Deep Blue

England, 91min
R:Andy Byatt, Alastair Fothergill
L:IMDb
„Es sind mehr Menschen in den Weltraum geflogen, als in die Tiefen unserer Ozeane getaucht”
Inhalt
Einzigartige Einblicke in die Welt unserer Ozeane präsentiert DEEP BLUE, das während jahrelanger Dreharbeiten rund um den Globus entstanden ist. Die Reise führt von flachen Korallenriffen, über die unwirtlichen Küsten der Antarktis, in die Weiten des offenen Meeres, bis hin zu den tiefsten Tiefen der Ozeane, in die ewige Dunkelheit.
Kurzkommentar
Der 90-minütige Zusammenschnitt der BBC-Serie „The Blue Planet“, „Deep Blue“, schwelgt in wuchtigen Bildern, vermittelt aber gleichzeitig auch viel von der fast schwermütigen, bedrückenden Schönheit der Ozeane und deren unermesslicher Tiefe. Aus 7000 Minuten Filmmaterial ausgewählt, präsentieren die beiden Regisseure Fothergill und Byatt einen wunderbaren Einstiegsfilm in die vermutlich weniger massenkompatible TV-Serie und verfallen glücklicherweise auch nur selten der Versuchung, die dargestellten Tierarten allzu stark zu vermenschlichen.
Kritik
Tierdokumentationen haben eine verhältnismäßig kurze Tradition in der Kinogeschichte, zumindest wenn man James Algars Auftragsarbeit für Disney, „Die Wüste lebt“, von 1954 als erste, wirklich kinofähige Naturdokumentation deutet. Algar ging damals den Tieren der Sierra Nevada mit erstaunlicher Raffinesse auf den Grund und zeigte bis dato ungekannt detaillierte Aufnahmen der Verhaltensweisen von Skorpionen, Schlangen, Geparden etc. Dass er dabei – ganz in der Tradition Disneys – die Tiere mittels Musik und Schnitt sporadisch sehr, sehr stark vermenschlichte, dürfte so mancher Biologe mit Fassungslosigkeit kommentiert haben, sorgte aber dafür, dass dem Genre zum ersten Mal auch so etwas wie Unterhaltungswert zugesprochen werden konnte. Und nicht zuletzt hat Disney ja vor allem Kinder als potenzielle Zielgruppe vor Augen gehabt.

Seitdem – Algar war übrigens auch der erste, der einen Oscar für den „Besten Dokumentarfilm“ entgegen nehmen durfte – sind Natur- und Tierdokumentation auch im Kino häufiger gesehen (wenn auch verstärkt im neueren IMAX-Format) und dass sie das Image des staubigen Lehrfilms abgelegt haben, zeigten nicht zuletzt die Erfolge der beiden letzten Arbeiten Jacques Perrins, „Mikrokosmos“ und „Nomaden der Lüfte“. Auch „Deep Blue“ geht eine lange Erfolgsgeschichte voraus, ist die Kinoversion doch nur ein 90-minütiger Zusammenschnitt der spektakulärsten und wohl auch massenkompatibelsten Szenen der BBC-Serie „The Blue Planet“, die für satte 17 Mio.$ produziert und an 200 Locations gedreht wurde. Diese lief seinerzeit in Großbritannien mit sensationellen Einschaltquoten von 52 Prozent (und in Deutschland im Sommer 2003 in der ARD, ganz versteckt Dienstags, 23Uhr).

Der pompöse Aufwand der beiden Regisseure Alastair Fothergill und Andy Byatt hat sich jedenfalls gelohnt. Manche Aufnahmen sind tatsächlich von selten gesehener Wucht; etwa wenn ein Schwertwal sein Opfer, immerhin noch eine kräftige Robbe, mit seiner immensen Flosse meterhoch in die Luft schleudert oder Fothergill und Byatt auf beeindruckende Massenszenen von massiven Fischschwärmen oder krebsartigen Strandbewohnern zurückgreifen können. Aber auch die Faszination der Tiefe vermag „Deep Blue“ hervorragend zu vermitteln, dann, wenn Komponist George Fenton einmal nicht dem schwelgerischen Orchesterbombast nachgibt, sondern die elegische Schönheit der vollkommenen Dunkelheit in 5km Tiefe hervorhebt. Hier, am bekannten Mariannengraben, entdeckte man mit kleinen Spezial-U-Booten sogar zwei neue Spezies, die, wie Fothergill angibt, „keine winzig kleinen Lebewesen“ waren, sondern „eine riesige Quallenart“ und ein „unbekannter Octopus“.

In diesen Szenen, wenn „Deep Blue“ etwas von der schier unendlichen Vielfalt und Größe der Ozeane transportiert, wirkt der Film am besten, zumal dem Zuschauer immer im Hinterkopf herumschwirrt, dass hier nichts computergeneriert ist, nichts fiktional, nichts inszeniert. Angesichts mancher äußerst brutal erscheinenden Tötungsszene, etwa dem Angriff der Hai auf ihre schlafende Beute, will man auch besser gar nicht darüber nachdenken unter welchen extremen Bedingungen die Aufnahmen entstanden sind. Die schiere Rohheit der Natur vor Augen hat man sich als Taucher da sicher ab und an etwas mulmig gefühlt

Wenn „Deep Blue“ sporadisch etwas problematisch wird, dann in den Szenen, in denen die Meeresbewohner mal wieder in bestimmte Schubladen gesteckt werden: die Delphine sind anmütig und gut, die Schwertwale brutale Killer, die Pinguine tollpatschig, diverse Krebsarten scheinbar gute Fussballspieler. Das ist klassisches Mickey Mousing in der Tradition Algars und wirkt etwas störend, weil es nicht konsequent verfolgt wird. Auch das obligatorische Schlussstatement, der Mensch plündere weiterhin auf rücksichtslose Art und Weise die Ozeane dieser Welt, bleibt nicht aus – was etwas ungelenk wirkt angesichts des bis dato gänzlich unpolitischen Films –, ist aber deswegen nicht weniger angebracht.

So bleibt „Deep Blue“ letztlich eine sehr gelungene Dokumentation über die Fasziniation der Tiefe und die minimale, wissenschaftliche Erkenntnis, dass noch so vieles auf unserem Planeten gar nicht entdeckt ist. Da mutet es beinahe surreal an, dass die NASA kürzlich Spuren von Wasser auf dem Mars entdeckt haben möchte.

Kraftvolle Meeresdokumentation mit elegischem Anstrich


Thomas Schlömer