Maria voll der Gnade
(Maria, llena eres de gracia)

USA/Kolumbien, 101min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joshua Marston
B:Joshua Marston
D:Catalina Sandino Moreno,
Yenny Paola Vega,
John Álex Toro,
Guilied Lopez
L:IMDb
„Your heart feels so big. Like it won´t fit in your chest.”
Inhalt
Maria (Catalina Sandino Moreno) ist 17, lebt in Kolumbien und hat ihren Job in einem Blumenvertrieb wegen einer Schikane durch den Vorgesetzten hingeworfen. Auch schwanger ist sie, liebt aber ihren Freund, einen Versager, nicht. Ihre Familie muss sie finanziell unterstützten, doch die Lage scheint hoffnungslos. Als ihr Franklin (John Álex Toro) das Angebot macht, als "Esel" in ihrem Magen Drogen in die USA zu schmuggeln, lehnt die Verzweifelte nicht ab.
Kurzkommentar
In seinem kolumbianisch-amerikanischen Debüt entwirft Joshua Marston ein absorbierendes Drama über die soziale Realität Lateinamerikas zwischen Ausweglosigkeit und illusionsloser Hoffnung. In der Hauptrolle des sich simplen Moralisierungen verweigernden, nüchternen Filmes glänzt die junge Kolumbianerin Catalina Sandino Moreno. „Maria Full of Grace“ ist ein aufwühlendes Dokument einer elenden Wirklichkeit, in der sich verzweifelte Menschen als Container für den Drogenhandel missbrauchen lassen. „Based on 1.000 true stories“.
Kritik
Die erfreuliche Reihe der außergewöhnlichen Debüts setzt sich fort, erneut als Independent-Erfolg. Wie groß müssen Verzweifelung und gleichzeitige Hoffnung auf ein besseres Leben sein, damit sich ein Mensch unter der Inkaufnahme von Lebensgefahr als Transportbehältnis für in Kondome verpacktes Kokain missbrauchen lässt? Joshua Marston gibt eine realistische Antwort in „Maria Full of Grace“, einem erschütternden wie spannenden Drama über die soziale Wirklichkeit in Kolumbien und die zahllosen anonymen, unseligen Schicksale, die als Drogenkuriere auf dem Weg in die USA ihr Leben auf Spiel setzen und wegen im Verdauungstrakt geplatzter Kokainbeutel nicht selten verlieren. Angesichts dieser pervertierten Wirklichkeit wäre es ein Einfaches gewesen, das Geschick eines Einzelnen in einen großen Moralismus einzuflechten und den Zeigefinger vor allem auf einen Drogenboss als Projektionsfläche für Antipathie des Publikums zu richten. Das wäre dann leicht als formelhaftes, abgeschmacktes Melodram geendet.

Aber Joshua Marstons Film ist viel zu fein und zurückhaltend, um sich in nahe liegenden Moralisierungen zu ergehen und aus den Vollen der Klischeekiste des Drogenfilms zu schöpfen. Hier hat der Drogensumpf kein Gesicht, es wird nicht geschossen und der unbekannte Antagonist wird am Ende eben nicht zur Strecke gebracht. Alles bleibt, wie es ist – die Drogenrealität eine Hydra mit tausend Köpfen, ein unbestreitbarer Teil der lateinamerikanischen Wirklichkeit. Insofern ist „Maria Full of Grace“ ein Film mit pseudodokumentarischen Qualitäten, besetzt z.T. mit Laiendarstellern, die Kamera immer auf Augenhöhe der Protagonisten. Die erhebliche Glaubwürdigkeit von Marstons Film ruht vor allem auf den Schultern der 23-jährigen Kolumbianerin Catalina Sandino Moreno. In der Figur der intelligenten und willensstarken Maria gibt sie ein bewegendes Schauspieldebüt, das auf der Berlinale mit einer Nominierung zur besten Schauspielerin belohnt wurde. Durchgesetzt hat sich dann Charlize Theron mit „Monster“, aber Moreno ist die eigentliche Gewinnerin.

In Maria konzentriert Marston auf eindringliche Weise die Ausweglosigkeit einer jungen Frau in der sozialen und kulturellen Gegenwart der „dritten Welt“ Amerikas. Die ständige Gewissheit der eigenen Ausbeutung lässt Maria die unspektakuläre Kontaktaufnahme mit dem Drogenhandel als Chance begreifen, der vermeintlich kurze Ausflug in die Kriminalität als Mittel zum Zweck der Hoffnung, der Zukunftslosigkeit finanziell wenigstens für Augenblicke zu entrinnen. Das Handlungsmuster arbeitet Joshua Marston sehr puristisch und ohne Umschweife ab: Schon bald hat Maria die Schale mit den dem in Kondome portionierten Kokain vor sich, bei ihr sitzt ein eher altväterlich wirkender Drogenhändler, ein kleiner Fisch. Ziemlich aufwühlend macht schon diese Szene, in der Maria die Beutelchen herunterwürgt und zum bloßen Container wird, die Unglaublichkeit des Geschehens deutlich. Das steigert sich mit der Konsequenz der Geschichte bis zur Ankunft am Bestimmungsort in New York. Die Szenen stiller Verzweifelung im Flugzeug entwirft „Maria Full of Grace“ unter Verzicht auf jede Theatralik und gerade deswegen in schockierender Intensität.

Auch die Szenen vor der amerikanischen Kulisse, dem „gelobten Land“, leben von einer erstaunlich glaubwürdigen Interaktion der Figuren. Maria verhält sich so, wie es eine 17-Jährige mit Mut und Verstand tun würde. Lobenswert und lebensnah ebenso die anderen Protagonisten. In einem berührenden Moment wird deutlich, was es heißt, aus Amerika einen Teil des ersten Gehaltsschecks nach Kolumbien zu überweisen, um die zurückgebliebene Familie durchzubringen. Gerade Orlando Tobon als Don Fernando ist für den „originalen“, Wirklichkeit und Fiktion verknüpfenden Ton des Dramas bemerkenswert: Tatsächlich setzt sich Orlando Tobon in New York für die Belange in Not geratener kolumbianischer Immigranten ein. Dass er den Film auch noch mitproduzierte, kam ihm deutlich zugute. Am Ende kommt „Maria Full of Grace“ zwar kaum darum herum, trotz aller Unaufgeregtheit ein Protest gegen eine besonders abscheuliche Form der Ausbeutung zu sein, aber er verweigert sich klug illusorisch simpler Antworten. So wirkt das Schlussbild weit über das Ende des Films hinaus.

Fesselndes Drama über die Vernichtung von Menschlichkeit.


Flemming Schock