Ich kenn' keinen - Allein unter Heteros

Deutschland, 99min
R:Jochen Hick
B:Jochen Hick
D:Hartmut Alber,
Stefan Braun,
Uwe Furtwängler,
Erika Micale,
Robert Rapp
L:IMDb
„Dass er so einer is', hätt' ich nie gedacht. Er war ja eher so ein fröhlicher Typ.”
Inhalt
Schwule Lebenswelten sind etablierter Bestandteil einer städtischen Kultur. Die schillernden Paraden zum CSD demonstrieren alljährlich ein befreites Klima, in dem die Liebe zum gleichen Geschlecht ihre Anerkennung findet. Seit der ersatzlosen Streichung des § 175 hat sich vieles zum Positiven verändert: Schwule Bürgermeister regieren große Hauptstädte wie Paris und Berlin, in Hamburg wird ein schwuler Theaterbesitzer zum Präsidenten eines Fußballclubs gewählt. Politiker, Moderatoren, Köche, Schauspieler genieren sich nicht mehr ihrer Homosexualität. Die Welt ist endlich in sexuell liberaler Ordnung: Vorbei das Verheimlichen des Liebsten, vorbei der polizeilich verfolgte Sex in Parks, vorbei das Getuschel der Nachbarschaft, vorbei die 'Schwuchtel'-Schikane am Arbeitsplatz. Und allen voran die Mütter, die entzückt den schwulen Schwiegersohn im Kreise der Familie begrüßen. Wo gibt es da noch Probleme? Zum Beispiel im deutschen Schwabenland.
Kurzkommentar
Dokumentarist Jochen Hick seziert das „schwule Leben in der Provinz“ und wirft dabei einen kritischen, teilweise aber auch verständnisvollen Blick auf festgefahrene Strukturen, Stammtische und ländliche Standardargumente. Dabei ist sein Ansatz nicht ganz wasserfest und auch seine Fragen sind nicht immer von ausgleichender Sachlichkeit geprägt. Dennoch bleibt sein Film, vor allem aufgrund seiner Protagonisten, ziemlich unterhaltsam und sympathisch, nicht zuletzt deswegen, weil er auf sensible Weise einem Stück deutscher Wirklichkeit auf den Grund kommen möchte.
Kritik
Schwules Leben in der Provinz will Regisseur Jochen Hick in seinem Dokumentarfilm zeigen und wählt exemplarisch vier Protagonisten aus dem Schwabenland: Hartmut, der sich vor seinem Stammtisch erst im Alter von 51 als homosexuell zu erkennen gab, Uwe, der mit bewundernswerter Naivität und Lebensfreude das Szene-Leben in Berlin aufsucht, sonst aber bei seiner Mutter wohnt, Stefan, ein beleibter Forstwirt, dessen „Coming Out“ dazu geführt hat, dass zwei seiner Kollegen zukünftig nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollen und Richard, mittlerweile über 70 Jahre alt, der sich durch das schwulenfeindliche Dritte Reich geschmuggelt hat, indem er, nach eigenen Angaben, „einfach geschwiegen“ hat.

Indem Regisseur Hick kurz engste Verwandte, Wohnung und Lebensalltag seiner vier Hauptpersonen vorstellt, schließt der Zuschauer sie unmittelbar ins Herz – was vermutlich auch noch dadurch verstärkt wird, dass ihr gezieltes Porträt als Außenseiter per se zu großen Sympathien führt. Wir hören daraufhin allen bei ihren Erzählungen zu, wann sie ihre Homosexualität zum ersten Mal bemerkt haben, wie sie sich fühlten und mit welchen Problemen sie sich unmittelbar konfrontiert sahen. Natürlich ist Regisseur Hick dabei automatisch auf ihrer Seite und kann sich trotz bemühter Sachlichkeit nicht davor bewahren, den Bekannten Hartmuts, Uwes, Stefans und Richards unangenehme bis unnötig polemische Fragen zu stellen. So will er, wenn auch eher unterschwellig, sowohl Personen diverser Berufsschichten (Pfarrer, Lehrer, Arzt) als auch unterschiedlichen Alters wenn nicht direkt vorurteilhaftes, so doch zumindest unwissendes und gleichgültiges Verhalten unterstellen. Viele, wie der die Einleitung bildende, ältere Stammtisch-Kollege von Hartmut, haben dabei überraschenderweise wenig Probleme, vor der Kamera ganz offen das zu sagen, was sie denken, obwohl jedem das Bemühen um Political Correctness anzumerken ist. Manchen Gesprächspartnern kann man in ihrer Naivität und Drolligkeit sogar gar nicht richtig böse sein, würden sie Hartmut doch liebend gerne ihre Hilfe bei seinem „Problem“ anbieten, allein sie wissen nicht, wie das anstellen sollen.

Hicks Ansatz, den Leuten der Provinz eben solches, provinzielles Verhalten zu unterstellen, wird von ihm nicht wirklich böswillig ausgeschlachtet, hat aber dennoch etwas hochproblematisches. Die These, dass man es auf dem Land als Außenseiter besonder schwer hat, könnte man als gegeben hinnehmen. Dass man hingegen als männlicher Homosexueller überhaupt zur Gruppe dieser Außenseiter zu zählen ist, das setzt er als selbstverständlich voraus. Indem er – immerhin auch mit der Macht der Kamera – seine Interviewpartner mit diesem Grundurteil und offensiven Fragen wie „Was glauben sie denn, wie Schwule Sex machen?“ konfrontiert, provoziert er bei manchem eine unmittelbare Defensivhaltung, vermutlich sogar Abschottung vor jedwedem rein sachlichen, unemotionalen Gespräch. Insbesondere weniger argumentationsfeste und medienerprobte Menschen fühlen sich auf diese Weise schnell angegriffen und äußern sich vorschnell und unüberlegt. Hinzu kommt, dass er schon durch die Auswahl seiner Protagonisten (und eben ihrem ländlichen Umfeld) jeden Schwulen in einem wohl ebenso verwerflichen Pauschalurteil über ländliche Stammtische bestätigen könnte.

Dennoch wäre es ungerecht, Hick Sensationsgier o.ä. zu unterstellen. Sein Bemühen, eine simple Bestandsaufnahme deutscher Befindlichkeit in Sachen Homosexualität durchzuführen, ist der Dokumentation durchaus anzumerken und die Ehrlichkeit, die aus seiner respektvollen Stimme und den klaren, wenig filmischen Bildern spricht, macht seine Arbeit sympathisch. Und dass jeder seiner vier Protagonisten ein extremer Charakter zu sein scheint, geht nicht nur aufgrund des Dokumentarrealismus in Ordnung. Denn am Ende sorgt man sich als Zuschauer eigentlich nur darum, dass alle ein glückliches Leben führen werden – vor allem dann, wenn der große Rückhalt vieler, die eigene Mutter, einmal nicht mehr da ist.

Unterhaltsame Dokumentation zwischen Ver- und Vorurteilung


Thomas Schlömer