Fahrenheit 9/11

USA, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Moore
B:Michael Moore
L:IMDb
„You can make people do anything if they're afraid.”
Inhalt
Die Außenpolitik der Bush-Administration. Um Antworten auf Fragen zu finden, kombiniert Moore seltene Filmaufnahmen, Aussagen anerkannter Experten sowie eigene Recherchen und nimmt damit eines der dringlichsten Probleme, mit dem sich Amerika konfrontiert sieht, auf die Hörner. Moore hinterfragt Präsident George W. Bush und dessen inneren Zirkel, der offensichtliche Saudi-Verbindungen in Zusammenhang mit 9/11 missachtete und es vorzog, sich kopfüber in die Vorbereitungen für „seinen“ Krieg gegen den Irak zu stürzen.
Kurzkommentar
Mit viel Ballast erreicht Michael Moores neuestes Polit-Kabarett die deutschen Kinos und es ist allein eine Herausforderung, den Film unvoreingenommen zu betrachten. Was man schließlich mitnimmt nach zwei Stunden Agitation und Polemik, ist zum einen die Bestätigung, dass sich die Regierung Bush auch ohne Moores Nachdrücklichkeit disqualifiziert, zum anderen, dass es ihn aber immer noch geben muss, um auch jeden darauf aufmerksam zu machen.
Kritik
Mindestens so sehr wie über die Politik des George W. Bush regt man sich derzeit ja über seinen populärsten Kontrahenten auf. Und damit ist nicht dessen Wahlkampfgegner John Kerry gemeint. Guerillajournalist und Moralikone Michael Moore beherrschte in den letzten Monaten wie kaum ein anderer Filmemacher die Medien und steht damit wohl weit vor jedem noch so bekannten Hollywood-Regisseur. Zunächst der kommerzielle wie kritische Riesenerfolg seiner letzten Arbeit „Bowling for Columbine“, dann die berühmt-berüchtigte Dankesrede bei der Oscar-Verleihung, dann die Kontroversen um die Verleihrechte seines neuen Films „Fahrenheit 9/11“, schließlich der Gewinn der „höchsten“ Filmauszeichnung überhaupt, der „Goldenen Palme“ von Cannes. Nach etlichem Mediengezerre und -gezanke ist der Film dann nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in den Kinos gestartet und ihn unvoreingenommen sehen zu können ist – eine Parallele zu Mel Gibsons „Passion Christi“ – schnell zum Privileg geworden.

Was allenfalls noch beeindruckt an dieser zu erwartenden Welle von Lob und Tadel, die dem Film und seinem Macher bislang entgegen schlug, ist die Ausführlichkeit und Dichte, mit der hier jedes Detail des Phänomens „Michael Moore“ zur Diskussion gestellt wird – auch und vor allem in den deutschen Medien. Ungekannt wütende Hasstiraden sind da ebenso zu finden wie ganze Artikel, die sich nur mit den präsentierten Fakten des Films beschäftigen, oder persönliche Erlebnisberichte, die enttäuscht feststellen, dass der große Moralist Moore ja irgendwie auch nur ein Mensch ist. Sogar ein ziemlich cholerischer, wer hätte das vermutet.

Allein die Bezeichnung „Dokumentarfilm“ hat manchem Kritiker schon genügend Anlass gegeben, den Film nicht vorbehaltlos empfehlen zu können und natürlich ist sie irre führend, wenn man sie mit „Wahrheit“ oder zumindest „Wirklichkeit“ gleichsetzt. Dass aber schon die Anwesenheit eines Betrachters (geschweige denn einer Kamera) die Realität verändert, ist ein ziemlich alter Hut, das haben in der Physik spätestens Werner Heisenberg und im Film spätestens Alexander Kluge festgestellt. Gemäß ihrer offenen Subjektivität und der klaren Autorenschaft wäre die korrekte filmwissenschaftliche Bezeichnung wohl „essayistischer Film“, aber einem breiten Publikum mit so einer Akademikerformulierung zu kommen würde natürlich nicht nur gänzlich unpopulär enden, sondern auch Moores Status des „Vertreter des kleinen Mannes“ untergraben. Letzten Endes ist es aber vollkommen wurscht, wie man seinen Film denn nun kategorisiert, denn aus einer Tatsache macht selbst Michael Moore keinen Hehl: dass er lediglich die Fakten seines Films als „wahr“ klassifiziert, nicht die Schlüsse, die er daraus zieht.

Und die sind wieder mal reichlich provokativ: Präsident George W. Bush ist nicht nur eine unselbständige, vollkommen überforderte Marionette im großen Regierungstheater Amerikas, ein Mann ohne eigene Entscheidungskraft und ohne ein Gefühl für die Tragweite seiner Position, er ist auch ein knallharter Betrüger: lässt mittels seinem Bruder Jeb 16.000 potenzielle Gegenstimmen in Florida eliminieren, nutzt seine Präsidentschaft erst einmal dazu, auf Volkes Kosten kräftig Urlaub zu machen, zensiert Militärberichte, damit niemand seinem Freund James R. Bath auf die Schliche kommt und herausfindet, dass dieser Verwalter etlicher Bin Laden-Gelder ist, und belügt sein Volk, indem er von Massenvernichtungswaffen und einer Saddam Hussein-Al Qaida Verbindung faselt, die in Wirklichkeit nur den Kampf ums Öl decken soll.

