Mann unter Feuer
(Man on Fire)

USA, 146min
R:Tony Scott
B:Brian Helgeland
D:Denzel Washington,
Dakota Fanning,
Marc Anthony,
Christopher Walken
L:IMDb
„Creasy´s art is death. He´s about to paint his masterpiece.”
Inhalt
Creasy (Denzel Washington), ein ehemaliger CIA-Killer mit Vergangenheitstrauma, verschlägt es nach Mexiko City zu Freund Reyburn (Christopher Walken). Da in der Stadt gerade eine organisierte Entführungs- und Erpressungswelle rollt, organisiert Reyburn Creasy einen neuen Job als Bodyguard der kleinen Pita (Dakota Fanning). Aus Widerwillen wird Freundschaft. Als Pita entführt wird, gibt es für Creasys Selbsthilfemaßnahmen kein Halten mehr. Er eröffnet eine unerbittliche Jagd auf die Verantwortlichen.
Kurzkommentar
Knappe drei Jahre nach seinem ordentlichen „Spy Game“ geht Regisseur Tony Scott keine Experimente ein und legt erneut einen Thriller vor. Stützen kann er sich bei dieser Mixtur aus Beziehungsdrama und derbem Rachekino auf gute Besetzung und einen eigentlich brillanten Drehbuchautor. Aber die langatmige Genremelange ist nur leidlich spannend und fordert Hauptdarsteller Denzel Washington nichts ab. Die gradlinige Selbstjustiz ist handwerklich selbstverliebt, doch unter dem Strich mal wieder solide.
Kritik
Im Schatten des Bruders ist es nicht einfach. Auch scheint es, als sei es für Tony Scott fast ein wenig zu spät, mit der „filmhistorischen“ Bedeutung des „großen“ Bruders Sir Ridley Scott gleichzuziehen. Dieser gab der Science-Fiction mit „Blade Runner“ ihren vielleicht stärksten ästhetischen Impuls und schuf mit „Alien“ den klassischen Schocker des Genres. Zudem glückte Ridley Scott zur Jahrtausendwende mit „Gladiator“ die folgenreiche Reanimation der Sandalenfilme. Wenige Projekte vom älteren Scott werden also nicht als Großmomente des Kinos wahrgenommen, so vielleicht sein letzter Film „Tricks“, der erste Ausflug ins Komödienfach. Mit Hochspannung hingegen wird für das nächste Jahr nun Ridley Scotts wahrscheinlich spektakuläre Kreuzzugssaga „Kingdom of Heaven“ erwartet. Keine Frage, Scott zählt zu den Meistern seines Faches.

Sein jüngerer Bruder hat hier schon mengenmäßig wenig entgegenzusetzen, drehte er doch vergleichsweise wenige Filme mit dem Hauptfokus auf das Genre des Actionthrillers. Grundtenor hierbei: Scott gelangen mit Streifen wie „Top Gun“ (1986) oder dem U-Boot-Thriller „Crimson Tide“ (1995) - für den er das erste Mal mit Denzel Washington zusammenarbeitete – spannungstechnisch wie handwerklich durchaus solide Streifen. Mehr aber auch durchweg nicht. Der relative Höhepunkt der 90er war wohl „True Romance“ (1993). Quentin Tarantino schrieb dazu noch vor seinem großen Durchbruch das Drehbuch. Scotts letzter Film, der Spionagethriller „Spy Game“, war annehmbar und liegt gute drei Jahre zurück. „Man on Fire“ ist nun letztlich so gradlinig wie sein Titel klingt. Denzel Washington ein zweites Mal mit an Bord zu holen, machte auch von daher Sinn, als dessen Leinwandpräsenz seit 1995 und gerade seit dem Oscargewinn für „Training Day“ (2001) enorm zugenommen hat.

