Eierdiebe

Deutschland, 88min
R:Robert Schwentke
B:Robert Schwentke
D:Wotan Wilke Möhring,
Alexander Beyer,
Julia Hummer,
Antoine Monot Jr.,
Janek Rieke
L:IMDb
„Tumor ist wenn man trotzdem lacht”
Inhalt
Der grotesk-komische Alptraum des Überfliegers Martin Schwarz (Wotan Wilke Möhring), dessen Leben sich um sein Elitestudium in den USA dreht, beginnt während eines Ferienaufenthalts bei seinen Eltern in Berlin. Normalerweise sorgt sein Bruder Roman (Alexander Beyer), das schwarze Schaf der Familie, für Unruhe. Doch diesmal dreht sich alles um Martin, als er zuhause zusammenbricht. Die Diagnose: Hodenkrebs. Ein Hoden wird sofort entfernt. Die Ärzte raten zur Totaloperation... Martin verspürt keine Neigung, sich kastrieren zu lassen. Er entscheidet sich gegen den Rat der Ärzte und beginnt eine Chemotherapie im Krankenhaus. Schicksalsgenossen im Krankenzimmer sind Nickel (Janek Rieke) und Harry (Antoine Monot jr.). Die drei machen das Beste aus der Situation. Und alle drei sind ein bisschen in Susanne (Julia Hummer) verliebt, die sich lieber bei den Jungs als in der Frauenabteilung aufhält.
Kurzkommentar
Mit unverblümtem, schwarzem Humor verarbeitet der Stuttgarter Robert Schwentke seine eigenen Erfahrungen in einer makaberen Komödie und scheut sich nicht davor, tief in die Kiste derber Scherze über Medizin, Krebs und Tod zu greifen. Das mag manchem Zuschauer zuviel des bitterbösen Humors sein, Schwentke vermeidet allen potenziell geschmacklosen Witzen zum trotz aber pure Respektlosigkeit und plumpe Symbolik, zumal „Eierdiebe“ zunehmend nachdenklicher und melancholischer wird.
Kritik
Zur schwarzhumorigen Auseinandersetzung mit dem Thema Krebs gehört schon einiges dazu; vor allem wohl Abgebrühtheit. Denn abgesehen vom fragwürdigen Humorpotenzial einer solchen Herangehensweise weckt sie in erster Linie Skepsis und die Frage nach Geschmacklosigkeiten. So sollen sich erste Publikumsdiskussionen denn auch hauptsächlich um die Frage nach der Filmtauglichkeit dieser Art der Auseinandersetzung gedreht haben und Regisseur Robert Schwentke (der bereits mit „Tattoo“ einen leichten Hang zum mindestens Morbiden bewiesen hatte) Rede und Antwort stehen müssen. Dem konnte er wiederum mit einer gewissen Souveränität begegnen, denn „Eierdiebe“ weist nicht zuletzt wesentliche Parallelen zu Schwentkes Biographie auf.

Ob man das Thema Hodenkrebs bzw. Krebs im Allgemeinen überhaupt satirisch behandeln darf, ob man sich damit nicht über das Leiden anderer Menschen lustig macht und ob das nicht wiederum einen Angriff auf die Menschenwürde bedeutet, darüber könnte man nun streiten. Genauso darüber, ob – wie es nun für Schwentke zutrifft – die Erfahrung am eigenen Leibe automatisch einen solchen Beitrag legitimiert. Das ist aber nicht wirklich notwendig, denn zum einen ist die humorvolle Auseinandersetzung mit tragischen Themen das zentrale Moment jeder schwarzen Komödie (und so müsste man das ganze Genre in Frage stellen), zum anderen trägt schwarzer Humor auch immer viel Wahrheit in sich. Wie viele Verunglückte, Behinderte oder dem Tode geweihte Leute gibt es etwa, die ihr eigenes Schicksal mit geradezu bizarrem Sarkasmus nehmen und Sprüche fallen lassen, die bei jedem gesunden Menschen unverständnisvolles Kopfschütteln provozieren? Da mutet es beinahe an als ob Galgenhumor nur bei Betroffenen funktioniert.

