Vergiss mein nicht!
(Eternal Sunshine of the Spotless Mind)

USA, 108min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michel Gondry
B:Michel Gondry, Charlie Kaufman, Pierre Bismuth
D:Jim Carrey,
Kate Winslet,
Elijah Wood,
Kirsten Dunst,
Mark Ruffalo
L:IMDb
„Warum verliebe ich mich in alle Frauen, die mir nur ein kleines bißchen Aufmerksamkeit schenken?”
Inhalt
Wer kennt ihn nicht, den Schmerz, wenn große Gefühle zu Ende gehen? Joel (Jim Carrey) will mit Hilfe eines 'genialen' Wissenschaftlers endlich Ordnung in sein Leben bringen und seine verflossene Liebe Clementine (Kate Winslet) vergessen, die ihm immer noch so viel Kopfzerbrechen bereitet. Die Lösung: Er lässt sich mit einer neuen Behandlungsmethode einen Teil seines Gedächtnisses löschen. Leider ist der Eingriff nur von kurzem Erfolg, denn Joel verliebt sich ausgerechnet wieder neu in die unbekannte Schöne: Clementine! Und bald wird klar, dass er diese Frau einfach nicht aus dem Kopf kriegen wird.
Kurzkommentar
Mit „Vergiss mein nicht!“ machen der französische Musikvideo-Regisseur Michel Gondry und Drehbuchautor Charlie Kaufman ihren ersten Fehler („Human Nature“) wieder gut und sinnieren mit hohem Einfallsreichtum über den Wert von Erinnerungen, die Verbindlichkeit der Liebe und die Möglichkeit einer zweiten Chance. Die verspielte Inszenierung und die verschachtelten Erzählebenen täuschen dabei glücklicherweise nicht über den zutiefst romantischen Kern des Films hinweg, der Liebe auch über große Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten propagiert.
Kritik
Paradoxerweise verkörpert genau jener Autor, der zuvor an der Schablonenhaftigkeit Hollywoods verzweifelt ist, dessen größten Traum: der Independent-Autor Charlie Kaufman musste sich Jahre lang sein Geld mit wenig lukrativen Aufträgen für TV-Serien wie „The Trouble with Larry“ oder „Ned and Stacey“ verdienen, bevor ihm in Kooperation mit dem ehemaligen Video-Clip Regisseur Spike Jonze der große Durchbruch gelang („Being John Malkovich“). Er, der seine eigenen, leidvollen Erfahrungen im Kampf mit dem Produktionssystem „Filmindustrie“ wiederum in einem eigenen Drehbuch thematisierte (und damit gleich eine weitere Oscar-Nominierung erntete: „Adaption“) ist nun ausgerechnet der erste (oder zumindest aktuelle) „Star“ seiner Zunft. Dank komplexen wie überdurchschnittlich intelligenten Vorlagen zu den angesprochenen Filmen von Jonze sowie zum Kinodebüt von George Clooney („Confessions of a dangerous mind“) wird Kaufman derzeit gleich so gefeiert, dass man seine Filme primär mit ihm identifiziert – und nicht etwa mit dem Regisseur. Dass eine seiner fantasievollen Vorlagen aber kein Garant für einen guten Film ist, bezeugten nun ausgerechnet Kaufman und Musikvideo-Regisseur Michel Gondry mit Gondrys Kinodebüt „Human Nature“, einem allgemein als ziemlich misslungen bewerteten Versuch, die ästhetischen Fähigkeiten Gondrys mit dem überbordenen Einfallsreichtum Kaufmans zu verknüpfen.

„Eternal sunshine of the spotless mind“, so der gleichsam bizarre wie vorbelastete Originaltitel der neuesten Gondry/Kaufman-Kollaboration (der Titel ist einem Poem Alexander Popes entnommen und wird auch im Film kurzerhand zweckentfremdet), scheint nun alles besser machen zu wollen und reflektiert in gewissem Maße gleich das Fazit des Films: allen Differenzen zum trotz kann ein zweiter Versuch manchmal durchaus lohnend sein. Für Gondry/Kaufman kann das nach „Vergiss mein nicht!“ jedenfalls bedenkenlos gelten, denn beider Talente gehen hier eine ziemlich harmonische Symbiose ein. Kaufmans Spiele mit Erzählebenen, Träumen und Erinnerungen stellen wohl die perfekte Basis für einen renommierten Musikvideo-Regisseur wie Gondry dar, zumal Kaufman nicht nur zwei vordergründige Plots erzählt (die Bebilderung des und die Flucht vor dem Löschvorgang sowie die Probleme der Lucana Inc. während ihrer Arbeit), sondern auch eine fast mit dem Prädikat „kaufman'sch“ zu bezeichnende Reflektionsschicht einbettet: während Clementine und Joel ein Versteck in Joels Erinnerungen suchen, um Clementine vor der Löschung zu bewahren, alternieren die Dialoge zwischen konkreten Sätzen aus den Erinnerungen und kommentierenden Anmerkungen, die sogleich die Situation bewerten und auseinandernehmen.

