Back to Gaya

Deutschland, 97min
R:Lenard F. Krawinkel
B:Jan Berger, Don McEnery, Bob Shaw
D:Michael Herbig,
Vanessa Petruo,
Sebastian Höffner,
Torsten Lennie Münchow
L:IMDb
„Gütiges Gaya!”
Inhalt
Gaya, ein fantastisches Reich mit paradiesischen Landschaften voll prächtiger Farben, ist die Heimat der Gayaner. Sie sind zwar viel kleiner als Menschen, haben aber in ihren Eigenarten und Verhaltensweisen verblüffende Ähnlichkeit mit uns. Der magische Stein namens Dalamit ist gestohlen worden – ohne ihn sind die Bewohner von Gaya dem sicheren Untergang geweiht. Also übernehmen Buu und Zino die gefährliche Aufgabe, den lebenswichtigen Stein zu suchen. Ihre abenteuerliche Reise führt sie in eine fremde und unheimliche Welt – nämlich die unserer alltäglichen Realität: Erst als die beiden zusammen mit der unerschrockenen Bürgermeisterstochter Alanta ihre Heimat verlassen, merken sie, dass sie eigentlich Helden einer Fernsehserie sind.
Kurzkommentar
So sehr man Verständnis dafür haben kann, dass der erste, computergenerierte Animationsfilm aus Deutschland ein sicheres Unternehmen sein musste und wenig Risiko im Spiel sein durfte, so enttäuschend muss man letztlich doch feststellen, dass aus „Back to Gaya“ nicht mehr geworden ist als ein solider Unterhaltungsfilm für ein junges Publikum. Technisch überraschend ausgereift, mangelt es „Back to Gaya“ vor allem an eigenem Charakter, interessanten Figuren und fantasievollerem Design.
Kritik
Ich hatte einmal die Gelegenheit einem zweitägigen Seminar von Kyle Balda, einem der Lead Animator von Pixar – verantwortlich für die ein oder andere Animation des Woody aus „Toy Story 2“ oder des blauen Monsters Sulley aus „Monsters Inc.“ –, beizuwohnen. Darin betonte Balda, dass das PR-Gefasel von Pixar-Kopf John Lasseter, der in keinem seiner Interviews müde wird zu betonen, dass Geschichte und Charaktere allen technischen Fortschritts zum trotz immer noch das Wichtigste eines Animationsfilms seien, keineswegs nur dahergeredet sei. Es sei nicht nur so, dass jeder Animator des Hauses die Geschichte und seinen zu animierenden Charakter vollkommen verinnerlichen müsse, bevor er mit seiner Arbeit beginnt, teilweise würden die Leute sogar explizit nach diesen Qualitäten eingestellt – ganz egal wie technisch ausgereift das Demoband auch sein mag. So zeigte uns Balda den frühen Studentenfilm „Winter“ des „Monsters Inc.“-Regisseurs Pete Docter, der mit relativ einfacher Animation und simpler Bildsprache in nur drei Minuten eine große Sympathie zu seinen Charakteren aufzubauen vermag. Ein kleines Mädchen genießt in der Winterlandschaft den ersten Schnee, während ein schrulliger Nachbar einfach nur seine Ruhe haben möchte und sich vom Gekreische des Mädchens ziemlich belästigt fühlt. Während er den Konflikt zunächst noch mit „kriegerischen“, eher gewaltsamen Mitteln lösen möchte, gewinnt er das anhängliche Mädchen schnell lieb und lässt sich nachher auf so etwas wie eine Freundschaft mit ihr ein. Diese Palette von Emotionen vermittelt der Film auf ungemein flotte und nachvollziehbare Weise.

Diesen Erfahrungsbericht am Anfang der Kritik zum ersten, vollständig computergenerierten Animationsfilm aus deutschen Landen zu bringen, zeigt wohl, worin der Hauptmangel von „Back to Gaya“ besteht. Es fehlt hauptsächlich an Charakter und Emotion, auch etwas an Fantasie, vor allem aber an Eigenständigkeit. „Back to Gaya“ entpuppt sich sicherlich nicht als schlechter Beitrag zur wachsenden Anzahl der computergenerierten Feature Filme, aber das ist – angesichts der zahlreichen hochkarätigen Mitglieder dieses noch sehr jungen Subgenres – eben leider nicht genug. Dabei hat die Grundidee durchaus Potenzial: eine Gruppe unterschiedlicher Fantasiewesen muss erkennen, dass sie nur Figuren einer Fernsehserie der menschlichen Welt sind, müssen sich letztlich sogar ihrem Schöpfer stellen und erkennen, dass ihre Existenz bloß der Unterhaltung anderer, „mächtigerer“ Lebewesen dient. Dieser Ansatz hätte durchaus Kraft, nicht nur eine actionreiche (wie hier), sondern auch berührende Geschichte erzählen zu können, genutzt hat man es hingegen kaum. Die erste, halbe Stunde besteht sogar aus dermaßen vielen Verfolgungsjagden, überzogenen Kamerafahrten und actionreichen Elementen, dass man sich unmittelbar fragt, worin eigentlich die Geschichte bestehen soll. Ein ans POD-Rennen aus „Star Wars – Episode 1“ erinnernder Racing-Wettbewerb, ein bis zur Naturkatastrophe werdender Diebstahl des gayanischen Weltsteins, eine Flucht in der Kanalisation vor einer Horde Ratten, das ist doch deutlich zuviel des Guten, zumal das Geschehen weder sonderlich gewitzt, noch irgendwie spannend aufbereitet sind.

Wie gerne hätte man zum Beispiel mehr von der Fantasiewelt Gaya gesehen, vom Alltag der Schnurks und ihrem Verhältnis zu den Gayanern, von der Ordnungsstruktur ihrer Welt und ihrem geregelten Dasein. Stattdessen landet man bereits nach zehn Minuten in der Welt der Menschen und muss mit ansehen, wie die kleinen Figuren einen dümmlichen Barbesitzer kalt machen. Das ist filmhandwerklich kompetent und sicher präsentiert, für das kindliche Zielpublikum vermutlich sogar gediegene Unterhaltung, aber wenn schon eine komplette Erbschaft in den ersten, deutschen CGI-Film gesteckt wird (wie es Produzent und Regisseur Horst Tappe getan hat), nimmt man sich da nicht mehr als durchschnittliche Kost zum Ziel?

Vermutlich schon und dass Ambient Entertainment mit „Back to Gaya“ gescheitert ist, wäre auch nicht wirklich schlimm, würden die mageren 50.000 Zuschauer am ersten Wochenende nicht den bangen Gedanken wecken, dass es mit der ohnehin sehr trostlosen Animationsbranche in Deutschland nun noch weniger bergaufwärts gehen wird. Selbst als vor vier Jahren noch kein „Monsters Inc.“, „Shrek“ und „Findet Nemo“ in den deutschen Kinos gestartet war, dürfte den Machern klar gewesen sein: mit einer einfachen Verrückter-Wissenschaftler-will-die-Welt-an-sich-reißen-Thematik wird man kein Millionpublikum in die Kinos locken können.

Solider Animationsfilm ohne eigenes Profil


Thomas Schlömer