Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse
(Lemony Snicket's A Series of Unfortunate Events)

USA, 108min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brad Silberling
B:Robert Gordon, Daniel Handler
D:Jim Carrey,
Meryl Streep,
Jude Law,
Emily Browning,
Liam Aiken
L:IMDb
„I will care for these orphans as if they were actually wanted!”
Inhalt
Dies ist die Geschichte von den drei Geschwistern Baudelaire, die ihre Eltern bei einem Hausbrand verlieren. Was folgt, ist eine Reihe wirklich betrüblicher Ereignisse: Es beginnt damit, dass die drei ins düstere Haus des Grafen Olaf (Jim Carrey) kommen, einem entfernten Verwandten, der sich als ekliges Scheusal entpuppt und hinter ihrem Vermögen her ist. Aber die Kinder wissen sich zu wehren: Die erfinderische 14jährige Violet (Emily Browning), der schlaue zwölfjährige Bücherwurm Klaus (Liam Aiken) und Baby Sunny (Kara und Shelby Hoffmann) mit den vier scharfen Milchzähnen können Olafs böse Pläne vereiteln. Nun kommen die Waisenkinder zu ihrem Onkel Monty (Billy Connolly), einem berühmten Schlangenforscher. Aber Olaf gibt nicht auf, und versucht, die Kinder zu entführen. Erneut können sie ihm entkommen und finden Unterschlupf bei Tante Josephine (Meryl Streep), die aus lauter Angst vor einer Explosion niemals ihren Herd anstellt, sich dafür aber furchtlos ihrer Leidenschaft für Grammatik hingibt. Bei ihr fühlen sich die Geschwister zunächst sicher, doch der fiese Graf Olaf hat noch einige Tricks auf Lager.
Kurzkommentar
Die „Rätselhaften Ereignisse“ fühlen sich an der Oberfläche an wie die zynische Variante von „Harry Potter“, sind im Kern aber umso frischer und herzlicher. Brad Silberling, einer der am meisten unterschätzten Regisseure Hollywoods, gelingt ein witziger, liebenswerter Fantasy-Film, der freilich nicht die Regeln des Mainstream sprengt, aber allemal mehr Charakter hat als die meisten Arbeiten der Konkurrenz.
Kritik
Es fiele leicht, dem Regisseur von so unterschiedlichen Filmen wie „Casper” und dem „Der Himmel über Berlin”-Remake „Stadt der Engel” mangelnde Handschrift und inspirationslose Kommerzarbeit vorzuwerfen, aber spätestens mit „Moonlight Mile” bewies Brad Silberling, dass er nicht zu unterschätzen ist. Das sehr persönliche Drama über einen jungen Mann, dessen Verlobte kurz vor der Hochzeit stirbt und sich fortan mit den Eltern der Verstorbenen zusammenraufen muss, war trotz melodramatischer Tragik nie sentimental, bei aller Ernsthaftigkeit auch mal gerne humorvoll und bei aller Melancholie doch nicht ohne Hoffnung. Jake Gyllenhaal war noch wesentlich überzeugender als in „Donnie Darko” und Dustin Hoffman schon lange nicht mehr so gut. Dass Silberling nun Barry Sonnenfeld („Men in Black”) für den Dreh einer weiteren eher tragischen Geschichte ablöste, ist vor dem Hintergrund seiner (Kinder-) Fantasy-Erfahrung mit „Casper” eigentlich nur die logische Konsequenz: in den „Rätselhaften Ereignissen” paaren sich die düstere Tragik seiner letzten beiden Filmen mit dem lockeren Anspruch seines Kinodebüts.

Wie auch „Harry Potter” über den Tod seiner Eltern hinweg- und ohne sie auskommen muss, sind auch die drei Baudelaire-Kinder vom Schicksal gezeichnet: unmittelbar zu Beginn des Films kommen ihre Eltern in einem Brand um und sie müssen fortan bei ihrem nächsten Verwandten leben: dem durchgeknallten Graf Olaf. Trotzdem (zumindest dem Zuschauer) schnell klar wird, dass eigentlich nur Olaf hinter dem Mord stecken kann, weil er es auf das potente Vermögen der Baudelaires abgesehen hat, wird die Auflösung dieser Tat zum großen Spannungsbogen des Films. Zumindest dramaturgisch ist also spürbar: „Lemony Snicket” möchte primär ein Kinderfilm sein. Alles andere, und das hält die Erzählerstimme zu Beginn gleich mal fest, wird hingegen „ganz und gar nicht erfreulich sein” und wäre da nicht die reichlich forcierte, aber doch hübsch-absurde Puppensequenz vor den Opening-Credits, man bekäme den Eindruck, Handler und Silberling meinen es mit ihrer Drohung durchaus ernst: in Bildern, die an Caspar David Friedrich erinnern, wird die düstere Welt der Baudelaire-Kinder vorgestellt: dominierende gelb-braun Töne, kaum Sonne, tiefschwarze Wolken, Gothic-Architektur. Dazu: freakige Figuren, schwarzer Humor, vermeintlicher Fatalismus aus dem Off.

Doch auch der depressive Autor, der in seinem Kämmerlein tieftraurige Schicksale in seine betagte Schreibmaschine hämmert, ist im Herzen ein guter Mensch und Lemony Snickets Geschichten natürlich weit weniger subversiv als sie (in Kinderaugen) vielleicht den Anschein erwecken. Das Glück in der Hoffnungslosigkeit zu suchen, hinter der destruktiven Fassade den optimistischen Kern hindurchscheinen zu lassen ohne in falscher Sentimentalität zu versinken, das ist das, was Silberling auszeichnet und hätte Sonnenfeld den Film wie geplant inszeniert, wäre er bloßer Klamauk geworden. Das zeigt sich nicht zuletzt am Ende als das Drehbuch, das sonst so patchworkartig ist (es ist ein Konglomerat aus den ersten drei Büchern) eine schöne Versöhnung der Kinder mit den Eltern herbeiführt ohne ein überzogenes Happy-End zu erzwingen.

Immerhin vier Oscar-Nominierungen konnte der doch äußerst kostspielige Film (125 Mio.$) letztlich verzeichnen, wenn auch nur solche für Musik, Make-Up, Kostüme und Art Direction. Verwunderlich ist das allenfalls, weil er trotz eines Einspiels von 114 Mio.$ und sehr prominenter Besetzung (Jim Carrey und Meryl Streep drehen beide mächtig auf, meistern ihre Rollen aber dennoch ganz wunderbar) in der Presse relativ unbeachtet blieb, weniger, wenn man bedenkt, dass die wichtigsten Designer des Films direkt dem Stammteam Tim Burtons entnommen wurden: Rick Heinrichs, Cheryl Carasik, Colleen Atwood und Bill Corso waren maßgeblich an vielen Filmen Burtons beteiligt, von „Batman“ bis „Big Fish“. Die „Rätselhaften Ereignisse” mögen deshalb vor allem stylisch sein (auch wenn die Computerarbeit teilweise miserabel ist), sie haben aber vor allem einen funktionierenden Kern.

Fantasiereiche, wenn auch bissfreie Kinderunterhaltung mit leichten Mängeln


Thomas Schlömer