Das wird wohl am deutlichsten in der zentralen Sequenz des Films, einer unheimlich dichten, knapp zwanzigminütigen Montage, in der Joel Barish und Clementine Kruczynski (bei Kaufman muss sich wohl gleich im Namen die Differenz beider Charaktere manifestieren) gemeinsam dem Löschvorgang entkommen und ein Versteck für Clementine finden wollen. Virtuos verschränken sich hier die erzählerischen Ebenen Kaufmans mit dem visuellen Einfallsreichtum Gondrys, sind doch relativ schwierige Computereffekte angenehm zurückhaltend integriert und tragen ohne Effekthascherei zur Dichte der Sequenz bei. Beeindruckend ist dabei aber nicht nur die Fülle an Material, die Gondry und Kamerafrau Ellen Kuras zusammentragen und stakkato-artig auf Barish (und den Zuschauer) einprasseln lassen, sondern auch, mit welcher Beiläufigkeit optische Tricks hier eine simple, inhaltliche Entsprechung finden ohne große Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Etwa in der Szene, in der Barish Clementine von einer Straßenecke zur anderen hinterherhetzt, sie aber nie erreicht, weil sich zum Zeitpunkt seiner Ankunft immer die komplette Szenerie verändert hat.

Trotz ihrer inhaltlichen Verbindung können solche Spielereien allerdings schnell langweilig werden und für einen Moment befürchtet man, Gondry versuche Redundanzen des Drehbuchs mit optischen Tricks zu verdecken. Doch Kaufman ist klug genug, zu wissen, dass die einfache „Flucht“ vor wegbrechenden Erinnerungen nicht einen kompletten Film füllen kann und letztlich nur Gimmick bleiben wird, sollte er dem Ganzen nicht die nötige Aussage und damit Tiefe abgewinnen. So besteht die Leistung seines Drehbuchs nun gerade darin, die tiefe Melancholie, die der Grundidee verbunden ist (Was könnte melancholischer sein als das Schwelgen in schönen Erinnerungen?), mit Hilfe der angesprochenen „Reflektionsebene“ für den Zuschauer erfahrbar zu machen: am Anfang fällt es Joel noch leicht, die Erinnerungen an Clementine löschen zu lassen, weil Trennung und Streit im Mittelpunkt stehen. Dann jedoch geht es an die schönen Erinnerungen, die, die trotz aller Auseinandersetzungen am längsten im Gedächtnis haften bleiben, und schon wird Joel wehmütig und möchte den Vorgang am liebsten abbrechen.

Man merkt, Kaufman ist und war auch schon immer ein zutiefst romantischer Drehbuchautor, einer, der sich sogar für den Kitsch nicht zu schade ist (ebenso wie Gondry, der die letzten Bilder mit einem doch sehr gefühlsbetonten Song mischt) und Joel und Clementine ein eher märchenhaftes Happy-End gönnt. Das ist aber legitim, denn zum einen ist „Vergiss mein nicht!“ frei von Zynismus und Manipulation, zum anderen zeigen Kaufman und Gondry, dass sie an mehr interessiert sind als an einer gewitzten, Clip-artigen Inszenierung: am Schluss, als beide mit ihren aufgezeichneten Begründungen für den Löschvorgang konfrontiert werden, haben sie sichtlich Mühe, ihre vergangenen Trennungsgründe zu ignorieren und es erneut miteinander zu versuchen. Sie müssen die wichtigste Prüfung – nämlich die Überwindung eigener (Vor-)Urteile – zunächst noch bestehen bevor sie an eine neue Beziehung denken können.

Verspielte wie melancholische Romanze, hervorragend inszeniert und gespielt


Thomas Schlömer