In 80 Tagen um die Welt
(Around the World in 80 Days)

USA, 120min
R:Frank Coraci
B:David N. Titcher
D:Jackie Chan,
Steve Coogan,
Robert Fyfe,
Jim Broadbent,
Ian McNeice
L:IMDb
„We will make history! Or die trying.”
Inhalt
Phileas Fogg (Steven Coogan), ein exzentrischer Londoner Erfinder, hat die Geheimnisse des Fliegens entschlüsselt, doch die Fachwelt hält ihn lediglich für einen verschrobenen Verrückten. In seinem verzweifelten Versuch, Anerkennung zu gewinnen, geht Fogg eine verrückte Wette mit Lord Kelvin (Jim Broadbent), dem Leiter der Königlichen Akademie der Wissenschaften, ein: Er will die Welt in nur 80 Tagen umrunden! Zusammen mit seinem Diener Passepartout (Jackie Chan) und der französischen Künstlerin Monique (Cécile de France) begibt sich Fogg auf eine Weltreise, die die Helden zu Land, zu Wasser und in der Luft zu exotischsten Orten führt.
Kurzkommentar
Man addiere einen „Waterboy“-Regisseur und eine schon oft strapazierte Klassikervorlage. Das Ergebnis ist teures wie billiges Abenteuerkino, dramaturgisch mies, überlang und hier und dort unfreiwillig komisch. „In 80 Tagen um die Welt“ bietet nicht mehr als geistlos zusammengeschusterte Blödeleien und reiht sich ein in die Menge schlechter Jules-Vernes-Verfilmungen.
Kritik
Bis ins 21. Jahrhundert hat er es nun geschafft. Aber wie. Viel ist von Jules Vernes phantastisch-romantischem Utopismus nicht geblieben, vielleicht wurde er auch zu oft zitiert. Den ersten Vorführungen des „Cinematographen“ der Brüder Lumières mag der Technikprophet Vernes Ende des 19. Jahrhunderts, seines Jahrhunderts, in Paris ja noch beigewohnt haben. Die ersten bewegten Bilder brauchte noch keine inhaltliche Dramaturgie. Die Technik war sich selbst genug. Nicht so allerdings in Vernes Romanen, die heute wohl kaum mehr gelesen, wenn es aber um Retroelemente in der Science-Fiction geht, aber immer noch als Motivspender herhalten müssen. In Vernes wissenschaftsbesessenen Geschichten war zwar die Technik der eigentliche Held ihres Zeitalters, die Protagonisten waren jedoch stets mehr als Schablonen. Ganz anders in dieser neuen und sicher nicht letzten Verfilmung von in „In 80 Tagen um die Welt“, dem vielleicht bekanntesten Werk von Vernes.

Natürlich macht es immer was her, sich mit dem Namen Vernes zu schmücken; vielleicht will man damit aber auch nur ablenken. Im Falle von Regisseur Frank Coraci, dem diese Neuinterpretation anvertraut wurde, z.B. von seiner eigenen Filmographie. Die weist erst drei Filme auf, von denen zwei Adam Sandler in der Hauptrolle zeigen. Das ist schon mal schlecht. Richtig schlecht war aber Coracis 1998er Debilenklamotte „Waterboy“ – mit Sandler. Zwei Jahre später lehnte Coraci angeblich ein Angebot ab, das Kinoremake von „Charlie´s Angels“ zu drehen. Glück vielleicht. Das bedeutete am Ende aber doch Pech, Pech für uns, den armen Vernes und Pech für den „teuersten, je in Europa produzierten Film“. Denn damit wurde man gerade aus deutscher Perspektive im Vorfeld überhaupt nicht müde zu protzen. „In 80 Tagen um die Welt“ wurde in Thailand gedreht – und darüber hinaus aus Kostengründen zu neunzig Prozent vor deutscher Kulisse.

