Was nützt die Liebe in Gedanken

Deutschland, 89min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Achim von Borries
B:Hendrik Handloegten, Annette Hess, Alexander Pfeuffer
D:Daniel Brühl,
August Diehl,
Anna Maria Mühe,
Thure Lindhardt,
Jana Pallaske
L:IMDb
„Vielleicht ist es so, dass man nur einmal im Leben richtig glücklich ist”
Inhalt
Gibt es ihn wirklich, den höchsten Punkt im Leben? Günther (August Diehl) und Paul (Daniel Brühl) sind davon überzeugt: Sie wollen leben, in vollen Zügen und ohne Kompromisse – und gleiches verlangen sie von der Liebe. Gemeinsam mit Günthers Schwester Hilde (Anna Maria Mühe) verbringen sie das Wochenende in einem Sommerhaus auf dem Land. Paul ist fasziniert von dem Mädchen und verliebt sich in sie. Und zunächst sieht es so aus, als ob Pauls Gefühle erwidert werden. Doch Hilde liebt viele. Heimlich trifft sie sich mit Hans – Günthers ehemaligem Liebhaber. Im Garten des Hauses feiern sie ein rauschendes Fest. Als Hans überraschend zu ihnen stößt, setzt er eine Achterbahnfahrt der Gefühle in Gang, die sehr bald außer Kontrolle gerät: Berauscht von Absinth und Musik, von großer Sehnsucht und ihrer Gier nach dem Leben werden sie alle in einen tödlichen Strudel gerissen.
Kurzkommentar
Nachwuchsregisseur Achim von Borries („England!“) erzählt eine „wahre Begebenheit“ von 1927 und nutzt diese zur universellen Reflexion über das ewige Thema der verflossenen, jugendlichen Unschuld. Was seinen Film dabei von ähnlichen Vertretern des Genres unterscheidet, sind zum einen die Charaktere von extremer Bedingungslosigkeit und zum anderen seine betont filmische, rein atmosphärische Erzählweise.
Kritik
Am Anfang steht die Kurzform. In knapp fünf Minuten sehen wir wie die gesamte, gemeinsame Zeit des blinden Thomas und der jugendlichen Francine noch einmal vor Thomas' geistigem Auge vorbeirauscht. Francine hat gerade am Telefon mit ihm Schluss gemacht. Wir sehen, wie sie sich kennengelernt haben, sich entdeckten, gemeinsam Spaß hatten, sich gegenseitig von der Unendlichkeit des Universums erzählt haben. Wir sehen sie in Paris am Triumphbogen, in der Markthalle, am Bahngleis, zunächst sich umarmend, dann lediglich gegenüber stehend, dann sich gegenseitig den Rücken zukehrend. Das alles in extremem Zeitraffer, von hypnotischer Musik untermalt, von Thomas' Stimme wehmütig kommentiert. Trotzdem man nur Augenblicke zu Gesicht bekommt, versteht man doch die komplette Gefühlswelt, die Thomas in seiner Erinnerung mit Francine verbindet. Er liebt sie von ganzem Herzen. Ein Leben ohne sie muss surreal und unvorstellbar sein. Und dann ist der Rausch vorbei, wir sind wieder in der Realität und Thomas lauscht am Hörer Francines letzten Worten.

Das war der Kurzfilm „True“ von Tom Tykwer, der als Vorfilm mit jeder Kopie von „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ deutschlandweit vertrieben wird. Er ist als Teil der internationalen Kurzfilmkompilation „Paris, je t'aime“ entstanden und wird derzeit an der Berlinale gezeigt. Für Tykwer war der Film nach einigen künstlerischen wie persönlichen Rückschlägen vor allem eine Bewährungsprobe für sich selbst; den Drang befriedigend, sich nochmal selbst zu zeigen, dass „man's drauf hat“. Das kann man nur bestätigen, denn „True“ gelingt es wie nur wenigen Kurzfilmen eine emotionale Bindung zu seinen Charakteren aufzubauen und etwas von der Unfassbarkeit und Größe des unerschöpflichen Themas „Liebe“ zu vermitteln – auch wenn der letzte Satz wieder einmal Tykwers Hang zur Übersüßung und Melodramatik verspüren lässt.

Doch Tykwer verfolgt wie immer die besten Absichten, vermittelt in jeder Sekunde jene Leidenschaft eines Filmemachers, dem Zuschauer etwas mitteilen, ihn bewegen zu wollen. Das ist ein Merkmal, das beinahe alle Produktionen der „X-Filme“ auszeichnet, und auch Achim von Borries „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ bleibt dieser Maxime treu. Wie die Filme unter der Produktion von Claussen+Wöbke zeichnen die „X-Filme“außerdem noch ein starkes Interesse an jugendlichen Themen aus.

