Neunte Tag, Der

Deutschland, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Volker Schlöndorff
B:Eberhard Görner, Andreas Pflüger
D:Ulrich Matthes,
August Diehl,
Bibiana Beglau,
Hilmar Thate,
Germain Wagner
L:IMDb
„Sie und ich - wir sind Brüder im Geiste”
Inhalt
Der Pfarrer Henri Kremer (Ulrich Matthes) ist zur Zeit des 2.Weltkriegs im Konzentrationslager Dachau interniert und sieht bereits keine Hoffnung mehr, als er urplötzlich "Urlaub" bekommt: für neun Tage darf er in sein Heimatland Luxemburg zurückkehren, muss sich allerdings täglich den Gesprächen des Gestapo-Chefs Gebhardt (August Diehl) stellen. Dieser will mit ihm über die Rolle von Kirche und Nationalsozialismus diskutieren und ihm ein existenzielles Angebot unterbreiten: entweder überredet er seinen Bischof zur vollständigen Kooperation der Kirche im Dienste des Nationalsozialismus oder er muss ins KZ zurückkehren. Eine Entscheidung auf Leben und Tod - neun Tage, die Henri Kremer in seinen Grundfesten erschüttern, die nicht nur über sein Schicksal, sondern auch über das seiner Freunde und seiner Familie entscheiden werden.
Kurzkommentar
Auch Volker Schlöndorff traut sich nach vierzig Jahren an einen Stoff, der die Verbrechen des Dritten Reichs bebildert, glücklicherweise aber nur soweit es der Unterfütterung der eigentlichen Thematik – der Rolle der Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus (s.a. "Der Stellvertreter") – dienlich ist. Mit einem Pfarrer und einem Gestapo-Chef konfrontiert er zwei exemplarische Figuren und deren intellektuelle Auseinandersetzungen sind durchaus faszinierend, oftmals aber auch zu zaghaft und etwas mutlos inszeniert. Dennoch regt "Der neunte Tag" zur Diskussion an, vor allem, weil Schlöndorffs kluge Zurückhaltung einfache Schwarz/Weiß-Schemata verhindert.
Kritik
Im Rahmen des 95. Deutschen Katholikentages veranstaltete die katholische Kirche eine Art "Kino im Kopf", eine Kinodiskussion mit Regisseur Volker Schlöndorff, Produzent Prof. Jürgen Haase, Hauptdarsteller Ulrich Matthes und Drehbuchautor Andreas Pflüger über ihren neuen Film "Der neunte Tag". "Kino im Kopf" deshalb, weil Matthes aus den Original-Tagebüchern des Jean Bernard vorlas, jenem Priester, dessen unsentimentaler Bericht "Pfarrerblock 25487" als Grundlage für die Figur des Henri Kremer diente und damit auch als emotionale Ausgangsbasis für den kompletten (aber vollständig fiktionalen) Film. Schlöndorff und Pflüger lasen außerdem aus dem eigenen Drehbuch vor, sich allerdings der Tatsache bewusst, dass das wenig spannend ist und nur das Problem kaschieren sollte, den Zuhörern nicht den kompletten Film, sondern nur einen zehnminütigen Trailer zeigen zu können. Die Premiere war nämlich dem Filmfest München versprochen worden und so stand man im Kinosaal mit mehr oder weniger leeren Händen.

Dennoch war der Abend ziemlich spannend, denn nach dem grauselig pathetischen Trailer (der Schlöndorff sichtlich peinlich war) stellten sich die Gäste noch knapp eine Stunde den Fragen des sehr kritischen Publikums. Bestehend aus Besuchern des katholischen Kirchentages war dieses dann auch stark theologisch interessiert, monierte beispielsweise eine Szene, in der im KZ inhaftierte Pfarrer verschiedener Herkunft (Polen, Ungarn, Tschechien, Deutschland) ein Lied in ihrer jeweiligen Landessprache anstimmten und nicht - wie es historisch wohl korrekt sei - gemeinsam in Latein. Aber das waren Detailfragen, das Hauptinteresse galt natürlich den großen Fragen wie "Darf man ein KZ inszenieren?", "Verharmlost man nicht die Realität?" und "Warum ein weiterer Film über den Nationalsozialismus?". Während Matthes hier ganz entschieden reagierte und sich etwa über eine Aussage Martin Walsers mokierte, nach der man der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ja mittlerweile überdrüssig geworden sei, antwortete Schlöndorff gewohnt ruhig und respektvoll, verdeckte aber auch nicht seinen weiterhin existierenden, inneren Zweifel. Früher, im Alter von 25, sei für ihn klar gewesen, dass sich ein KZ jeder Darstellung entziehe und keinesfalls im Kino bebildert werden dürfe. Nun aber, vierzig Jahre später, da das Ausland mehr über die deutsche Vergangenheit inszeniert als Deutschland selbst ("auch der gute Deutsche, Schindler, kommt aus Hollywood"), habe er sich schlicht gesagt: man darf das nicht den anderen überlassen.

