Felsen, Der

Deutschland, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Dominik Graf
B:Dominik Graf
D:Karoline Eichborn,
Antonio Wannek,
Ralph Herforth,
Robert Lohmeyer
L:IMDb
„In jedem Moment der Erinnerung schimmerte schon das Ende ihrer Liebe”
Inhalt
Korsika im Spätsommer. Katrin (Karoline Eichhorn), Mitte dreißig, wird ihr bisheriges Leben unter den Füßen weggerissen, als ihr Arbeitgeber und heimlicher Liebhaber Jürgen (Ralph Herforth) die Beziehung abrupter als geplant beendet. Katrin taumelt noch, als ihr der siebzehnjährige Malte (Antonio Wannek) begegnet. Er überfällt sie mit einer ebenso hartnäckigen wie bedingungslosen Zuneigung, die Katrin schließlich gegen alle Pläne und Vernunft mitreißt bis ins Innere der Insel. 48 Stunden später erst findet sie den Weg zurück an die Küste. Allein. Sie hat nur noch einen Wunsch: Korsika so schnell wie möglich zu verlassen. Aber die Situation, die sie bei ihrer Rückkehr vorfindet, stellt die Weichen für ihr ganzes weiteres Leben neu.
Kurzkommentar
Nach langer Pause wendet sich Dominik Graf ("Die Sieger") wieder dem Kino zu und überrascht mit gewagter Formschönheit. Die wenig konzentrierte, schlaglichtartige Geschichte einer Frau, die eine Liebe verliert und irgendwie das Leben sucht, macht im Grunde wenig her. Allerdings besticht wie Karoline Einborn auch die experimentelle Technik mit großer Intensität. Als ästhetisch reflektierender Versuch über das Leben und dessen Alternativen ist "Der Felsen" ein sehenswert ruhiger bildlicher Ausdruck.
Kritik
Den richtigen Durchbruch zum großen Kinonamen blieb dem Deutschen Dominik Graf bisher verwehrt. Wohl wurde er bereits 1980 mit dem Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie bedacht und auch sein Kinofilm "Die Katze" achte Jahre später erhielt einen Bundesfilmpreis. Daran reihten sich Fernsehspiel- und Grimmetrophäen, vor drei Jahren dann eine Auszeichnung für das Gesamtwerk. Das könnte die beschließende Fußnote sein, nicht aber für Graf. Er will endlich das, was mit seinem Action-Drama "Die Sieger" 1994 misslang, nämlich nicht nur Orden für das kleine intellektuelle Fernsehspiel, sondern die Resonanz der großen Leinwand.

Knappe acht Jahre hat er bis zum Neuversuch verstreichen lassen. "Der Felsen" klingt selbst als Metapher monumental und gewaltig, der Inhalt ist es nicht. Oder vielleicht ist er es ja gerade, die paradoxe Herausforderung des Titels, wohl auf freie Assoziationen setzend, ist so jedenfalls so unkonventionell wie der Film selbst. Gerade wurde er für den Deutschen Filmpreis nominiert, ging jedoch leer aus. Leer bleiben dürften leider auch die großen Kinos, denn "Der Felsen" bildet jene Attribute ab, die ihn für kärglich besuchte Intellektuellen- und Programmkinos qualifizieren: er ist anspruchsvoll, experimentell und puristisch. Und das ist gut so, weil das Ergebnis stimmt.

Allerdings, man wird man es entweder mögen oder absolut ablehnen. Graf macht es uns nicht einfach. Mit seinem meditativen Melodram provoziert er Seh- als auch Erzählgewohnheiten. Narrative Mittel werden zur spielerischen Verhandlung gestellt und nach welchen Prinzipien die Erzählstruktur sich potentiell abwickeln könnte, macht bereits die wunderbare Einleitungsszene indirekt deutlich. Ein schwarzer Straßenhändler versucht seinen Plunder dadurch für Touristen interessant zu machen, indem er die einzelnen Objekte bedächtig auf einer Decke ausbreitet und dabei eine Geschichte über die willkürliche Konstruktion von Geschichten erzählt: in einem ihm bekannten Spiel verbinden Spieler beliebige, vorher unbekannte Kleinstgegenstände zum Gepflecht einer ganzen Erzählung.