Vorwürfe von dieser Tragweite hat man von Moore ja irgendwie erwartet und wäre als Zuschauer wohl irgendwie enttäuscht gewesen, wenn er mit weniger gekommen wäre, aber genaugenommen hätte es dieser Zutaten kaum gebraucht. So ist der Film immer dann am stärksten, wenn er wie lupenreine Realsatire wirkt und Moore vorhandenes Material einfach nur abspielen muss, um den Charakter mancher Momente aufzuzeigen: etwa wenn sich Bush, Cheney & Co vor ihren Medienauftritten pudern lassen wie Schauspieler vor ihrem großen Auftritt, wenn Paul Wolfowitz, der scharfsinnige Akademiker und „Pentagon-Falke“, sich Spucke ins Haar schmiert, um seine Frisur zu korrigieren oder wenn George W. Bush einen Appell zur Terrorismusbekämpfung an die Welt schickt und unmittelbar danach zum Golfschläger greift. Besonders eine Szene erhitzt hier ja die Gemüter: die schon fast berühmten siebeneinhalb Minuten, die Bush reg(ier)ungslos vor einer Schulklasse verharrte, nachdem ihm die Meldung vom Angriff auf die Twin Towers mitgeteilt worden war. Moore kostet sie genüsslich aus, spielt sie wiederholend und in Zeitlupe ab, um dem sichtbar überforderten George W. Bush immer neue Gedanken in den Kopf zu legen. Gegner dieser Szene halten Moores Satire hier für vollkommen unabgebracht, weil in dieser Situation ja irgendwie jede Reaktion die falsche gewesen wäre, aber das ist dann auch wieder zu engstirnig gedacht. Zum einen, weil eine gefasste Entschuldigung Bushs, dringend gehen zu müssen, wohl nicht zuviel verlangt gewesen wäre, zum anderen weil man Moore hier ausnahmsweise viel zu ernst nimmt.

Dennoch kann man den Unmut vieler Moore-Kritiker nachvollziehen, denn der Deckmantel der Politsatire kann nicht für alles herhalten. Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen ist der Ton von „Fahrenheit 9/11“ insgesamt wesentlich ernster und seine Präsenz (zumindest vor der Kamera) wesentlich reduzierter. Man spürt deutlich, wie wichtig Moore dieses Thema ist, noch wichtiger als die vergangenen Kämpfe gegen „Corporate America“ oder die amerikanische Waffenlobby. Diese Ernsthaftigkeit führt aber logischerweise dazu, dass auch Zuschauer und Kritiker wesentlich sensibler für vorgetragene Fakten und Analysen sind und (noch weniger als sonst) nicht jede Äußerung als Satire tolerieren können. Immer mehr verlässt Moore aber im Laufe des Films das vermeintlich sichere Parkett des Kabaretts und greift auf ein paar billige, inszenatorische Kniffe zurück: stark emotionalisierende, orchestrale Musik statt beißend-kommentierender Pop-Songs, echte Tränen einer betroffenen Mutter statt witzelnder Kommentare aus dem Off. Die wenig zutrauliche, deutsche Synchronisationsstimme tut ihr Übriges, um dem Film hier eine schmierige Werbeästhetik aufzuoktroyieren.

Vor allem in der Episode um die glühende Patriotin Lisa Lipscomp hätte Moore filmemacherisch wesentlich sensibler vorgehen sollen, um den erhofften Effekt – nämliche ehrliche Betroffenheit – zu erzielen. Kamera und Schnitt kosten das irgendwie gekünstelt wirkende, aber wohl doch reale Leid der mehrfachen Mutter hingegen schamlos aus und so liefert Moore hier nur Stoff für seine schärfsten Gegner. Und doch sollte der aufmerksame Zuschauer auch hier um Perspektivenwechsel bemüht sein: auch mich würde der Erfahrungsbericht einer Betroffenen sehr berühren, wenn ich ihn (wie vermutlich Moore) unmittelbar und persönlich erzählt bekäme. So hat Moore wohl auch so etwas wie persönliche Verantwortung gefühlt, die Geschichte der Lipscomps in seinem Film zu thematisieren, vergessend, dass Kinobilder aber trotz aller Drastik distanziert bleiben und manchmal gar ins Gegenteil umschlagen können. So gesehen könnte man die Inszenierung hier als Fehler des Filmemachers Michael Moore deuten, nicht aber als einen des Menschen.

Mit diesen und ähnlichen Inszenierungsproblematiken hat die Dokumentation noch an anderen Stellen zu kämpfen und es ist klar, dass „Fahrenheit 9/11“ – Goldene Palme oder nicht – kein wirklich guter Film ist. Das aber waren „Bowling for Columbine“ und Moores Vorgängerfilme auch nicht und dennoch waren sie die Auseinandersetzung wert wie einst die polemischen „Interviews“ des gescheiterten Michel Friedman. Die alte Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, muss also neu gestellt werden, auch wenn sie keiner mehr hören kann. Problematisch dürfte nur sein, dass angesichts des immensen, kommerziellen Erfolgs etliche Nachahmer folgen werden und auch die Parteien irgendwann die Kinos als ausführliche Werbeplattform entdecken. Dann doch lieber naive Agitatoren wie Michael Moore.

Oft fragwürdige, dennoch diskussionswürdige Auseinandersetzung mit den Herrschaftsverhältnissen dieser Welt


Thomas Schlömer