Zuhause am Ende der Welt, Ein
(Home at the End of the World, A)

USA, 93min
R:Michael Mayer
B:Michael Cunningham
D:Colin Farrell,
Robin Wright Penn,
Sissy Spacek,
Dallas Roberts
L:IMDb
„Whoever expects to end up living anywhere?”
Inhalt
Seit ihrer Schulzeit sind Bobby (Colin Farrell) und Jonathan (Dallas Roberts) unzertrennlich. Für den Waisen Bobby wird die Familie Jonathans bald zum Anlaufhafen. Besonders Jonathans Mutter (Sissy Spacek) verkörpert jene familiäre Stabilität, die er in seinem eigenen Leben vermisst. Nach langen Jahren treffen sich Bobby und Jonathan in New York wieder - und erfinden gemeinsam mit der freigeistigen Claire (Robin Wright Penn) schließlich eine ganz eigene Familie.
Kurzkommentar
Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein nächstes oder älteres Buch des „The Hours“-Autors verfilmt würde. Michael Mayer befasst sich in seinem Regiedebüt mit dieser Aufgabe. Aus „Ein Zuhause am Ende der Welt“ ist in mehrerlei Hinsicht ein schöner kleiner Independent-Film geworden. Die Schauspieler ergänzen sich hervorragend im Drama einer lebenslangen Männerfreundschaft einer daraus erwachsenden Dreiecksbeziehung- und Liebe. Ein unkonventionelles, gelassenes Nachdenken über Zwischenmenschlichkeiten, die Architektur moderner Beziehungen und ganz normale Sehnsüchte.
Kritik
Der Titel ist ein wenig hymnisch und damit unweigerlich der eines Romans. Nach dem letztjährigen Großerfolg von „The Hours“, der am Ende eher als Star- denn als Erzählkino locken sollte, ist der Autor von Michael Cunningham nicht länger nur irgendwer. Immerhin bekam er für den elegischen „The Hours“ die höchste Literaturauszeichnung Amerikas, den Pulitzer-Preis. Damit lief „Ein Zuhause am Ende der Welt“ zunächst einmal Gefahr, unter die Räder der Verwertungsmaschinerie zu geraten: Ist ein Stoff eines Autors erfolgreich auf die Leinwand gebracht, sollte es ja, so der Produzentengedanke, wohl ebenso mit dem Rest klappen. Zumindest werbestrategisch wird es sich für den schon Jahre vor „The Hours“ entstandenen „Ein Zuhause am Ende der Welt“ auszahlen. Viele Besucher wird er dennoch nicht locken und nur kurz in den Programmlisten der Arthouse-Kinos auftauchen. Der Grund: Im Gegensatz zu „The Hours“ muss die neue Adaption eines Cunningham-Romans schon aus Budget-Gründen ohne großes Star-Tamtam auskommen. Das ist das eine, was sie sympathisch macht.

Die andere, mit dem Umstand der weitgehenden Starabstinenz (über den Status von Colin Farrell mag man hier nun geteilter Meinung sein) zusammenhängende positive Überraschung ist, dass die Regie von „Ein Zuhause am Ende der Welt“ einem Debütanten anvertraut wurde. Michael Mayer gibt mit diesem sensiblen Freundschaftsmelodram einen beeindruckenden Einstand, was sicherlich nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass Michael Cunningham höchst selbst als auch der Drehbuchautor darüber wachte, dass die wesentlichen Elemente seiner Buchvorlage in die Sprache des Films übersetzt würden. Und dies gelingt wesentlich, unprätentiös und doch sensibel. Auf fast schon altmodische Art nimmt sich „Ein Zuhause“ Zeit für seine Figuren und lässt, ein Stück weit wie in „The Hours“, die äußere Handlung gegenüber der inneren, bzw. dem versuchten Blick in das Innere der Protagonisten in den Hintergrund treten. In beiden Adaptionen sind die teils tragischen Figuren verloren, innerlich unterwegs, wohin oder wieso genau, bleibt um der Wirkung willen ungeklärt. Die Ausbuchstabierung der Figuren geht mit ihrer zunehmenden Rätselhaftigkeit einher, auf die permanente Neugier des Zuschauers bauend.

