Open Water

USA, 79min
R:Chris Kentis
B:Chris Kentis
D:Blanchard Ryan,
Daniel Travis,
Saul Stein,
Estelle Lau,
Michael E. Williamson
L:IMDb
„Do you think we should swim now?”
Inhalt
Für Susan (Blanchard Ryan) und Daniel (Daniel Travis) hätte der Strandurlaub eine Erholung und Ablenkung vom beruflichen Stress und den Sorgen des Alltags werden sollen. Doch als sich das Pärchen nach einem Tauchausflug plötzlich allein mitten im Ozean wieder findet, ohne eine Spur ihres Ausflugsboots, beginnt für die beiden ein beispielloses Martyrium.
Kurzkommentar
Haischocker und Hitler-Filmbilder haben einiges gemeinsam: Beide "ziehen", weil sie weit über das Gezeigte hinaus die Phantasie des Zuschauers und darin verankerte Bilder in ihr Wirkprinzip einbauen. Ohne seinen "intertexuellen" Bezug zu Spielbergs "Der weiße Hai" wäre "Open Water" so nicht entstanden. Der billige Tauchschocker hebt auf eine der traumatischen Ängste ab und erlangt mit minimalem Budget und minimalem Plot recht großen Effekt auch dadurch, dass die "Dogma"-Ästhetik die bei dem Thema ohnehin wässerige Grenze zwischen Fiktion und Wirklickeit weiter durchlässig macht. Bei Chris Kentis' zweitem Film ist die Angst ist im Titel gespeichert. Es geht "Open Water" nicht um eine Korrektur des Spielbergschen Haibildes, sondern um dessen Aktualisierung im "dokumentarischen" Rahmen.
Kritik
Eine Besprechung von "Open Water" muss natürlich mit seinem Referenzpunkt beginnen: Ohne Steven Spielbergs "Weißen Hai" wäre ein "Open Water" nicht denkbar gewesen; wenn doch, dann hätte der Low-Budget-Tauchschocker zweifellos zwar keinen Preis für das feinste Drehbuch, wohl aber einen für seine Originalität bekommen. Da Spielbergs monströse Verteufelung der mythenumrankten Jagdmaschine aber wie kein anderer Film Urängste geweckt, mit ihnen gespielt, sich ins "kollektive Bewusstsein" gesetzt und wahre Meeresphobien losgetreten hat - immer wieder gern zitiert: Millionen hysterisch abgesagter Badeurlaube im Zuge des Filmerlebnisses - musste Chis Kentis' Film andere Wege beschreiten, um noch für Gänsehaut und Adrenalinstöße zu sorgen.

Dass es seit Renny Harlins "Deep Blue Sea" kein Haischocker mehr auf die Leinwand schaffte, ist denn auch verständlich. Im Fahrwasser von Spielbergs Klassiker hat eine meist üble Flut phantastisch wie trashiger Meeresmonsterstreifen das ganze Genre zum Ausbluten gebracht. Das von Spielberg geschickte konstruierte Killerimage dürfte wohl niemals ausgeräumt werden, dafür fesselt der weiße Räuber eben seit dem Filmerfolg die Phantasie des im Wasser hilflosen Menschen viel zu stark. Dämonisierung ist alles und scheinbar kaum eine Angst ist prominenter. Nach Spielbergs Streifen gab es nur noch den einen, den weißen Hai als Metapher der Todesbedrohung aus der Tiefe. Nach einem halben dutzend Fortsetzungen und mindestens zehnmal so vieler schlechter Kopien dürfte der vermeintlich gefräßigste unter den Haien für das Kino als Schreckensfigur ausgelutscht wie erledigt sein. Und tatsächlich ist der Ansatz von "Open Water" bemerkenswert anders, bemerkenswert minimalistisch.

Das Wirkunsprinzip ist einfach und an sich wiederum keineswegs originell, aber subtil ausgeführt. Statt wie Spielberg durch eine übersteigerte Fiktion die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu manipulieren, setzt Regisseur Kentis auf die schon zum Manierismus gewordene "Dogma"-Formsprache, auf "real existente Allerweltshaie" und einen - wie am Ende deutlich wird - pseudodokumentarischen Einfall vom Schlag eines "Blair Witch Project". Sich für das Filmen mit kostengünstigen wie grobkörnigen Bildern von Digitalkameras zu entscheiden mag in erster Linie Kostengründe gehabt haben. Darüber hinaus wissen wir aber seit "Dogma" um den möglichen ästhetischen wie narrativen Mehrwert, eine schon alte Kiste: Hier und dort wird durch verwackelte, auf künstliche Ausleuchtung verzichtende Bilder die Suggestion der "wirklichen Wirklichkeit" statt der "fiktiven Wirklichkeit" erzielt. Das Geschehen auf der Leinwand scheint mittelbarer, glaubhafter, weniger erdacht als dokumentiert.

