Garden State

USA, 109min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Zach Braff
B:Zach Braff
D:Zach Braff,
Natalie Portman,
Peter Sarsgaard,
Alex Burns
L:IMDb
„So this is it. That´s life.”
Inhalt
Andrew Largemans (Zach Braff) Leben ist paralysiert. Die erträumte Schauspielkarriere in Los Angeles liegt brach. Mehr noch: Andrew steht seit Jugendtagen unter Antidepressivaeinfluss, verschrieben von seinem Vater (Ian Holm). Als seine Mutter stirbt, will Andrew seinem Heimatort eigentlich nur einen kurzen Besuch abstatten. Das Wiedersehen mit seinem alten Highschool-Freund Mark (Peter Sarsgaard) und die Begegnung mit Sam (Natalie Portman) bewegen Andrew jedoch auf unerwartete Weise.
Kurzkommentar
Ohne großes Aufheben gelingt Zach Braff in seinem Independent-Hit „Garden State“ das musikalisch gut abgestimmte Portrait einer verlorenen Generation im Dauerkoma. Das Selbstfindungsdrama in amerikanischer Provinz überzeugt durch gut gesetzte Dialoge und stimmungssensible Momente, aber der Blick auf die Figuren bleibt durchweg an der Oberfläche.
Kritik
Vielleicht sollten ab jetzt all jene, die Regisseure werden möchten, es dann bei einem Film belassen, ihrem Debüt. Davon, dass spätere Werke „reifer“ sind, merkt man derzeit wenig, im Gegenteil. Die Entwicklung ist fast gespenstisch gut, gerade angesichts dessen, dass sie aus dem sonst verflachenden Hollywood kommt: Das aktuelle Kinojahr, so darf man schon resümieren, brachte in den USA wenige Volltreffer zustande, aber so einige bemerkenswert ausgefallene Erstlingswerke, zuweilen ernst und nachdenklich. „Haus aus Sand und Nebel“ startet in Deutschland zwar erst 2005, so auch „Garden State“ von dem erst 29-jährigen Zach Braff. Viel hätte bei der angestrebten totalen Kontrolle mal wieder schief gehen können – denn Braff führt nicht nur Regie und verfasste das Drehbuch, er ist gleichzeitig auch sein Hauptdarsteller. Aber Braff wurde in den USA mit seinem Film nicht nur auf dem Sundance-Festival, dem Oscarevent fürs Programmkino, ziemlich gefeiert. Zu Recht oder werden halbwegs eigenständige Entwürfe nur umso frenetischer wahrgenommen?

„Garden State“ ist kein origineller Film, aber – und das ist seine große Stärke – ein schwer sympathischer, ein melodiöser, der in seiner Gesamtheit genau jenen Ton trifft, den er treffen möchte: den einer mal wieder verlorenen Generation. Dabei ist er sogar nostalgisch und angenehm ziellos. Das Motiv ist zwar genauso recyclebar wie das des zurückkehrenden Sohnes, der in dem in der Hoffnung auf ein größeres Leben zurückgelassenen Provinznest den alten, bekifften Stillstand samt seiner unglaublich verschrobenen Figuren vorfindet und vom Familiensegen das retten muss, was noch zu retten ist. Dass „Garden State“ aber anders ist, macht schon der Anfang von Braffs melancholisch-schönen Drama eines irgendwie beiläufigen Erweckungsprozesses deutlich. Andrew Largeman liegt in einem merkwürdig krankenhaussterilen Raum und kann auf die auf Tonband gesprochene Nachricht seines Vaters über den Tod der Mutter nur apathisch blicken und die Augen schließen.

Ein sehr subtiler und für die erfolgreiche emotionale Wirkung des Streifens wesentlicher Zug ist, dass er das anfängliche Zombiegemüt der von Antidepressiva bedröhnten Hauptfigur und deren allmähliche Bewusstwerdung mit einem perfekt balancierten Soundtrack in Szene setzt. Am Ende ist sogar weniger wichtig, was in „Garden State“ eigentlich genau passiert. Über Stimmungen, Liebe und alte Freundschaft wächst zusammen, was zusammen gehört. Das ist geradlinig, frei von Überraschungen, aber immer unaufdringlich lyrisch, fast beiläufig schön. Zach Braff will Stimmungen der Perspektivlosigkeit und dann der immer wieder aufflammender kleiner Hoffnungen, der Besinnung auf das gefühlsmäßig „Wahrhaftige“ in der „Heimat“ abbilden. Wieder, wie so oft, geht es um die Sehnsucht nach einem Zuhause. Emotional als auch lokal. Aber die Figuren wirken in diesem von dem stets richtigen Song untermalten Heimweh- und Zustandsklima seltsam profillos.

Deswegen ist „Garden State“ unter der wirkungsvollen Oberfläche einer emotionalen Momentaufnahme der Mittzwanziger auch weniger als er hätte sein können. Mit Andrew steht Braff eigentlich im Zentrum und mit ihm nehmen wir ungläubig wahr, wie die Ureinwohner seines Heimatnestes in fast beneidenswerter Gleichgültigkeit das Leben verrauchen lassen, in Ritterrüstungen Müsli essen und sich insgesamt genug dabei sind. Keine Rebellion der Jugend, nichts. Braffs Film lebt hier weniger vom großen Bogen als von seinen liebevoll-absonderlichen Details. So findet sich bei der jungen Sam ein nicht unbeträchtlicher, ordentlich eingezäunter Haustierfriedhof im Garten, und das nur deswegen, weil mit dem Kleinvieh zu Lebzeiten nicht „bedienungsgemäß“ umgegangen wird. Aber überhaupt Sam: Die junge Natalie Portman bewies in letzter Zeit kein gutes Händchen bei der Rollenauswahl, stiehlt hier aber natürlich allen die Show. Braff installiert sie als die zwar chronisch lügende, aber sonst begehrenswerte Unschuldsschönheit vom Lande, voll Liebe, eben als jene Schablone Frau also, die nur in Filmen verfügbar ist und das Leben des Betäubten innerhalb von Augenblicken zum erfüllten Sein umkrempelt.

Die nur an ihr Äußeres gestellten Anforderungen erfüllt Portman erschöpfend. Über die Figur der Sam erfahren wir jenseits positiver Attribute aber eigentlich nichts. Sie ist, genau wie Peter Sarsgaard als Mark, Andrews ehemalig bester, weiterhin dauerkiffender und als Totengräber tätiger Freund, nur irgendwer, der eigentlich nicht das hat, was als erstrebenswertes Leben zu klassifizieren wäre, aber in Andrew Gewissheit des Zuhauseseins in seiner Einfachheit weckt. Man ist zusammen, es reicht der Moment, man trinkt, feiert, klettert an surreale Orte – und klärt das Verhältnis zum Vater. Der Großwurf ist das am Ende nicht, aber „Garden State“ berührt, weil in seinen Abziehfiguren eine nachvollziehbare emotionale Tatsächlichkeit gespeichert ist, die man in Filmen derzeit nur selten präsentiert bekommt. Zusammen mit dem exzellenten, dem Erweckungsdrama erst den entscheidenden Funken gebenden Soundtrack ist Braffs Debüt samt klug gesetzter Dialoge sehr bewegendes, humorvolles, mildes Kino geworden.

Sympathischer Heimatfilm der anderen Sorte


Flemming Schock