In „Ein Zuhause“ dreht sich dieses Rätselraten über die Sehnsüchte vor allem das Hippie-Kind Bobby. Wer erwartet, der Streifen würde, da er das Wachsen der Hauptfigur von Kindestagen in den späten 60ern an verfolgt und sich anfangs aller Bild- und Begriffsklischees bedient, eine gradlinige „Coming-Out-of-Age“-Story liefern, wird zuerst bestätigt. Dann aber verweigert sich „Ein Zuhause“ gerade absehbaren, typischen Schlüsselmomenten zwischenmenschlicher Dramen. Es gelingt Mayer und Cunningham vorbildhaft, über die in Episoden entwickelte Geschichte eine homophile Männerfreundschaft zum einen Dreh- und Angelpunkt des Filmes zu machen und darüber noch eine unkonventionelle Dreiecksgeschichte zu entwerfen. Man mag bemängeln, dass die Figuren im Allgemeinen und Bobby im Besonderen von Beginn an typisierend entworfen werden und relativ statisch bleiben, auch deswegen, weil „Ein Zuhause“ innere Konfliktlagen nur sehr sparsam verbalisiert. Die Figuren lassen zwar an Tiefenschärfe vermissen, aber nicht an Tiefe. Gerade in Bobby werden dem Zuschauer durch ein entwaffnend mitfühlendes Wesen viele Identifikationsmomente geboten.

Aus „Ein Zuhause“ ist aus ausgesprochener Schauspielerfilm ohne Starallüren geworden. Da überrascht es weiterhin, dass ausgerechnet Jungstar Colin Farrell durch konsequentes Vermeiden eines Overacting zur größten positiven Überraschung des Films wird und sich sicher gegenüber einer exzellenten Mitbesetzung behauptet. Die bis dato beste und doch am geringsten registrierte Leistung Farrells. Der kaum bekannte Dallas Roberts gibt daneben als tragischer Homosexueller eine nicht weniger makellose Vorstellung als Robin Wright Penn oder Sissy Spacek als liberale Mutter, die hin und wieder darüber melancholisch wird, was ihr Leben hätte anderes werden können, wenn nicht eine Vorortexistenz. Unkonventionell auch die Dramaturgie: Mayer und Cunningham verzichten weitgehend auf Wendepunkte und Katalysatoren, die das äußere Geschehen sonderlich voranbrächten. Stattdessen zeichnet sich „Ein Zuhause“ durch einen bemerkenswert beiläufigen Realismus insofern aus, als er sich auf leise zwischenmenschliche Töne und nicht auf theaterwirksame Schicksalsschläge konzentriert.

Bis zum Ende herrscht so Offenheit, in welche Richtung die Geschichte treiben könnte. Das Zusammenspiel von Penn, Roberts und Farrell zeigt aufs Schönste, wie die Sehnsucht nach Heimat, die im „Familien“-Begriff gespeichert ist, nicht ans Biologische gebunden sein muss. Sicher, aus „Ein Zuhause am Ende der Welt“ hätte durch eine zielgerichtetere Handlungsführung und das Einschalten einer herkömmlichen Spannungskurve jenseits unmotivierter Krankheitseinbrüche gegen Ende ein noch besserer Film werden können. Aber Michael Mayer ist zu seinem in den USA vom Publikum unterschätzten Debüt nur zu gratulieren. Die Figuren des Filmes rühren unmittelbar an, in Verletzbarkeit wie Stärke, und der Film entfaltet seine zentral zwischenmenschlichen Fragestellungen auf angenehm unpathetische Weise. Wieder gilt: Ein kleiner, aber fast großer Film.

Sensibles Beziehungsmelodram mit guten Darstellern


Flemming Schock