Alexander

USA, 173min
R:Oliver Stone
B:Oliver Stone, Christopher Kyle, Laeta Kalogridis
D:Colin Farrell,
Angelina Jolie,
Val Kilmer,
Anthony Hopkins
L:IMDb
„Könige werden nicht geboren, sie werden gemacht.”
Inhalt
Für viele Menschen hatte er viele Gesichter. Er war ein verwegener König, voller Ehrgeiz, Mut und jugendlicher Arroganz, der seine zahlenmäßig weit unterlegenen Truppen gegen die riesigen Armeen Persiens führte. Er war ein Sohn, der sich verzweifelt nach Anerkennung durch seinen strengen, von zahllosen Schlachten gezeichneten Vater sehnte und durch das Vermächtnis seiner Mutter belastet und im Innersten zerrissen wurde. Er war ein unerbittlicher Eroberer, der nie eine Schlacht verlor und seine Soldaten an den Rand der bis dahin bekannten Welt trieb. Er war ein Visionär, dessen Träume, Taten und Schicksal in der Ewigkeit nachhallen, der damit die Welt, so wie sie uns heute vertraut ist, mitformte. Das alles war er ... und vieles mehr. Er war Alexander der Große.
Kurzkommentar
Was immer monumental ist, Oliver Stones angebliches Herzensprojekt über den größten Schlachtenlenker der Weltgeschichte hat es nicht. „Alexander“ bleibt trotz einer respektablen Leistung Colin Farrells ohne Brennpunkt und entwirft über drei Stunden die bedauernswerte Geschichte des Scheiterns eines Riesenprojektes. Weder findet Stone zur visuellen Energie früherer Filme noch zu einem auch nur ansatzweise erzählerisch reichen Bild „der Antike“. „Alexander“ ist hier blondiert, kein Mythos. Er kämpft dramaturgisch kraftlos gegen sich selbst, darüber hinaus noch gegen den Kitsch eines üblen Soundtracks.
Kritik
Was ist historische Größe? Eine eindeutige Antwort wäre Oliver Stone wirklich zu gönnen gewesen, aber bei allem Wohlwollen, es langt einfach nicht. Dass „Alexander“ in dieser Dimension gefloppt ist, hat zu allererst wenigstens auch auf der anderen Seite des Teichs filmexterne bis politische Gründe. „Stone-Bashing“, so könnte man das traditionelle Schlachtfest der amerikanischen Kinokritik nennen, das immer dann gefeiert wird, so bald einer der mittlerweile selten gewordenen Streifen des als grollend als „links“ stigmatisierten Regieexzentrikers anläuft. Stone strich bisher insgesamt drei Oscars ein, aber eigentlich passt der Querdenker und Halbfranzose nicht in die glatte Mainstreammaschinerie Hollywoods, die die immer gleichen Erzählmechanismen bedient. Stones Bilder können voll anarchischer, ja geheimnisvoller Energie sein, so wie in „Natural Born Killers“; für die Ausdeutung einer Figur, bei der es hoffnungslos wäre, die historische von der mythischen Seite trennen zu wollen, im Grunde die besten Voraussetzungen.

Vor dem Filmstart sickerte dann auch durch, dass Stones „Alexander“ alles anders machen wolle. Der mit „Gladiator“ wiederbelebte Historienschinken – insofern überhaupt von einer Wiederbelebung außerhalb der Computerfarmen die Rede sein kann – ergeht sich, beeinflusst von den maßlosen Szenen eines „Herrn der Ringe“, in Kriegslärm und jeder Menge archaischer Motive. Mit Petersens „Troja“ ist der homersche Mythos dann im Digitalen erstickt. Um Mottenkisten- und bloße Kostümstimmung zu vermeiden, wollte Stone einen Zugang über die Psychologie der Hauptfigur wagen. Löblich, aber im Ergebnis ziemlich daneben, weil es „Alexander“ über seine opulente Lauflänge nicht plausibel schafft, die innere Handlung und Konflikte seiner Figuren mit einer dramaturgisch geschickten äußeren Handlung zu verknüpfen. Sein Alexander wirkt getrieben, zerrissen, es ist aber nicht nur die blondierte Mantamatte von Colin Farrell, die von Beginn an befremdlich nervt.

