Kaisers neue Kleider, Des
(I vestiti nuovi dell'imperatore)

Italien, 105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alan Taylor
B:Simon Leys,Kevin Molony, Alan Taylor, Herbie Wave
D:Ian Holm,
Iben Hjejle,
Tim McInnerny,
Tom Watson
L:IMDb
„You're my Napoleon”
Inhalt
Das Jahr 1821. Nach sechsjähriger Isolation in Gefangenschaft gelingt Napoleon (Ian Holm) mittels eines Tricks die Flucht von St. Helena: Gefolgsmänner schaffen einen Doppelgänger herbei, der an Stelle des machtlosen, aber noch immer nicht machtgesättigten Ex-Kaisers auf der Insel zurückbleibt. Die Engländer sind getäuscht und Napoleon nach einigen Umwegen alsbald wieder im Zentrum seines ehemaligen Imperiums, in Paris. Dort will er erneut die Macht an sich reißen, aber eine Melonenverkaeuferin (Iben Hjejle) und andere Faktoren können Weltgeschichte verändern.
Kurzkommentar
Dass die Phantasie des Kinos die der Geschichtsschreiber in Frage stellt, ist nicht neu. Was aber Alan Taylor nach einer Buchvorlage aus dem Schicksal des geschlagenen Napoleons macht, ist witzig und erfrischend anders. Wenn der erste Kinofilm des Regisseurs durch Sentimentalitäten auch ein wenig lahmt, so begeistert der Gesamteindruck doch vor allem durch Stimmung, ironische Momente und Besetzung, allen voran Ian Holm.
Kritik
Mit der "Völkerschlacht" von Leipzig zerbrach die kontinentale Hegemonie des kleinen Cäsars, war Napoleon besiegt. Bis zu diesem Zeitpunkt, bis 1813 hatte sich der Machtbereich des Bändigers und Vollenders der Revolution stetig ausgedehnt. Nun wurde der Kaiser der Franzosen ins Inselexil auf St. Helena abgeschoben, er kehrte zurück, wurde im Oktober 1815 in Waterloo von Blücher und Wellington auf dem Schlachtfeld jedoch endgültig abserviert und 1821, als er starb, war die alte europäische Ordnung längst schon wieder rehabilitiert. Soweit die Geschichte.

Zuweilen berührt sie auch die Phantasie der breiten Masse, und dazu eignet sich eine charismatische Monumentalfigur wie Napoleon natürlich besonders gut. Dabei ist es gar nicht so einfach, dem Zeitgeschmack Entsprechendes zu bieten. Und wie bemächtigt sich der Film des Kaisers heute am klügsten, wenn das Ende seiner Erfolgsstory keinen Film mehr Wert ist? Ganz einfach, es war ja alles ganz anders. Man glaubt dem Ausgang der offiziellen Geschichte also nicht und lässt Napoleon ein zweites Mal aus dem Exil wiederauferstehen. Die gleichermaßen phantasie- wie reizvolle Annahme des Romans "The Death of Napoleon" von Simon Leys diente dem bisher nur in TV-Produktionen tätigen Alan Taylor als Vorlage und nicht, wie die Titelentlehnung nahelegen mag, das Märchen von Hans-Christian Anderson. Das Wichtigste jedoch, Napoleon, war schnell gefunden.

Niemand außer Ian Holm ("Alien", "Joe Gould´s Geheimnis") wird ernsthaft in Frage gekommen sein, ist die Auswahl doch schon wegen des legendären Widerspruchs von des Kaisers Körper- und seiner historischen Größe ziemlich limitiert. Der 1931 geborene und mittlerweile zum Ritter geschlagene Sir Holm ist einer der großen Darsteller im Stillen, als Hobbit Bilbo im derzeitigen Welterfolg "Der Herr der Ringe" populär wie nie zuvor und rollenbedingt allein im Computer körperlich noch weiter geschrumpft. Zudem steckt er in den Kleidern des Kaisers nicht das erste Mal: bereits für Terry Gilliams "Time Bandits" (1984) trugt er das Kostüm des Meisterstrategen, womit der Rollenanspruch allerdings schon erledigt war.

Taylors unbekümmerte Maskerade verlangt nun mehr, Holm ist gleich in einer Doppelrolle zu genießen: als Bettler, im dekadenten Inselexil Gefallen an der Kaiserrolle findend, und eben als "echter" Napoleon, der, da ihn die Geschichte ja für tot erklärt hat, schlussendlich Bodenständigeres zu lieben lernt. Da das Ganze natürlich als Scherz und Komödie und nicht als Geschichtsstunde funktionieren soll, spielt sonderliche Glaubwürdigkeit in der Darstellung keine Rolle. Holm hätte aber auch in jedem bierernsten Historienschinken den Unterjocher Europas spielen können, er ist in der kleinen großen Hauptrolle einfach zu köstlich. Das Erste und Wichtigste auf der Habenseite von Taylors erstem Kinofilm. Dieser schwankt zwar zuweilen nicht so ganz ausgewogen zwischen Komödie und dramatischen Einlagen, doch egal, ob Kasper, Karikatur oder Herrschernatur, Holm trägt alle Szenen.

Eine der bizarrsten und gelungensten ist dann der unfreiwillige Wiederankunft in Waterloo, wo die Kutsche nach Paris schmählicherweise einen Zwischenstopp einlegt. Dort blüht mittlerweile der morbide Schlachtfeldtourismus. Fast resiginiert der Desorientierte beim veränderten Anblick des Orts der letzten Schlacht ("They changed my battlefield"), woraufhin ihm, den niemand erkennt, verständnisvoll der Tourguide angeboten wird. So komisch geht es leider nicht ständig zu. Beim Fortgang des Geschehens sowie bei der Überblendung zur Parallelhandlung im Exil gehen Pointierungen verloren, werden Möglichkeiten der großartigen Geschichte beschnitten. Taylor hätte hier ruhig mutiger und vielleicht mehr auf "intelligente Klamotte" setzen können, um das Bestmögliche an Witz herauszuholen.

Aber auch so, selbst wenn die Abschnitte, in denen der anonyme Napoleon die Vorzüge bürgerlicher Liebe entdeckt, ein wenig farblos bleiben, fasziniert dieser kleine Film doch. Die Austattung ist mit den Kostümen liebevoll, die Musik von Rachel Portman ("Chocolat") angenehm angemessen, der ironische Abgang des falschen Napoleons wirklich brilliant und auch die Besetzung der weiblichen Hauptrolle klug gewählt. Holm lässt ihr nicht viel Raum, aber die Dänin Iben Hjeijle, nach "Dogma 3 - Mifune" mit "High Fidelity" für Hollywood entdeckt, macht ihre hier eigentlich recht blasse Rolle zu einem echten Ereignis, auch wenn müde Sentimentalitäten den Ton angeben. Nun hätte Napoleons posthumer Seelenwandel sicherlich nur dann überzeugt, wenn die Betonung mehr auf Drama gelegen hätte. Über seiner schmunzelnden Idee bleibt "Des Kaisers neue Kleider" aber eben wohltuend locker und als ironische Alternative zur Schulgeschichte ist er unbedingt einen Besuch wert. Denn wer weiß schon, wie es wirklich gewesen ist. Schließlich lebt auch Elvis noch.

Großartig gespielte, phantasievolle Geschichtskomödie mit verschenkten Pointen


Flemming Schock