Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen
(Wallace & Gromit – The Curse of the Wererabbit)

Großbritannien, 96min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Nick Park, Steve Box
B:Nick Park
L:IMDb
„Ach die Liebe, sie ist die größte Falle von allen!”
Inhalt
Der gemütliche Käseliebhaber und Erfinder Wallace und sein schlauer Hund Gromit betreiben das kleine Schädlingsbekämpfungs-Unternehmen „Anti-Pesto“, das kurz vor einem lokalen Gemüse-Wettbewerb vor großen Herausforderungen steht. Die Jagd nach harmlosen Hasen gelingt dem cleveren Duo zwar erfolgreich. Doch plötzlich bedroht ein ebenso gigantisches wie geheimnisvolles Biest die liebevoll gepflegten Vorgärten samt ihrer preisverdächtigen Ernte. Die Landwirtschafts-Schau steht vor einem Fiasko. Um den Wettbewerb zu retten, beauftragt die hübsche Gräfin Tottington die beiden „Anti-Pesto“-Experten – sehr zum Ärger von ihrem Verehrer Victor Quartermaine, der sich mit Gewehr und bulligem Hund gerne zum Helden der Gartenbesitzer und zum idealen Heiratskandidaten aufspielen würde.
Kurzkommentar
„Wallace & Gromit“ mag etwas laut sein und viel auf Action setzen, aber Nick Parks und Steve Box´Reise in die englische Provinz ist hintersinnig und mit äußerster Liebenswürdigkeit inszeniert. Zudem ist ihr Film ein hinreißendes Plädoyer für ein Kino der Fantasie und des Humors.
Kritik
Nach einer Reise zum Mond und dem Eintreiben einer entlaufenen Schafherde ist es nur folgerichtig, dass Wallace und Gromit diesmal im Bereich der „Home Security“ tätig sind – obwohl ihr Universum natürlich genuin britisch ist: Crackers, Käse, Tee und hässliche Tapete, Constables, Reverends, Lordschaften und angestaubte Manierismen. Aardman plündert mal wieder aufs Herzlichste britische Neurosen, adliges Gebaren und ästhetische Geschmacksverirrungen. Nicht ohne Hintersinn ist das Gefährt der beiden Kammerjäger ein Austin A35, ein beliebter Lieferwagen aus den 60ern, und damit Exempel der feinen Nostalgie, die das „Wallace & Gromit“-Universum durchzieht, und die so vorzüglich mit der „antiquierten“ Stop-Motion-Technik harmoniert. Schon auf dieser Ebene zeigt sich, wie klug Inhalt und Form bei Aardman aufeinander abgestimmt sind.

Diese Übereinstimmung setzt sich inhaltlich fort, wenn sich „The Curse of the Were-Rabbit“ wie die beiden letzten Abenteuer „The Wrong Trousers“ und „A Close Shave“ etablierte Genre-Schemata zu eigen macht und vor allem deren nostalgische Komponente herausarbeitet: zu viel Hitchcock und Film noir gesellen sich nun noch die Werwolf- und Monsterfilme der Universal Studios wie „Frankenstein“ oder „King Kong“. Damit wollen sich Nick Park und Steve Box aber nicht primär ein paar gute Lacher an Bord holen, man beschränkt sich auch nicht nur aufs Huldigen einiger Ikonen wie Ray Harryhausen oder Willis O'Brien, viel mehr ist es Teil der feinen Melancholie, die das „Wallace & Gromit“-Universum durchzieht und sozusagen an „bessere Zeiten“ erinnert. Dies aber nicht aus einer altklugen Griesgrämigkeit, sondern zur Hervorstellung der zentralen Bindekraft des Kinos: der zwischen Macher und Gemachtem und zwischen Gemachtem und Genießendem. Indem uns als Zuschauer die hüpfenden Fingerabdrücke auf den Gesichtern der Protagonisten nicht vorenthalten werden, gibt es eine direkte, „körperliche“ Verbindung zwischen Erzähler und Zuhörer und eine unmittelbare Affektivität, die computeranimierte Filme nur mit großer Not erreichen. Es ist kein Zufall, dass Lady Tottington Wallace in einer entscheidenden Szene des Films an seinen charakteristischen Handbewegungen erkennt.

Zudem ist es ja eben doch beeindruckender, Rasanz in einem aus bewusst konstruierten Einzelbildern zusammengesetzten Film zu erfahren (in dem die Kamera zudem noch starken Beschränkungen unterliegt) als aus einem errechneten – auch wenn niemand aus der Stop-Motion Branche behaupten würde, dass computeranimierten Filmen ein weniger imponierender Geduld- und Zeitaufwand zugrunde liegt.

Und doch kann all das nur Transportmittel sein und nicht Kunde und „Wallace & Gromit“ wäre weniger als halb so gelungen, wenn er sich aufs rein Parodistische beschränken würde. Das nämlich war schon immer die große Stärke von Aardman, das wie kaum ein anderes Animationsstudio verstanden hat, dass ein Witz insbesondere dann gelungen ist, wenn er eine Sehnsucht extrapoliert. Wenn Gromit die Augen rollt, weil Wallace wieder irgendeine Dummheit begangen hat, die ihn in Gefahr bringt, spricht aus ihm die Sehnsucht nach seinem Freund. Und wenn der in Gefahr ist, muss das größte aller Opfer gebracht werden: unzählige Stunden seines Lebens in Form einer Riesen-Zucchini. Bei Aardman ist es die Sehnsucht nach Fantasie, die sie antreibt und ihren Humor begründet. Aus all den Anspielungen, der übersteigerten Detailverliebtheit und dem ausufernden Einfallsreichtum spricht doch immer die Sehnsucht nach einem fantasievolleren Kino. Und der Wunsch, etwas zu machen, das bleibt.

So ist es nur logisch, dass Roger Ebert die beiden Knetfiguren „the two most delightful characters in the history of animation“ nennt. Ihr Universum ist so ungemein liebenswert, weil es einen unerschütterlichen Optimismus und grenzenlose Güte ausstrahlt. Davon zeugt nicht zuletzt der seit jeher geniale Einfall, wirklich jedem Charakter das gleiche Augenpaar zu spendieren und damit alle als Teil einer großen Familie zu kennzeichnen. Hinzukommt, dass selbst die größte Gefahr in „Wallace & Gromit“ eigentlich nur vom Guten ausgeht und im wesentlichen auf Versehen basiert: Wallace möchte immer das beste, bewirkt aber das schlimmste. Dass in der guten Absicht also auch eine Gefahr lauern kann, ist die gleichzeitig kindgerechte wie komplexe Botschaft des „Wallace & Gromit“-Universums und die zentrale Leistung von Nick Park und seinen Autoren.

Amüsante Reise in die Provinzneurosen des British Empire, mit viel Hintersinn und Liebe zum Kino inszeniert.


Thomas Schlömer