„Alexander“ bringt uns leider nur einen gezähmten, rat- und einfach nur energielosen Stone. Schlimmer: In seinen schwächsten Momenten sieht die angeblich so mythische Welt aus wie ein pseudohistorisierender, billig ausstaffierter RTL-Zweiteiler. Als hätte Stone die Antike nicht verstanden. Und paradox: Obwohl weniger mit amerikanischen Geldern finanziert, nutzt der Regisseur die Chance zur manischen Besessenheit, zum Auftischen von Abgründen und Bildern jenseits des Gewohnten nicht. So ist das Heroentamtam voller fast schon skurriler Zugeständnisse an Hollywoodschemata, die man von jedem x-beliebigen Regisseur, aber eben nicht vom Kaliber Stone erwartet hätte. Mehrere kapitale Fehler machen aus dem Projekt, das dem Filmemacher jetzt eigentlich eine triumphale Rückkehr bescheren sollte, einen Alexander ohne Größe, wenn auch das Monumentale von Beginn an bemüht wird, ja bemüht werden muss.

Aber schon vor allen dramaturgischen Fesseln steht die Musik. Der Grieche Vangelis legte für Ridley Scotts „Blade Runner“ seine größte Arbeit vor; traf damals in 80ern die perfekte Synthietonlage für den Cyberpunk. Scott dreht dann „Gladiator“ und Deutschlands erfolgreichste Hollywoodexport, Hans Zimmer, fand hier den ätherischen, Rom lebendig machenden Soundtrack. Das ist wesentlich wie schwierig und wollte kopiert werden. Es ging dann mit dem lächerlich aufdringlichen Heldengeschepper von „Troja“ daneben und leider auch in „Alexander“. Was den ehemaligen Klanggott Vangelis hier geritten – oder gelangweilt – hat, fragt sich der Hörer ungläubig schon zu Beginn. Das dramaturgisch schon arg platte Zusammensein des jungen Alexanders mit seiner verschlagenen Mutter Olympias ertränkt der Komponist in einer spektakulär leimartigen Klangbrühe, die, egal was „Alexander“ noch bringen mag, nichts anderes als kaum erträglich dekorierten Kitsch zulässt.

Leider beweist dieser phantasie- und lieblos heruntergeleierte Soundtrack Hartnäckigkeit und setzt den wenigen Schlachtenszenen des Streifens ziemlich übel zu, raubt dem ohnehin nur achselzuckend zur Kenntnis genommenen, nicht klug geschnittenen Getümmel jede Spannung. Das zweite Hauptproblem ist die Labertasche Ptolemaios, Jugendfreund von Alexander. In Ptolemaios’ greiser Version lässt Oliver Stone Anthony Hopkins in unfreiwillig komischem Outfit durch die Bibliotheksräume eines Alexandrias krauchen, das so oder so ähnlich auch im Warenkatalog von IKEA zu finden wäre. In dieser billig geschminkten Kulisse serviert Ptolemaios seinen einlullenden Sermon über Alexander, faselt was Notwendig- und von Gottähnlichkeit, Einmaligkeit und so fort. Dieses einrahmende Geschwafel dehnt sich leider bis ins Off aus. Über das Ordinäre hinausgehende Ansätze zum Figurenverständnis sucht man vergebens. Ausgerechnet von Stone so viel Altbackenes und Holpriges bei der Erzähltechnik vorgesetzt zu bekommen, wundert doch sehr.

