Unterwegs nach Cold Mountain
(Cold Mountain)

USA, 155min
R:Anthony Minghella
B:Charles Frazier,Anthony Minghella
D:Jude Law,
Nicole Kidman,
Renée Zellweger,
Eileen Atkins,
Brendan Gleeson
L:IMDb
„Etwas gewinnt nicht an Wert, wenn man es wiederholt”
Inhalt
North Carolina, um 1860: Ein einziger Kuss, mehr Zeit bleibt Pfarrerstochter Ada (Nicole Kidman) und Inman (Jude Law) nicht für ihre Liebe. Dann muss der friedfertige Inman in den Bürgerkrieg ziehen. Drei Jahre lang kämpft er auf Seiten der Konföderierten, überlebt Hunger und Verwundungen und hütet in all dem Grauen das einzige Foto von Ada wie einen Schatz. Als Inman schwer verletzt nach der Schlacht von St. Petersburg im Lazarett liegt, beschließt er zu desertieren. 300 Meilen durchquert er zu Fuß ein Land, das an den Wunden seines Bürgerkriegs leidet. Aber auch Ada hat der Krieg verändert. Nur mit Hilfe der naturverbundenen Ruby (Renée Zellweger) wird aus Ada eine selbstbewusste Frau, die ihren Lebensunterhalt mit der väterlichen Farm erwirtschaftet. Dennoch sehnt sie sich nach nichts so sehr, wie nach Inmans Heimkehr.
Kurzkommentar
In amerikanischen Kritiken wurde „Cold Mountain“ hauptsächlich zum Vorwurf gemacht, bei der Realisierung zu sehr auf Oscartrophäen und Auszeichnungen und weniger auf die glaubhafte Vermittlung einer berührenden Geschichte wert gelegt zu haben. Das ist angesichts des riesigen Staraufgebots nicht zu leugnen, aber Anthony Minghellas Adaption einer Charles Frazier-Vorlage krankt vor allem auch an seiner unklugen Dramaturgie, seiner historischen Unverbindlichkeit und seiner falschen Fokussierung.
Kritik
Seit das ehemalige Independent-Studio Miramax mit Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ zu einer Art Mainstream-Independent-Studio aufgestiegen ist, gelten ihre Filme als sichere Kandidaten für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester Film“. So war in sechs der letzten sieben Jahre mindestens ein Film aus dem Hause Miramax für den Oscar nominiert, auch wenn davon „nur“ drei gewinnen konnten: Anthony Minghellas „Der englische Patient“ (1997), John Maddens „Shakespeare in Love“ (1999) und Rob Marshalls „Chicago“ (2003). Besonders die letzte Verleihung war dabei Miramax-dominiert: neben dem Gewinner „Chicago“ waren noch drei(!) weitere Nominierungen mit den Geldern der Gebrüder Weinstein finanziert worden: „Gangs of New York“, „The Hours“ und „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“. Da blieb dem letzten Kandidaten, Roman Polanskis „Der Pianist“, nicht der Hauch einer Chance, zumal die „Weinsteins“ als knallharte Oscar-Fetischisten bekannt sind.

In diesem Jahr sieht das schon etwas anders aus. Zwar kann man auch hier wieder auf einen Film der „Herr der Ringe“-Trilogie verweisen und auch Peter Weirs „Master and Commander“ ist zum Teil mit Miramax-Unterstützung entstanden, aber ein ähnlicher Coup wie seinerzeit mit „Der englische Patient“ ist ausgeschlossen. Und das, wo man doch so sehr auf die Zutaten geachtet hat: epische Liebesgeschichte, gleicher Regisseur, gleicher Kameramann, gleicher Komponist, noch größeres Staraufgebot, noch größeres Budget. Dass Miramax' Rechnung im Falle von „Cold Mountain“ nicht aufgegangen ist, sorgte in Hollywood-Kreisen für hämisches Gekichere, ist angesichts des filmischen Ergebnisses aber zunächst mal eines: gerecht. Mag man vielleicht auch Gary Ross' Pferdeoper „Seabiscuit“ gewissen, kalkulativen Hintersinn unterstellen und ebenso Peter Weirs „Master and Commander“ angesichts seines wenig überzeugenden, dramaturgischen Konzepts für Oscar-“unwürdig“ halten, Minghellas „Cold Mountain“ steckt sie in seiner berechnenden, fast anbiedernden Art locker in die Tasche.

