Ich habe keine Angst
(Io non ho paura)

Italien / Spanien / Großbritannien, 109min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Gabriele Salvatores
B:Niccolo Ammaniti, Francesca Marciano
D:Aitana Sánchez-Gijón,
Dino Abbrescia,
Giorgio Careccia,
Giuseppe Cristiano
L:IMDb
„Du verlässt diesen Ort, sobald Du erwachsen bist, hast Du verstanden?”
Inhalt
Der Sommer 1978 ist der heißeste seit Jahren und scheint das Leben im süditalienischen Apulien zu paralysieren. Die Erwachsenen versuchen der Hitze zu entgehen, die Kinder jagen der Abwechslung hinterher, sehnen sich nach Abenteuern. Hier lebt der neunjährige Michele mit seiner Schwester Maria und den Eltern. Als er mit Freunden an einem verlassenen Gutshaus spielt, entdeckt er im Erdboden ein tiefes Loch. Er schaut neugierig hinein, und in der Dunkelheit macht er eine blasse, menschenähnliche Gestalt aus. Michele erschrickt und sucht das Weite. Doch das Wesen im Loch lässt ihm keine Ruhe, er kehrt zurück und erkennt die Wahrheit. Wie ein Hund wird ein Junge in der Grube gefangen gehalten, spricht wirr und ist der festen Überzeugung, schon tot zu sein. Finsternis, Isolation und Angst haben ihm arg zugesetzt.
Kurzkommentar
Gegenprogramm zum „Herrn der Ringe“. Der italienische Regisseur Gabriele Salvatores präsentiert mit „Ich habe keine Angst“ ein im Kern intimes, handwerklich aber überraschend opulent inszeniertes Kinderdrama nach einem Drehbuch von Niccolò Ammaniti. Dass er seine Geschichte dabei – bei aller darstellerischen Behutsamkeit – als „großes Kino“ mit epischem Anstrich erzählt, kann einerseits als Zugeständnis zum Massengeschmack gewertet werden, andererseits als selbstbewusste Regie mit sicherem dramaturgischem Gefühl. Fakt ist jedenfalls, dass Süditalien mindestens so spektakulär ist wie Mittelerde.
Kritik
In dieser Woche kommt der dritte Teil des „Herrn der Ringe“ in die Kinos und bestimmt wie in den Vorjahren geradezu übermächtig das weihnachtliche Kinoprogramm. Nur wenige Verleiher trauten sich da, Frodo und seinen Gefährten etwas entgegen und ein Alternativprogramm auf die Beine zu stellen. Einer dieser Verleiher ist die Kinowelt GmbH, die mit Gabriele Salvatores „Ich habe keine Angst“ ein wunderschönes Kinderdrama mit erstaunlichen Parallelen zur Tolkien-Saga präsentiert. So gleichen sich die Themen der italienischen Kleinproduktion und der neuseeländische Übermacht auf signifikante Weise: auch in „Ich habe keine Angst“ geht es um Freundschaft und Opferbereitschaft, um den Glauben an Rettung und um die Überzeugung, auch als unbedeutende Person die entscheidende Wende bewirken zu können. Der 12-jährige Michele setzt sich ebenso wie Frodo gegen eine Welt der „Großen“ durch (die bezeichnenderweise – beinahe abfällig – die „Erwachsenen“ genannt werden), überwindet seine Angst, sich dem Fremden gegenüberzustellen und sich – gegen alle Drohungen seiner Eltern und deren „Freunde“ – für das Wohl eines anderen aufzuopfern.

Auch das Element des Fantastischen bringt Drehbuch- und Romanautor Niccolò Ammaniti dabei mit in die Geschichte ein: Michele inszeniert sich sporadisch selbst als ritterlichen Helden in einem fantastischen Roman, beschreibt seine Umwelt als wolle er die ihn umgebende Landschaft episch erfassen wollen und spricht von manchen Schlangen als seien sie bedrohliche Raubtiere. Regisseur Salvatores unterstützt das entsprechend, indem er etwa Eulen zeigt, die sich ihre Beute krallen, oder die phänomenale Natur Süditaliens einfängt, als habe er Mittelerde vor sich. Das funktioniert teilweise überraschend gut, vermitteln die sommerlichen Getreidefelder Apuliens doch eine unwahrscheinliche, visuelle Kraft – besonders in der ergreifendsten Szene des Films als Michele dem entführten Filippo für kurze Zeit zu etwas Freiheit verhilft und beide durch das Meer an goldgelbem Getreide fliegen als erblickten sie es zum ersten Mal.

Als kleiner Coup stellt sich dabei Salvatores bzw. Ammanitis Entscheidung heraus, die Geschichte konsequent aus der Sicht des 12-jährigen Jungen zu erzählen. Nicht nur, dass „Ich habe keine Angst“ dramaturgisch dieser Maxime treu bleibt (es gibt keine Szene, bei der Michele nicht anwesend ist), auch handwerklich hält sich Salvatores größtenteils an seine Vorgaben: die Kamera überschreitet selten eine Höhe von etwa 1,30m. Überhaupt ist diese Geschichte eine der Kinder, denn neben Michele widmet Salvatores auch den anderen kleinen Dorfbewohnern ausreichend Leinwandzeit. Teilweise sogar mehr als den Erwachsenen des Films, auch wenn Ammanti und er es geschickt verstehen, diese nicht allzu stereotypisch wirken zu lassen. So deutet Salvatores sowohl die innere Verzweiflung von Micheles Mutter Anna an, ihrem Sohn die Aussichtslosigkeit ihrer Lage klar und somit eine schreckliche Wahrheit plausibel machen zu müssen als auch die Dümmlichkeit von Micheles Vater Pino. Dieser erscheint zunächst als der klassische Patriarch, entpuppt sich aber mehr und mehr als eigentlich liebevoller Vater, der im wesentlichen zwei Probleme hat: 1) er hat die falschen Freunde und 2) er ist hoffnungslos naiv.

Natürlich hätte man die Parallelen zu Peter Jackson Großereignis niemals gezogen, wenn die Filme nicht zu ähnlichen Zeitpunkten gestartet wären, und Regisseur Salvatores hatte weiß Gott anderes im Sinn als er sich für diese Romanadaption zu interessieren begann. Aber die Themenverwandtschaft ist dennoch nicht zu leugnen, zumal die betont emotionale, beinahe kitschig-märchenhafte Atmosphäre des Films den Vergleich auch auf handwerklicher Ebene zu fördern scheint. Die satten Bilder, die schwelgerische Musik, die Ausweitung dieser „kleinen“ Geschichte zu einer epischen Parabel von umfassender Universalität, das weckt ähnliche Emotionen wie beim unterlegenen Frodo, der seine messianische Mission zur Rettung der Menschheit antritt. Und, Kitsch hin oder her, nichts anderes trifft auf den aufopferungsvollen Mut Micheles zu.

Visuell opulentes, behutsam inszeniertes Kinderdrama mit epischem Anstrich


Thomas Schlömer