er in anderen Bereichen seiner technischen Vorausahnung beinahe beängstigend treffend war. Denn als Kubrick 1965 mit der Arbeit zu "2001" begann, ahnte wohl niemand, daß bereits im selben Jahr der Amerikaner Ed White als erster Mensch seine Raumkapsel verlässt und im All "spazieren geht". Bis zur Mondlandung von Armstrong im Juli 1969 vergingen immerhin noch vier Jahre, aber "2001" kam bereits 1968 in die Kinos. Und die Akribie, mit der Kubrick seinerseits ein Mondszenario filmte, wirkt auch aus heutiger Sicht noch täuschend echt. Auch seine Jupitermission wirkt nicht völlig verschätzt: vom Kryoschlaf sind wir sicherlich noch weit entfernt, aber es ist schon erstaunlich, daß just in ein paar Tagen die russische Raumstation Mir aufgegeben und damit die letzte künstliche Barriere, sozusagen die frontier des Weltalls, zerstört wird. Dann, wenn unerschlossene Gebiete der Menscheit (theoretisch) wieder vollkommen offenstehen, können wir erst mit dem Bau unserer "Discovery" beginnen.

In Zeiten von globaler Vernetzung, dem Drang nach unerbittlicher Technisierung in Form von Handys, PDA's, Gameboys, Notebooks bis hin zu Hausrobotern und künstlichen Haustieren (à la Tamagochi und Sonys Roboterhund) erscheinen Kubricks und Clarkes Vorstellungen von der technischen Entwicklung der Menschheit erstaunlich treffsicher, wenn auch im Detail noch in weiter Ferne. Beeindruckend in dem Zusammenhang ist eben viel mehr, wie kompetent sie die Richtung dieser Entwicklung vorausgeahnt haben, nicht, ob wir den fiktiven Stand der Technik des Films auch exakt in diesem Jahr anzutreffen vermögen. Aber nicht nur als vergangener Zukunftsentwurf ist Kubricks "2001" natürlich einen Blick wert - auch filmhistorisch ist der Streifen unumgänglich.

Visionäre, intelligente Science-Fiction von großer Außergewöhnlichkeit


Thomas Schlömer