Das Übrige leistet die fast obligatorische Fußnote, dass ja alles "on true events" basiert. Optimale Entstehungsbedingungen also für einen Film, der auch in der Essenz seiner Handlung so puristisch und in seinem Motor, der Angst vor der blauschwarzen Tiefe, so glaubhaft und direkt wie nur möglich sein will. Inhaltliche und technische Aspekte bedingen sich gegenseitig, um das beabsichtigte Mittendringefühl zu konstruieren, kurz: den Eindruck, dass die Angst als Haifutter zu enden weit wahrscheinlicher ist als schlichtweg ertrinkend in den düsteren Abgrund zu sinken. "Open Water" ist dabei natürlich insofern gnadenlos gradlinig und berechenbar, als eben aus dramaturgischen Erwägungen auf das Spielberg- und Haielement nicht verzichtet werden konnte. Nur gegen Dehydrierung und Stress zu kämpfen, wo die Sauerstoffflaschen vor dem Ertrinken schützen, hätte beim haiverwöhnten Publikum nur frühes Gähnen verursacht. So muss es schnell zur Sache gehen.

Dadurch, dass allein das offene Meer und seine nicht sichtbaren, aber immer - von unten - präsenten Gefahren die eigentlichen Hauptdarsteller dieses Psychodramas sind, wird das Drumherum, wie in eigentlich jedem Film dieses Genres, zur Bagatelle. Während andere Billigstreifen aber immer wieder grottige Alibistories bemühen, bevor es zur Begegnung mit dem Ding aus der Tiefe kommt, macht Chris Kentis kein Geheimnis aus seiner puristischen Maxime, die sich letztlich wirkungsvoll und kurzweilig aufs Wesentliche konzentriert. Seine beiden unbekannten Hauptdarsteller wirft "Open Water" nach notdürftigster Einführung sofort ins nasse Element und lässt durch die "Dogma"-Ästhetik alles nach Tauchdokumentation aussehen. Eine wenn man so will emotionale Bindung zu den Figuren entsteht dabei höchstens durch das identifikatorische Moment der Angst. Das ist kalkulierbar, aber auch ein Vierteljahrhundert nach dem "Weißen Hai" noch zugkräftig. Insofern ist der Plot auch ohnehin geschenkt, weil "Open Water" eine von Spielberg dramatisierte Urangst gleichzeitig abschwächen und doch unmittelbarer wirken lassen will, als durch formale Mittel die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufgehoben wird.

Geschehen und Handlung ist also die (Todes)Angst im Zuge eines "realistischen" Haibildes. Denn anders als Spielbergs Monster greifen die absolut wirklichkeitsgetreuen Räuber nicht sofort blind an, auch reißerische Musik bleibt weitgehend aus; soviel darf verraten sein. Das Konzept geht weitgehend auf, gerade wegen oder trotzdem "Open Water" einen narrativen Bogen durch nur ein singuläres Angstmuster und eine Situation ersetzt, die fast statisch bleibt. Wohl nimmt die Verzweifelung der beiden im Ozean Verlorenen langsam zu, gewinnt an Hysterie und berechenbaren psychologischen Reaktionen (der gegenseitigen Schuldzuweisung). Das alles dürfte aber, wie erwaehnt, kaum als Plot durchgehen - und die dokumentarische Suggestion noch einmal steigern. Manch einer könnte "Open Water", da er sich allein auf die Ausbuchstabierung einer kulturell verankerten Urangst verlässt, letztlich als schlechten Scherz empfinden. Überwiegend dürfte der Film aber ganz wie beabsichtigt wirken: als Haiklischee in pseudodokumentarischer Mogelpackung und "subtil" insofern, als "Open Water" das beste Beispiel dafür abgibt, dass effektivstes und packendes Grauen unsichtbar und in die Phantasie des Zuschauers verlagert ist.

Puristischer Haischocker, wirkungsvoll durch pseudorealistischen Zuschnitt


Flemming Schock