Narrativen Sinn kann somit der auch Zufall stiften, das unterstreichen die pointiert gesetzten Stimmen aus dem Off in kunstvoller, essayistischer Weise. Und eigentlich scheinen da auch wenige Bausteine von Beginn an wie nach einem Plan zusammengesetzt, vielmehr regiert die Alternative. Das "was wäre, wenn", das undurchschaubare Geäst des Erzählbaums liegt über Allem; entgleiten kann man da schnell. Von dieser wirklich ästhetischen meta- narrativen Ebene blickt Graf auf die Liebe und das Leben der von Karoline Eichborn gespielten Katrin, wurzellos im Urlaub auf Korsika langsam den Boden unter den Füßen verlierend. Dass dies vor allem eine Frage der Form ist, liegt auch schlichtweg an der Technik.

Ursprünglich sollte der Felsen mit normaler 35mm-Material erstellt werden, doch aus Kostengründen fiel man kurzfristig auf digitale Videokameras zurück. Am Besten wird aus der Not eine Tugend und gleich ein "Dogma"-Experiment, selbst wenn da die Armutsvorwürfe und effekthascherischer Selbstzweck lauern. Aber von Graf wird der "naturalisierende" Purismus und der Eindruck der Unmittelbarkeit nicht zum sinnlosen Effekt degradiert, sondern innovativ und eindringlich eingesetzt. Auch erzählerisch. Das nicht übertriebene Zittern der Handkamera, ihre merkwürdig elegante Grobkörnigkeit wirken einerseits sehr radikal, weil ungewohnt und in dieser Art unbedingt neu. Andererseits liegt auf der oft metaphernhaft abgebildeten Gefühlswelt der Katrin damit der (Bild)Ton des Rätselhaften.

In einer recht beeindruckenden Präsenz verkörpert Karoline Eichborn äußerliche Stärke und innere Haltlosigkeit. Hinter jedem neuen Schritt steht unerklärtes Sehnen und Angst. Verzweifelt sucht sie das Abenteuer mit dem straffälligenn Malte, glänzend dargestellt von Antonio Wannek. In seinen Blick spiegelt sich Verlangen wie jugendliche Unreife und Hoffen. Mit seinen Psychologisierungen spart "Der Felsen", Chemie und Gefühle der beiden Hauptakteure bleiben letztlich unpräzisiert. Diese formal so brilliant vermittelte Unbestimmtheit, das lockere Verbinden des Erzählten ist Vorzug, wird gleichzeitig aber auch zum Nachteil. Gut hätte Graf daran getan, der über zweistündigen Länge des Films weniger Länge zu geben.

So ist die ziellose Gefühlsodyssee auf Korsika selbst in der finalen Zuspitzung leicht ermüdend, die Handlung vordergründig banal, dann aber auch durch die Stilistik extrem ästhetisierter Momente ausgezeichnet. In kräftigen, allegorischen Bildern von Vergangenheit und Zukunft elaboriert Graf die Emotionen und nimmt durch Schönheit gefangen. Mögen die Essaysätze aus dem Off mitunter auch zu dick auftragen, ihnen, der gesamten Komposition aus erfindungsreicher Bildarbeit, effektiv eingesetzter Musik und dem Reflektieren über Bedingtheiten des Erzählens ist es zu danken, dass "Der Felsen" als Form- und Stilübung wirkliche Impulse setzt. Es wäre schade, wenn Dominik Graf damit nicht populärer würde.

Kunstvoll experimentelles, in Kühle berührendes Liebesdrama


Flemming Schock