So ackert Stone, nachdem anfänglich deutlich wird, dass die ganze Story in einer großen Rückblende augezogen ist, alles brav chronologisch ab. Zu Beginn also erwartungsgemäß der kaum bewegend inszenierte Machtkampf zwischen Vater Philip und einer fehlbesetzten Angelina Jolie als Mutter Olympias. Interessant allein die Zwiespältigkeit Philips, der unter Ehrdruck und Kriegserfahrung verbittert und irgendwo zwischen Furcht um Machtverlust und Liebe zu seinem Sohn hängen geblieben ist. Bald weiß der zukünftige Welteneroberer von Kindesbeinen an nicht, wer ihm eigentlich was genau will und wo ihm der Kopf steht. Das geht so weiter auf den Kriegszügen nach Osten, immer weiter. Dem Zuschauer geht es leider bald genau so, weil Stone bei der ganzen ungeheuren geographischen Ausdehnung simple, aber taugliche dramaturgische Muster in der Weite der Reisen völlig entgleiten. Es wird zäh und zäher, weder von außen noch innen kommt das Geschehen plausibel voran. Und Ptolemaios zerredet munter alles weiter. Die beschworene Ausdeutung Alexanders erschöpft sich in einer wenig mythischen, aber wohl menschlichen Psychologie.

Es geht um eine selbst den Tod besiegende Ruhmgeilheit und die Mutter ist ja auch noch da. Wieso der Alex aber immer weiter, bis an die äußersten Grenzen der bekannten Welt drängen muss, in manischer Unbedingtheit, das bleibt sein Geheimnis. Mitfiebern können wir jedenfalls nicht. Vielleicht ist die Wahrheit aber auch zu banal. Colin Farrell bleibt merkwürdig blass, was jedoch nicht an mangelndem mimischen Einsatz liegt. Hin und wieder darf geweint werden, selbst um die gefallen namenlosen Soldaten. Das wirkt sogar glaubwürdig. Insgesamt will man Farrell die Rolle des von seiner geschichtlichen Großmission Überzeugten aber schlichtweg nicht abnehmen, er gibt mehr den sich selbst flüchtenden Weichling, geile Blicke mit seinen Jünglingen austauschend. Hätte Stone mal wenigstens durch Deutliches in der vieldiskutierten Homoerotik „schockiert“. Doch „Alexander“ ist bloß gut geföhnt und gut zerrissen. „Führungsqualitäten“ kommen nur in den unvermeidlichen, stereotypen Schlachtansprachen auf, sonst wird Muttern nachgehangen.

Farrell ist ebenso wie Jolie eine Fehlbesetzung, aber beiden ist es nicht anzukreiden. Ohnehin war es schwer, für den mit nur 33 Jahren verschiedenen Großhelden eine Idealbesetzung zu bekommen. Richtig verhunzt, weil unbeholfen eingekleistert ist gegen Ende eine die Ermordung des Vaters aufgreifende Rückblende. Ob das alles nun historisch ist oder nicht, spielt am Ende keine Rolle, wenn die „künstlerische Freiheit“ über drei Stunden bloß bei der Stange gehalten hätte. Angeblich soll Dichtung ja auch mehr über die Wirklichkeit aussagen als diese über sich selbst. Zudem setzt Stone nur in einer Szene, als Alexander verwundet wird, etwas von seiner berüchtigten visuellen Energie frei. Der Rest ist protzig, aber nicht vernünftig dreckige Ausstattung ohne packenden Inhalt. Nur wenige Schlachtenlenker der Weltgeschichte bekamen das antike „Der Große“-Attribut verpasst. Hier vermittelt sich eher Alexander der Vage, der Schläfrige, der Gegrämte. Später kam dann noch Friedrich II. von Preußen, „der Große“. Hat auch viele Menschen ermordet und war ebenso von Ruhmsucht getrieben – und mit dem Vater rang er auch. Demnächst also vielleicht das. „Alexander“ stammt ja schon von einem deutschen Produzenten.

Langweilig gebügelter Mainstream-„Alexander“


Flemming Schock