Auch von Borries widmet sich mit seinem neuesten Film den ewigen Themen Jugend und erste Liebe, zieht die psychologische Schraube aber noch deutlich mehr an. Während sich vergleichbare (Jugend-)Filme mit aktuellem Zeithintergrund vor allem melancholisch und zaghaft hoffnungsvoll entwickeln, erzählt von Borries von der bedingungslosen Steigerung einer unerwiderten Liebe: Enttäuschung, Verzweiflung, Wut, Tod. Seine Charaktere ziehen die letzte Konsequenz aus dem Verlust ihrer (emotionalen) Unschuld und wollen nach Übersteigung des Zenits ihres Glücks den Freitod wählen. Für sie bedeutet der Verlust der Jugend vor allem: hat man einmal geliebt, wird es nie mehr so sein wie vorher. Denn wird die erste, große Liebe nicht erwidert, erfährt man auch zum ersten Mal, wie es ist, seiner Liebe beraubt worden zu sein. Von da an kann es nie mehr so sein wie vorher; die Unschuldigkeit und Absolutheit, denen man zuvor noch teilhaben konnte, sind nun ein für allemal passé.

Auf einer oberflächlichen Ebene ist es also auch ein philosophischer Film geworden. Er reflektiert über den Sinn des Lebens, indem er die Berechtigung des weiteren Daseins in Frage stellt, sobald man einmal seiner emotionalen Unschuld beraubt wurde. Dass „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ den resultierenden Wunsch seiner Protagonisten nach Erlösung über weite Strecken nachvollziehbar macht, kann man dann wohl als größte Leistung des Films betrachten. Nicht nur aufgrund der hochgradigen Besetzung (die mit Daniel Brühl, August Diehl und Jana Palaska so ziemlich die Crème-de-la-Crème der deutschen Nachwuchsdarsteller aufbieten kann), auch aufgrund seiner betont filmischen Erzählweise gelingt von Borries so das kleine Kunststück, vor allem mit Bildern, Gesten, Musik die Inhalte zu vermitteln, die ihm wichtig erscheinen. So werden die entscheidenden Momente des Films vor allem über das filmischste aller filmischen Mittel, die Montage, rübergebracht. Etwa wenn Paul von seiner Nacht mit Elli zum Haus zurückkehrt und wenige Schnitte ausreichen, um klar zu machen, dass Hans sich für Hilde „entschieden“ hat, oder wenn Paul kurz vor dem Amoklauf Günthers vom Fenster aus nochmals Elli am Straßenrand erblickt und in diesem Moment dazu entschließt, sich den Konsequenzen des „Weiterlebens“ zu stellen. Eher spärlich bleibt deshalb auch der Dialog, wohlwissend, dass dessen Kraft bei weitem nicht die Resonanz einer gelungenen Kadrierung entfalten kann.

Dennoch birgt die Konzentrierung auf Bilder auch Gefahren. Die saftige, extrem postkarten-motivische Fotographie, die paradiesische Mise-en-Scene mit Sommerhaus, Garten und See sowie die süßliche Streicher- und Klaviermusik könnte man etwa als allzu symbolbehaftete Bebilderung von Reinheit, Jugend und Schönheit, oder auch als Erfassung des politsch-unschuldigen Umfeldes der Weimarer Republik deuten, aber parallel zur bekannten, historischen Entwicklung liegt der perfekten Oberfläche ja auch ihre Perversion inne, nämlich die Konterkarierung der Gefühlswelten der Protagonisten. Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Maße und ab und an verfällt auch von Borries dem Kitsch, vor allem, wenn mal wieder gedichtet wird. Nichts desto trotz sind ihm viele Details hoch anzurechnen, darunter die Vermeidung jeglichen Historismus', die so vielen deutschen Filme von „Comedian Harmonists“ bis „Marlene“ inne wohnt. Und auch eine weitere Leistung darf man nicht vergessen: dass er die ungemein simple Figuren- und Konfliktkonstellation mit soviel Potenzial aufladen kann, dass die Explosion am Ende nachvollziehbar bleibt. Da verzeiht mit ihm auch die Penetranz mit der am Ende mal wieder auf den „wahren Hintergrund“ hingedeutet wird.

Ungemein stimmungsvolle Ode an die Leidenschaft und Absolutheit der Jugend


Thomas Schlömer