Geheimnis der Frösche, Das
(Prophétie des grenouilles, La)

Frankreich, 87min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jacques-Remy Girerd
B:Jacques-Remy Girerd
L:IMDb
„Ich hab' die Schnauze voll von Kartoffeln!”
Inhalt
Am Fuße des Hügels, auf dem Bauer Ferdinand, seine Frau Juliette, die beiden Kinder Tom und Lili sowie all die Tiere des Bauernhofs leben, herrscht Unruhe unter den Fröschen. Es gibt keinen Zweifel, alle Vorhersagen stimmen überein: Eine neue Sintflut steht bevor! Angesichts des drohenden Unheils fassen sich die Frösche ein Herz und tun das, was sie sonst nie tun: Sie sprechen mit den Menschen. Die Präsidentin der Frösche prophezeit Tom und Lili, dass es vierzig Tage und vierzig Nächte regnen wird – nichts wird das Unheil aufhalten können. Als sich die Wolken langsam zuziehen und der Himmel sich verdunkelt beginnt für Ferdinands Familie und ihre Tiere ein großes Abenteuer.
Kurzkommentar
Mit "La Prohétie des Grenouilles" gelingt seit langem mal wieder ein Animationsfilm, der sich seiner naiven Unschuld nicht zu schämen braucht: mit einfacher Poesie und großer Liebenswürdigkeit bereiten Jacques-Remy Girerd und sein Team von Folimage die biblische Geschichte der Arche Noah neu auf und sorgen für offene Münder: ihr Film ist inhaltlich wie handwerklich eine äußerst frische Abwechslung zum gängigen Computerfilm aus Hollywood.
Kritik
Der traditionelle Trickfilm hat es nicht leicht in einer Zeit, in der nahezu jeder computergenerierte Animationsfilm große Summen einspielt, ganz egal, ob er nun inhaltlich hervorragend ist oder nicht. Immerhin hat selbst der mediokre "Große Haie, Kleine Fische" mehr eingespielt als jeder handgezeichnete Trickfilm der letzten fünf Jahre und wenn selbst mit Preisen überschüttete Animationsabenteuer wie "Les Triplettes des Belleville" kein allzu großes Publikum finden, ist schnell einzusehen, dass hier die Diktatur des Marktes gnadenlos für Selektion sorgt. Dennoch gibt es sie immer wieder, die ambitionierten Trickfilme, für die sich noch genügend risikobereite Geldgeber zusammenfinden, um etwas Neues und vielleicht Einzigartiges zu finanzieren. Nach Sylvain Chomets ungewöhnlicher Groteske ist dies nun der wesentlich kindgerechtere "La Prophétie des Grenouilles".

Für den musste Regisseur Jacques-Remy Girerd, Mitbegründer des anerkannten, französischen Trickfilmstudios Folimage, zwar nicht so lange kämpfen wie befürchtet, aber doch verdammt lange ausharren: knapp sechs Jahre arbeiteten phasenweise bis zu 200 Mitarbeiter an dem handgezeichneten Kinofilm - ohne Unterbrechung. Iouri Tcherenkov bestimmte dabei maßgeblich das grafische Universum des Films, das laut Girerd irgendwo zwischen Vlaminck und Monet oszilliert. Und das ist wahrhaft prächtig anzusehen: kräftige Farben, klare Strukturen und naiv-hintergründige Konturen bestimmen die Welt von Tom und Lili, die gestaltet ist wie ein französisches Kinderbuch. Ohne banalisierend oder kitschig zu wirken, offenbart der naive Stil vielmehr die große Liebe zum Bild und vermittelt eine einfache Poesie, die auch an Kindern nicht vorübergehen dürfte.

Die Treuherzigkeit und Gutgläubigkeit, die die Bilder ausstrahlen, ist aber auch in der Geschichte verankert: welche Handlung könnte mehr über Ökologie und Gesellschaft vermitteln als die der Arche Noah, auf dessen Boot die Artenvielfalt zur größten, sozialen Problematik avanciert? Fleisch- und Pflanzenfresser, Tier- und Menschenwelt müssen hier eine Basis finden, um gemeinsam zu überleben - oder im wahrsten Sinne des Wortes unterzugehen. So entspringen die zentralen Konflikte des Films nicht innermenschlichen Widrigkeiten (im Gegenteil: die Patchwork-Familie aus Großvater, afrikanischer Mutter und Adoptivsohn stellt eine geradezu mustergültige Symbiose dar), sondern dem Umgang des Menschen mit den anderen Spezies des Planeten, der Tier- und Pflanzenwelt. Aber auch hier macht es sich der Film nicht zu einfach: "Das Geheimnis der Frösche" erhebt etwa keinen fleischfressenden Löwen zum (klassischen) Bösewicht, sondern eine träge Schildkröte, die körperlich ja eigentlichem jedem Wesen unterlegen ist, aber listig und intelligent intrigiert. Hier findet der Film also auch zu einem Kommentar über Machtverhältnisse und Individualismus.

Man könnte nun einwenden, dass trotz kritisch-politischer Kommentare und der ungewöhnlichen Familienkonstellation die Rollen nach wie vor traditionell verteilt sind: die Mutter kocht, der Vater ist Kapitän und Ernährer. Auch das wird aber von Girerd munter-ironisch gebrochen, wie überhaupt die Ironie eine der stillen Stärken des Films ist. So will die Mutter in einer Szene mit einem afrikanischen Regentanz eine Kuh dazu bringen, doch endlich Milch zu geben, nur um sich dann grummelnd eingestehen zu müssen, dass diese Technik auch schon mal besser funktioniert habe. Oder es wird der Traum eines jeden Kindes, täglich Pommes Frites essen zu dürfen, ins Gegenteil verkehrt, wenn auf dem Boot eben nichts vorhanden ist außer 28 Tonnen Kartoffeln und die Besatzung folglich schnell keine Pommes mehr sehen kann. Aber auch sonst gibt es noch einige, ungewöhnliche Wendungen, etwa wenn entgegen jeder politischen Korrektheit einige der Hühner des Bootes tatsächlich dran glauben müssen und geröstet auf der Speisekarte der Karnivoren landen. Hier scheuen sich Girerd und sein Team nicht, ihrem kindlichen Publikum die Folgen bestimmter Entscheidungen vor Augen zu führen.

Insgesamt ist "Das Geheimnis der Frösche" also ein thematisch durchaus vielfältiger und visuell wie akustisch sehr sinnlicher (Kinder-) Trickfilm geworden, der - gerade aufgrund kleinerer Ambivalenzen - zum denkwürdigsten gehört, was das Genre in den letzten paar Jahren hervorgebracht hat. Auch Eltern brauchen sich hier nicht vor allzu großer Simplifizierung und Verkitschung zu fürchten, erreicht der Film gar phasenweise eine Ebene, die nur sie verstehen dürften: wenn eine armenische Duduk die tiefe Melancholie der stürmenden Sintflut begleitet, erreicht "La Prophétie des Grenouilles" eine Poesie wie es sie im Animationsfilm lange nicht gegeben hat.

Liebenswerter Trickfilm in zauberhaftem Stil


Thomas Schlömer