Aber der Scherz über eine Randgruppe oder auch eine Beleidigung derselben wird immer dann legitim, wenn man selber dazugehört. Das kennt man nicht nur von Krankheit befallenen Personen, sondern auch im Rahmen von soziokulturellen, biologischen oder historischen Gegensätzen. Macht sich ein Reicher über einen Armen lustig, ist das geschmacklos, scherzen arme Leute unter sich ist das gelungener Zynismus. Aufgrund des autobiographischen Aspekts hat es „Eierdiebe“ also leichter die Diskussion um Legitimation zu umgehen auch wenn – und hier könnte man das Spiel nun weitertreiben – Schwentke den Film ja kaum nur für Betroffene gemacht hat.

Wie dem auch sei, „Eierdiebe“ bietet thematisch jedenfalls die perfekte Ausgangsbasis für eine waschechte makabere Komödie. Scherze über den nahenden Tod bieten sich ebenso an wie Gags über (fehlende) Genitalien, die Thematisierung einer der mächtigsten Krankheiten überhaupt, den Krebs, offenbart einen immensen Radius derber Witzchen und die Tatsache, dass der Film beinahe ausschließlich im Krankenhaus spielt kann für äußerst surreale Momente sorgen. Das hat Schwentke verstanden und scheut sich auch nicht, davon ordentlich Gebrauch zu machen: Ärzte und Krankenschwestern mutieren zu teilnahmslosen Zynikern, die nur die eigenen Vergnügen im Blick haben (natürlich treibts der Chefarzt mit der Angestellten), die Polizei kann „Drogenabhängige noch nicht mal von Krebskranken unterscheiden“, Eltern verfallen in extreme Theatralik und sorgen sich mehr um die berufliche Zukunft ihres Sohnes als seine gesundheitliche und die Betroffenen gucken am liebsten deftige Splatterfilme, weil da so viele Organe durch die Gegend fliegen – auch wenn sie ihrer Meinung nach total unrealistisch aussehen. Das – und vor allem andauernde Analscherzchen, bei denen Mayonnaise auch mal als Vaselinenersatz herhalten muss – ist mir persönlich teilweise zuviel des Guten auch wenn Schwentke es inszenatorisch durchaus versteht nicht in die plumpe Symbolik eines „American Pie“ zu verfallen. So mancher Spruch sitzt hingegen besonders locker und man muss Schwentke wohl zustimmen, wenn er sagt, dass einem das Krankenhausgeschehen als schwerkranker Patient ab und an sehr unwirklich vorkommen kann. Gerade dann, wenn man grundsätzlich als letzter erfährt, wie es denn gerade um den eigenen Zustand steht.

Dramaturgisch problematischer dürfte da schon der langsame Wandel des Films von der reinen, schwarzen Komödie hin zur melancholischen Tragikomik sein. „Eierdiebe“ wird im Laufe seiner 88 Minuten zunehmend nachdenklicher und sucht hinter der witzelnden Fassade seiner Charaktere auch nach Wehmut und der Notwendigkeit des Abschieds. Dafür findet Schwentke einige schöne Momente, etwa wenn die drei Freunde vor der Leiche Susannes stehen und Harry seine einzigen Worte im ganzen Film spricht. Hier erreicht „Eierdiebe“ die beabsichtigte Qualität, auch eine Art lebensbejahenden Film über den Tod zu sein. Ob solch ein melancholischer Anflug ein rein auf böse Witze hoffendes Publikum hingegen befriedigend finden wird, dürfte die andere Frage sein. Andererseits: bei „Knockin’ on Heaven’s Door“ hat es seinerzeit auch funktioniert auch wenn der nicht primär als schwarze Komödie funktionieren wollte.

Bemerkenswert bleibt nun vielleicht noch der Lauf von Schwentkes Karriere. Sein Kinodebüt „Tattoo“ und jetzt „Eierdiebe“ sind handwerklich zwar tadellos, aber inhaltlich nicht wirklich herausragende Filme gewesen und dennoch hat es bereits für den Sprung nach Hollywood gereicht. Nicht weniger als drei aktuelle Projekte stehen bei ihm derzeit in der Warteschlange, mal von Disney, mal von Columbia finanziert. Zunächst wird er „Flight Plan“, einen Psycho-Thriller in der Tradition Hitchcocks inszenieren, dann folgt „Man with the Football“, ein Thriller, der sich um den Koffer des US-Präsidenten dreht, mit dem dieser jederzeit einen atomaren Angriff auslösen kann, und dann will er noch einen selbstverfassten Horrorfilm inszenieren, der die klassische Draculageschichte von Bram Stoker als Hintergrund verwenden wird. Die Neugier darf also gewahrt bleiben.

Ebenso schwarzhumorige wie nachdenkliche Auseinandersetzung mit dem Tod


Thomas Schlömer