Washingtons Besetzung ist aber auch von der Rollenfärbung her keine Überraschung. Für Charaktere mit Cop- und Gesetzeshütercharakter wirkt er inzwischen schon fast als gehobener Standard (so auch in „Der Knochenjäger“ (1998) und „Out of Time“ (2003)). Und um sich auch beim Plot auf der sicheren Seite zu wägen, engagierte Scott niemand geringeren als Brian Helgeland, seit „L.A. Confidential“ (1997) einer der höchstdotiertesten Drehbuchautoren Hollywoods. Der ist allerdings auch für Ausrutscher gut, denn neben dem Script zu Clint Eastwoods hervorragenden „Mystic River“ war „Sin Eater“ im vergangenen Jahr nicht wegen seiner Qualitäten gruselig. Und auch „Man on Fire“ wirkt nun eher wie ein flüchtiges Nebenprodukt in der Arbeit an prestigeträchtigeren Projekten. Scotts Streifen unten der Federführung von Helgeland ist nun beileibe nicht schlecht, aber für seine Länge lotet er zum einen seine Charaktere nicht tief genug aus.

Zum anderen ist die Ausgangsidee ja originell, einen ausgebrannten Ex-CIA-Agenten als Bodyguard Identitätskrise und Trinksucht überwinden zu lassen – und Washington trägt seine nicht sonderlich facettenreiche Darstellung mit gewohnter Souveränität. Aber dass das zu schützende „Objekt“ ein kleines Mädchen ist, lässt in seinen Konsequenzen den Streifen letztlich nicht konsequent genug wirken: Er verharrt zwischen „Vater“-Tochter-Drama und durchaus brutalen Entführungs- und Racheschemata. Die spätere Selbsjustiz des gerechten Killers ist durch die emotionale Bindung motiviert, der Weichspülgang wertkonservativer Familienfilme ist aber Scotts Sache sicher nicht. Der ohnehin schwer lineare Verlauft hätte um mindestens zwanzig Minuten gestrafft werden können. Das auch deswegen, weil die gesamten Charaktere merkwürdig im Vordergrund stecken bleiben und nur mit den nötigsten Stereotypen gefüllt werden.

So erfährt man über das Trauma von Agent Creasy kaum etwas und die Kausalität des Plots ist simpel: Der gebrochene, orientierungslose und doch sensible Elitekämpfer – natürlich auch geistig elitär, sucht er sich selbst doch in der Bibel - lässt sich mürrisch zum Bodyguard degradieren, überwindet akute Suizidtendenzen dann allerdings postwendend durch das seiner Obhut übergebene Mädchen. Als Pita wird die erst 10-jährige Dakota Fanning nach ihrem Auftritt in „Ich bin Sam“ (2001) erneut zum eigentlichen Höhepunkt eines Filmes. Ihre schauspielerische Reife ist erstaunlich, wenngleich zu erstaunlich, da ihr das Drehbuch einen für eine 10-Jährige unwahrscheinlichen geistigen Entwicklungsstand zubilligt. So funktioniert die Chemie zwischen Washington und ihr aber tadellos. Sie birgt kurioserweise auch die reifsten Dialoge. Aber gerade in Erinnerung des Titels ist klar, was kommen muss, und so hätte Scott ruhig schneller die Wendung zum Thriller finden können. Die rasante, stakkatoartige Schnittfolge und Bildästhetik, doch stark an die Schule von Bruder Ridley erinnernd, deutet diese Note immerhin durchweg an.

Überhaupt ist die formal-kompositorische Abhängigkeit vom Bruder schon peinlich deutlich – gerade in der akustischen Untermalung dramatischer Wendepunkte mit der ätherischen Stimme Lisa Gerrards, die schon einen erheblichen Teil des Reizes von „Gladiator“ trug. Nach videoclipartigen Schnittspielereien, die mit dem Läuterungs- und Sinnfindungsprozess von Creasy in keinem semantischen Zusammenhang stehen, steht dann der schon fast sadistisch inszenierte Einmannrachefeldzug. Der frischgebackene wie wutentbrannte Pseudovater drückt sein wieder gewonnenes Leben hier damit aus, indem er einen möglichst undifferenzierten Schuldbegriff anlegt und jeden an der Entführung auch nur im geringsten Beteiligten möglichst blutig verhört und unnachgiebig zur Strecke bringt. Dass Ende ist dann so absehbar wie emotional einigermaßen geglückt. Creasy hat alles gefunden: Liebe, Heldentum und Frieden zugleich. Letztlich ist „Man on Fire“ ein etwas ideenlos und zäh zusammenmontierter Rachestreifen, der weder über noch unter dem Standard liegt.

Passabler Rache- und Selbstjustizthriller mit selbstverliebten Videoclipmätzchen


Flemming Schock