Gegen die Wand

Deutschland, 121min
R:Fatih Akin
B:Fatih Akin
D:Sibel Kekilli,
Birol Ünel
L:IMDb
„Sie können Ihrem Leben auch ein Ende setzen, ohne sich umzubringen”
Inhalt
Cahit, 40, der wegen eines Selbstmordversuchs in der geschlossenen Abteilung eines Krankenhauses liegt, weiß: Er muss ein neues Leben beginnen. Auch wenn die Wut, die immer noch tief in seiner Seele sitzt, weiter danach schreit, mit Alkohol und Drogen betäubt zu werden. Sibel – 20, schön, und wie Cahit türkischer Herkunft, aber in Hamburg aufgewachsen – liebt das Leben zu sehr, um eine anständige Muslimin zu sein. Um aus dem Gefängnis auszubrechen, das ihre streng gläubige und traditionsbewusste Familie um sie herum aufbaut, versucht sie, sich umzubringen. Doch sie überlebt. Ihre einzige Chance, der Familie zu entfliehen, sieht Sibel darin, Cahit zu bitten, sie zu heiraten. Nach kurzem Zögern stimmt er zu. So teilen sich die beiden eine Wohnung, doch kaum mehr. Sibel kostet ihre neu gewonnene Freiheit voll aus, Cahit geht weiterhin mit seiner flüchtigen Bekanntschaft Maren ins Bett. Bis sich die Liebe langsam in sein Leben einschleicht.
Kurzkommentar
In großen, roten Lettern kündigt sich der Film in den Credits an und findet schon hier das passende Bild für seine zunächst unbändige Leidenschaft. Mit großartigen Darstellern, einem hypnotischen Soundtrack und nicht zuletzt viel Pathos erzählt Fatih Akin von einer Liebe im Extremzustand, von der vor allem körperlichen Energie, die zur gegenseitigen emotionalen Erlösung führen könnte. Dass sie das letztlich nur bedingt tut, macht die wahre Größe des Films aus.
Kritik
„Ich war total fasziniert von dem Typen, ähnlich wie du fasziniert bist von Typen wie Kurt Cobain, James Dean oder Brando. Typen, die sich selbst zerstören, Typen, die so genial sind, so talentiert, dass ihnen alles andere scheißegal ist. Und vor allem, der Typ ist Türke, der hat also denselben Background wie ich, er scheißt aber auf die Tradition. Das war eine ganz große Inspiration für den Film.“

Das sind die Worte, die Regisseur Fatih Akin für seinen Hauptdarsteller Birol Übel findet, und sie stehen exemplarischen für den kompletten Film. Aus „Gegen die Wand“ spricht soviel Leidenschaft, soviel Hingabe, soviel Energie, dass er wohl als stärkster, deutscher Film der letzten paar Jahre gelten kann, vielleicht sogar als stärkster, deutscher Film seit den Arbeiten Rainer Werner Fassbinders. Akin erzählt seine Geschichte mit einer solchen emotionalen Brutalität und unverblümten Rohheit, einer solchen Kraft, dass er sich jede noch so extreme Plotwendung erlauben zu können scheint ohne sich dem nahe liegenden Vorwurf des Plakativen stellen zu müssen. In „Gegen die Wand“ wirkt alles ehrlich, die Figuren trotz ihrer Extremität äußerst wirklichkeitsnah, verkommt ein filmisch-inflationärer Ausdruck wie „Ficken“ ausnahmsweise nicht zur hohlen Phrase. Blut, Schweiß und Tränen. In vielen Filmen akzeptiert man das nur mit gutem Willen, hier scheint es die einzig mögliche, visuelle Äquivalenz zur Gefühlswelt der Figuren zu sein.

Dabei prasselt der Plot im Verlaufe des Films immer unwirklicher auf die Figuren ein, erscheinen viele Wendungen allzu krass und extrem. In der Tradition des Sozialdramas muss sich Sibel über ihr traditionsbewusstes Elternhaus hinwegsetzen, mehrere Selbstmordversuche durchstehen, das Land verlassen, sich ihrer Schwester anbiedern, als Zimmermädchen arbeiten, verprügeln, schließlich niederstechen und vergewaltigen lassen. Dass man das ihrer Figur abnimmt, ja sogar absolutes Verständnis entgegen bringt, ist zum einen die Leistung der grandiosen Sibel Kekilli, zum anderen in der erstaunlichen Regie-Sicherheit Fatih Akins begründet. Mit immensem Selbstbewusstsein reiht er animalisches Rumgeficke an subtile Annäherungen, messianische Aufopferungsfantasien an liebevolle, freundschaftliche Details. Während Sibel Cahit in der einen Szene noch ein stolzes „Ich geh' jetzt ficken“ entgegenlächelt, bereitet sie ihm in der anderen ein traditionelles, türkisches Essen zu, vermutlich das liebevollste, das er seit langer Zeit zu sich genommen hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn dann allerdings darum bittet, sie in den nächsten Club zu begleiten (wo eh nur der nächste One-Night-Stand wartet), führt dann zu einem seit langer Zeit unbekannten Schmerz.

Und doch ist „Gegen die Wand“ weitaus mehr geworden als leidenschaftliches Filmhandwerk, vor allem weil Akin den mutigen, ambivalenten Weg wählt. Statt dem ursprünglichen Ende, das die Protagonisten in ihre Ausgangssituation zurückverfallen lassen wollte, zieht Akin ein überraschend bitteres Fazit. Er erlaubt sich ein gesundes Maß Offenheit, möchte man Kritik üben, könnte man auch sagen Unentschlossenheit: aus der rebellischen Sibel ist eine willenlose, gebrochene „Hausfrau und Mutter“ geworden, aus Cahit der geläuterte, bodenständige Ritter, der zu seinen Wurzeln zurückkehren möchte. Die Liebe, die sie einst verband, wird von beiden endgültig als rein körperliche erkannt: als sie sich endlich wiedersehen, unmittelbar wieder Sex haben und sich auf dem Balkon des Hotelzimmers von ihrer quasi-sportlichen Tätigkeit ausruhen, will Cahit auf die gemeinsame Zukunft zu sprechen kommen. Sibel hingegen entgegnet nur: „Laß uns wieder reingehen“. Weiterbumsen.

Dass Akin seine Figuren hier erkennen lässt, dass lediglich die Extreme ihrer Vergangenheit sie zusammengeschweisst hatte und nicht etwa die romantische Liebe im Geiste, wirkt zunächst irritierend, ist angesichts seiner Thematisierung von Erlösung aber konsequent: „Sie hat nen Typen und sie hat ein Kind. Sie ist aber nicht glücklich damit. Ich denke, die Konstante ist die: Alle meine Figuren sind auf der Suche. Auf der Suche nach einem besseren Leben. Aber mit Ausnahme von SOLINO scheitern alle. Oder es bleibt offen, ob sie das bessere Leben finden. Und im Ursprungsland suchen sie Erlösung. Aber die Erlösung finden sie nicht.“

Radikales, erwachsenes Liebesdrama von großer Leidenschaft


Thomas Schlömer