Die ist im Vergleich zu den USA für die Filmindustrie ein billiges Plätzchen. So darf man sich nicht wundern, wenn gerade Berlin oder Preußens Athen, das Hollywood mehr und mehr für sich entdeckt, in Zukunft in etlichen Filmen wieder zu erkennen ist. Konsequenz: Eine amerikanische Crew dreht einen Film, der eigentlich zum Teil im London der 1870er Jahre spielen soll, sinnigerweise nicht eben dort, sondern in Potsdam, Babelsberg, in Sanssouci, Charlottenburg und auf Berlins Gendarmenmarkt. Dort trohnt dann mittig statt Friedrich Schiller eine ominöse Weltmetallkugel als Symbol der „British Royal Academy of Science“, die in Vernes Original überhaupt nicht vorkommt. Hier schließt der Erfinder Phileas Fogg die Wette der rasanten Weltumrundung lediglich im privaten Gentlemen´s club ab. Das ist nicht weiter tragisch, aber vom Oscar für den besten Film, wie ihn „In 80 Tagen um die Welt“ 1956 einstrich, ist Corecis verflachte Buddyklamotte utopisch weit entfernt.

Schade, eine „zeitgemäße“ und pointensichere Neuinterpretation der Abenteuerkomödie hätte nett verträumtes Kino werden können. Auch stimmt zumindest fünfzig Prozent der Ausgangslange dadurch, dass der Brite Steven Coogan die Rolle des Phileas Fogg übernimmt. Coogan ist in den schematischen Grenzen, die seiner Figur gesetzt werden, überzeugend und humorvoll als Karikatur einer Mischung aus aufrichtigem Philanthropen, idealistischem Erfinder und pikiertem Gentleman. Dann aber wird die Hongkong-Legende Jackie Chan, das vermeintliche Ass im Ärmel, zum unfreiwilligen Stolperstein. Chan ist unbestrittener Meister der Körperakrobatik, aber kein Schauspieler. Seitdem er sich in Hollywood zu etablieren versucht, muss ihm stets ein „Sidekick“ zur Seite gestellt werden, um zwischen all der albernen Situationskomik überhaupt so etwas wie Dialog auf die Beine zu stellen. Das kann, wie in „Rush Hour“, hin und wieder amüsant ausfallen, ist aber überwiegend schmerzend hölzern bis unfreiwillig komisch und peinlich.

Chan spielt als einmal mehr Chan. Seine Besetzung als Passepartout ist auch deswegen kein Glücksgriff, weil damit der Rhythmus des Films vorgegeben ist: Chan muss ausreichend Gelegenheit gegeben werden, durch die angeblich aufwendigen, aber durchweg wackelig anmutenden Kulissen zu turnen und sich unter versuchtem körperlichen Slapstick diverser Gegner zu erwehren. Das guckt sich wie eh und je, er verdrischt sie halt alle. Früh zeigt sich, wie uninspiriert und ermüdend Coracis teurer Spaß geworden ist, denn „In 80 Tagen um die Welt“ geht schon vor dem vierzigsten Tag die Luft aus. Szenerie wechselt zwar Szenerie, aber das alles ist witzlos, Türkei und Indien sehen von innen irgendwie immer noch aus wie Berlin. Exotischen Charme entwickelt die Klamotte nie, auch deswegen weil die beliebigen, einzelnen Schauplätze des einschläfernden Rennens von auffallend billig-bunter CGI dilettierend zusammengekleistert wurden. Armer Vernes, denkt man.

Die teure Ausstattung rettet den sich in Blödeleien verlierenden Streifen nicht, allenfalls der denkwürdig grotesk selbstironische Auftritt Arnold Schwarzeneggers als türkischer Prinz (!) samt unschlagbarer Langhaarperücke. Sowieso buhlt „In 80 Tagen um die Welt“ durch etliche Cameoauftritte mit Gewalt um Aufmerksamkeit. So sind in Minuten- oder Sekundenauftritten noch Clive Owen, John Cleese oder auch Kathy Bates zu sehen. Das lenkt am Ende aber nicht von der Gewissheit ab, dass Coracis vierter Film sich vor allem durch eines von den vorigen unterscheidet: Er war viel teurer. Was nur umso trauriger ist, weil diese sofort vergessene, ideenlose Reanimierung eines Klassikers durchweg wie Kino im Schlussverkauf aussieht.

Überteuertes Billigabenteuer samt unfreiwilliger Komik


Flemming Schock