Schlöndorff wirkt bei solchen Aussagen immer sehr besonnen und vorsichtig, besitzt die zurückhaltende Klugheit des "zweifelnden Künstlers", eine Eigenschaft, die auch "Der neunte Tag" auszeichnet. Dieser drückt sich zwar nicht um die Bebilderung des KZ-Alltags, ist ansonsten aber vor allem um Suggestion und weniger um Konfrontation bemüht. Dennoch verfehlen die ersten zehn Minuten im KZ nicht ihre Wirkung: in entsättigten Farben wird dem Zuschauer hier abermals die Unfassbarkeit eines solchen Lagers vorgeführt, die Absurdität eines "geregelten Tagesablaufs" sowie die ständige Demütigung nicht nur durch SS-Offiziere, sondern auch durch die Institution an sich. Man mag hier zurecht einwenden, dass Schlöndorff auch nur das zeigt, was hinlänglich bekannt ist und schon einige Male thematisiert wurde, und natürlich sind die Perversionen, die er zeigt, nur Varianten von denen aus "Schindlers Liste", "Der Pianist" und vergleichbaren Filmen. Schlöndorff aber bleibt größtenteils diskret, schlachtet die Szenerie nicht fürs "Gefühlskino" aus und braucht die "anfängliche Hölle" (Schlöndorff) natürlich als filmdramaturgischen Hintergedanken für spätere Reaktionen Kremers und die Erfahrbarmachung seiner Gefühlswelt. Der Einsatz des hervorragenden "Recitativo: Lento" aus Alfred Schnittkes "Concerto Grosso No. 1" verbietet zudem jegliche Sentimentalisierung und weckt Assoziationen zur Verwendung klassischer Musik im Kino Stanley Kubricks.

Aber das Thema des Films ist nicht die Unmenschlichkeit nationalsozialistischer Offiziere oder die Perfidie eines KZ's, sondern die Rolle der Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Hier reißt Schlöndorff hochinteressante Fragen an, zentral natürlich jene, ob Henri Kremer zum Judas werden sollte, um ihm und seiner Familie das größtmögliche Leid zu ersparen bzw. die inhaftierten Pfarrer vor dem drohenden Schicksal im Konzentrationslager zu retten. Die Antworten darauf sind nie einfach und keineswegs eindeutig und allein indem er sie thematisiert, ist "Der neunte Tag" klüger als "Der Untergang" und klüger als "Der Pianist". So zehrt etwa jede wichtige Figur oder Partei des Films an einem zwiespältigen Konflikt: wie ich mich entscheide, entscheide ich mich falsch. Folgt Kremer nur seinem Überlebensinstinkt und rettet sich und seine Familie, werden seine ehemaligen Mitinhaftierten unmittelbar erschossen. Gibt er Gebhardts Willen nach und lenkt die luxemburgische Kirche auf die Bahn des Nationalsozialismus, verrät er nicht nur seinen Glauben und damit seinen kompletten Lebensinhalt, er entzieht darüber hinaus auch allen anderen gläubigen Anhängern der katholischen Kirche ihr geistiges Fundament – ein zentraler Konflikt, der die Kirche im Allgemeinen während der nationalsozialistischen Diktatur geprägt hat.

Doch auch SS-Offizier Gebhardt – glaubwürdig erfasst vom wie immer sehr zuverlässigen August Diehl – verliert, egal, wie er sich entscheidet und was er erreicht: zwar würde er mit der Überzeugung Kremers zur Kooperation sein dienstliches Ziel erreichen, die intellektuelle Konfrontation, die er mit Kremer sucht, zeigt aber vor allem, dass Gebhardt – selbst einmal kurz vor der Priesterweihe stehend – vor allem die Absolution sucht. Die Absolution des zitierten "Bruders im Geiste", der ihn darin bestätigt, dass ein Dienst unter Gott oder ein Dienst unter Hitler letztlich derselben Sache dienen: der Verbreitung des christlichen Glaubens.

So bezieht "Der neunte Tag" sein Spannungspotenzial vor allem aus der Konfrontation zweier Glauben und damit aus den Rededuellen zweier Männer scharfen Intellekts. Ausgerechnet hier enttäuscht Schlöndorff aber, denn die neun Treffen der beiden Protagonisten fallen größtenteils zaghaft und zurückhaltend aus, fast so, als ob Schlöndorff seine Idee vom suggestivem Kino allzu sehr auf die Spitze getrieben hat. Zwar sind die Gründe für Henri Kremers charakteristische Passivität nachvollziehbar und glaubwürdig (nicht zuletzt, weil auch viele Überlebende des KZ mit einem schmerzhaften Schuldgefühl zurechtkommen mussten – der "Schuld", überlebt zu haben), der Auseinandersetzung der beiden Männer und damit der näheren Durchdringung des Themas Kirche/Nationalsozialismus ist das aber wenig dienlich. Hinzukommt, dass Kremers finale Entscheidung letztendlich allzu naheliegt, da er seiner Meinung nach den wahren Verrat ja bereits begangen hat: im KZ entdeckte er eine alte, verrostete Wasserleitung, von der er niemals jemandem erzählt hat und die ihm oftmals wertvolle Flüssigkeit spendeten. Sehr gut deutlich wird hier aber wiederum die Extreme der Situation: das Schuldgefühl, das ihn aufgrund dessen heimsucht, wirkt absurd, waren es doch immer nur wenige Tropfen, die er seinen Kameraden vorenthielt.

Insgesamt ist "Der neunte Tag" trotz mancher Mutlosigkeit ein lohnenswerter Film geworden, vor allem, weil Schlöndorff Respekt vor dem Stoff und Gefühl für seine Darsteller hat. "Der neunte Tag" ist anregend und zurückhaltend zugleich, möchte vor allem wirken und nicht vorschnell urteilen. In der Zeit des Nationalsozialismus sieht er vor allem eine Situation, aus der niemand gewinnend hervorgehen konnte, und in Henri Kremer und auch in Gestapo-Chef Gebhardt sieht er zuerst den Menschen, erst dann die Funktion. Exemplarisch dafür steht dann auch das letzte Gespräch Kremers mit Bischof Philippe: in letzter Instanz könne bei Kremers Entscheidung nicht die Kirche und nicht der Glaube behilflich sein, sondern nur das eigene Gewissen.

Intelligente, aber zu zaghafte Auseinandersetzung mit der Rolle der Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus


Thomas Schlömer