Never Die alone

USA, 88min
R:Ernest Dickerson
B:James Gibson
D:DMX,
David Arquette,
Michael Ealy,
Drew Sidora
L:IMDb
„Nigger, you are insane”
Inhalt
Kurz nach der Rückkehr in seine Heimatstadt wird der Kriminelle David (DMX) ermordet. Der Journalist Paul (David Arquette) wird Zeuge des Mordes und versucht Davids Leben zu retten. Vergeblich. Allerdings gerät Paul in den Besitz von Tonbändern, auf denen David sein etwas anderes Tagebuch geführt hat. Derweil Paul nun den Grund des Todes des Drogendealers herausfinden will, wollen andere Parteien Paul und wiederum andere Parteien wiederum andere Figuren beseitigen. Der Kreis schließt sich.
Kurzkommentar
Die fiktive Autobiographie eines Drogendealers genießt in der Vorlage von Donald Goines hohe Popularität. Es überrascht aber nicht, dass „Never Die Alone“ nicht viel mehr bietet, als die undifferenzierte Bedienung sämtlicher Ghettogangsterklischees. An die Stelle erfreulich geringer Gewaltbetonung setzt der Thriller weder eine gute Besetzung noch ein schlüssiges wie geschickt konstruiertes Drehbuch. Drei Handlungsstränge werden als zusammenhängend ausgegeben, behindern sich aber fast dilettantisch.
Kritik
Besonders schlecht standen die Chancen diesmal ja nicht, über die üblichen Gangsterrapprotzereien und ausgelutschte Gewaltattitüden hinauszukommen. Immerhin darf sich „Never Die Alone“ auf die literarische Vorlage nicht irgendeines Autors, sondern auf die von Donald Goines stützen. Er galt als Kultautor der schwarzen Generation der 60er Jahre, der in ungeschminkter, kraftvoller Sprache das Ethos der von Drogen und Bandenkriegen beherrschten Straßenrealität einfing, weil er selbst ihr Teil war. Dann wurde er, so will es ja auch die Credibility, 1974 nach der Entlassung aus dem Gefängnis auf offener Straße selbst erschossen. Leben und Sterben ist bis ins Letzte fataler Teil der melodramatischen Inszenierung. Und Goines´ wird gerade von den Filmemachern entdeckt, weil die heutige Hip-Hop-Generation auch zahlkräftiges Kinopublikum stellt.

So ist neben „Never Die Alone“, fiktionale Autobiographie über das Schicksal eines selbstgerechten Drogendealers, für das nächste Jahr die Umsetzung von „Daddy Cool“ – eine Art Shakespearesche Rachephantasie mit Bleibeigabe – geplant. Ein Regisseur steht noch nicht fest. Um Rache, Schießeisen und prollige „Nigger“-Selbstinszenierung geht es unausweichlich auch in „Never Die Alone“. Dabei hätte der die Gewalt nur gering akzentuierende Gangsterthriller mehr als verzichtbar werden können. Das dies nicht so ist, hat mehrere Gründe. Erstens mag es ja cool sein, Rapmogul DMX „naturgemäß“ als harten Kerl im Gangstergenre zu installieren. Da Größenwahn aber programmatischer Teil des Hip-Hop-Prahlerei ist, sieht DMX, oder einfach Earl Simmons, aber partout nicht ein, dass er kein Schauspieler ist. Das ging zuletzt beim stumpfen „Born To Die“ nach Strich und Faden daneben und so auch jetzt.

Das Minimalacting von DMX mit stets gleichen unbewegten Gesichtszügen dürfte gerade für eine Neben-, aber nicht für eine Hauptrolle geeignet sein. Die kann jedoch – der zweite Grund – in „Never Die Alone“ ohnehin nur schwer identifiziert werden. Charaktere gibt es keine, nur Figurenverschnitte, die nie das Interesse des Zuschauers wecken. Vielleicht hätte die Adaption der Romanvorlage nicht dem Drehbuchautordebütanten James Gibson anvertraut werden sollen, der auch „Daddy Cool“ aufbereiten wird. Statt einen psychologisch komplexen, dramaturgisch geschickt verschachtelten und in Rückblenden erzähltes Ghettobild zu entwerfen, zerfasert „Never Die Alone“ in ungeschickt zusammengekleisterte Handlungsstränge, die einzelnen Spannungsbögen nur abträglich sind. Womöglich hätte das – der dritte Grund – mit anderer Regie auch anders ausgesehen.

So ist Ernest Dickerson zwar kein Neuling, im Gegenteil. Gerade als Kameramann von Regielegende Spike Lee („Malcom X“) hat er sich einige Meriten erarbeitet. „Never Die Alone“ ist auch nicht sein Regiedebüt, nur hat man von den vorigen Filmen, sieht man von der Actionkomödie „Bulletproof“ (1996) vielleicht einmal ab, kaum je gehört. Seine Begeisterung für die erzählerischen Mittel der Kamera kann Dickersen auch in „Never Die Alone“ kaum verhehlen. Eine Dogma-ähnliche, wackelnde Perspektive soll wohl der Illusion der Unmittelbarkeit dienen, ist aber eigentlich nur Schnickschnack und nicht besonders schön anzusehen. Aber auch jenseits der Form mit obligatorisch dröhnendem Rap mit eine halbwegs schicken Noir-Dosierung kommt „Never Die Alone“ nie in Fahrt. Die Figuren transportieren nicht den Hauch von Substanz, das gilt besonders für die entleere Rolle des Reporters vom Reißbrett, „gespielt“ von einem peinlich unterforderten David Arquette.

Es soll wohl Authentizitätsgeilheit des Reporters die Ursache dafür sein, dass jener hintergrundlose Paul irrsinnigerweise direkt im Straßenschlitten des stilecht ermordeten Drogenkönigs durchs Revier kutschiert, um nach der Ursache für dessen Tod zu fahnden. Das ist alles so behäbig wie die in Rückblenden und aus dem Off erzählte Vita des Kleinkriminellen ordinär ist. Hinzu kommt die typische Bandenkriegs- und Rachegeschichtskomponente samt einiger müder Schusswechsel, derweil King David seine Straßenpredigten weiter aus dem Hintergrund verbreitet. Das verkitschte Ende gibt dann vor, alle Handlungsstränge zusammenzuführen. Organisch geschieht das sicher nicht. Und ja, das Schicksal eines Mannes aus dem Drogen- und Gewaltsumpf kann das Leben vieler Menschen beeinflussen, mit der Waffe; so die Message. Nichts Neues aus dem Ghetto also.

Phlegmatischer Gangsterthriller mit verhunzter Handlungsführung


Flemming Schock