Dabei möchte man Autor und Regisseur Anthony Minghella in seinem Versuch, eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den emotionalen Auswirkungen des amerikanischen Bürgerkrieges auf die Leinwand zu bannen, durchaus gute Absichten zugestehen, gilt die Buchvorlage von Charles Frazier zudem noch als relativ komplex und plotlastig. Aber schon dramaturgisch hat Minghella wohl die falsche Entscheidung getroffen als er sich dazu entschied, die Handlung episodenartig voran zu treiben. Beinahe über die komplette Filmlänge wechselt der Handlungsort in regelmäßigem Takt von Inman zu Ada, von der Odyssee des Desserteurs zu den Alltagsproblemen in einer vom Krieg gezeichneten, ländlichen Gegend. Diese parallele Montage kann durchaus reizvoll sein, etwa um die romantisierenden Erinnerungen der beiden Protagonisten mit ihrer tatsächlichen Entwicklung über einen Zeitraum von vier Jahren zu kontrastieren und diese Entfremdung dann – was besonders tragischen Charakter hätte – im schlussendlichen Wiedersehen als unüberbrückbar zu charakterisieren, die gegenseitige Sehnsucht also als Traumvorstellung zu entlarven. Diese Möglichkeit nutzt Minghella aber nur im Ansatz: Ada scheint Inman zunächst nicht mehr wieder zu erkennen, dann aber wendet sich alles zum Guten und trotz distanzierter Kühle hüpft man am selben Abend noch ins Bettchen.

Überhaupt stellt sich die kurze Einführung der beiden Charaktere als eines der Hauptprobleme des Films heraus, verbringen Ada und Inman doch gerade mal drei, vier Szenen miteinander und diese mit nicht unbedingt tief greifenden Gesprächen. Was sie außer ihrem Äußeren aneinander finden, bleibt somit völlig im Unklaren. Und doch hat man das Gefühl, dass es Minghella gar nicht so sehr um die „große“ Liebesgeschichte ging, erhält sogar phasenweise den Eindruck, sie wäre ihm – im Hinblick auf Kassen- und Oscarchancen – aufgezwungen worden. Die meiste Zeit verbringt der Film schließlich damit, die Auswirkungen des Bürgerkriegs auf das (weiße) Amerika zu bebildern, von einfachen Frauen zu erzählen, die jetzt ohne Mann auskommen müssen und von einfachen Eltern, die jetzt ohne Söhne dastehen. Hier arbeitet Minghella eine Episode nach der anderen ab, lässt Inman so ziemlich alles erleben, was man im Krieg nur so erleben kann: Habgier, Zynismus, Brutalität, Überlebenskampf, aber auch Opferbereitschaft, Mitleid, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft. Das könnte man als homer'sche Odyssee interpretieren, Inmans moralische Standhaftigkeit, diversen Sünden zu widersagen (zwei Frauen bieten sich ihm zum Sex an, er widersteht dem Diebstahl, er rettet einen Priester), als christianisches Glaubensbekenntnis. Vor allem aber scheint er die immer noch richtige, aber eben nicht neue Botschaft vermitteln zu wollen: Krieg trifft letzten Endes immer die Falschen, prägt sie jedoch für immer.

Am stärksten zeigt das die Episode mit Natalie Portman als junge Mutter, deren Baby von Nordstaatlern als Geisel genommen wird, und die, nach körperlicher und psychologischer Qual, am Ende ihre eigene Moral verliert: sie schießt selbst denjenigen nieder, der ihr gar kein Leid zufügen wollte. Dass in „Unterwegs nach Cold Mountain“ also vor allem die Nebenfiguren Geschichte erzählen und die größte, emotionale Resonanz hervorrufen, tut dem Film gar nicht gut und immer wieder wird der Zuschauer mit schwer poetischen Briefdialogen zwischen Ada und Inman geärgert. Von der Palette an viel interessanteren Charakteren wie etwa Adas Vater, der ruppigen Rudy, deren Vater Stobrod oder einer mysteriösen Heilerin erfährt man hingegen nur das nötigste.

Man könnte dem Film zusätzlich noch seinen stur unpolitischen Charakter, sein Desinteresse an der Rassismusproblematik und die nur sehr spärliche Beleuchtung des geschichtlichen Hintergrundes zum Vorwurf machen, aber „Cold Mountain“ hat schon genug mit seiner Dramaturgie zu kämpfen, mit seinem wesentlich zu üppigen Staraufgebot, das eigentlich nur ablenkt, und mit seiner handwerklichen Konventionalität. Für die Glaubhaftigkeit der Geschichte und des Szenarios wäre es jedenfalls besser gewesen, wenn Minghella und seine Produzenten weniger kalkuliert vorgegangen wären, weniger auf Stars gesetzt und die Liebesgeschichte eher in den Hintergrund gedrängt hätten. Die unzähligen Nebenfiguren hätten jedenfalls genügend Stoff für eine reichhaltige Erzählung geboten.

Zerfasertes, größtenteils unspannendes Liebes- und Bürgerkriegsdrama


Thomas Schlömer